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Jeff Jarvis Das Leben im Google-Zeitalter

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US-Präsidentschaftskandidat Quelle: rtr

Es gibt Blogger, deren Einnahmen – wie auch der Wert ihrer Blogs – wesentlich höher liegen. Aber Buzzmachine ist groß genug. Kalkulieren Sie auch die sinkenden Aufwandskosten ein, wenn Sie ausschließlich online arbeiten – kein Büro, keine Fahrten zum Arbeitsplatz, keine Anzüge –, und Sie können Ihre Vorstellungen von Rentabilität, kritischer Masse und Erfolg nach unten korrigieren. Der Preis für Unabhängigkeit ist gefallen.

In einer Zeit, wo so viele Menschen ihre Arbeit satthaben – Sie kennen das sicher –, ist dieses Selbstvertrauen sehr wirkungsvoll. Loyalität zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer starb schon zu meiner Zeit aus. Jetzt, da man die Chance hat, eine Schweinekohle zu verdienen und dabei die Machenschaften des Büroalltags hinter sich zu lassen, schwindet auch die Loyalität der Arbeitnehmer gegenüber den Arbeitgebern. Immer mehr Menschen versuchen, es allein zu schaffen. Sie wollen und können es – oder ihnen bleibt gar keine Wahl, wenn sie von Firmen, die sich gesundschrumpfen, auf die Straße gesetzt werden.

Das Zeitalter der Vergebung

Die Marketing-Firma Alloy berichtete 2007, 96 Prozent der jungen Leute in den USA nutzten soziale Netzwerke aller Art. Selbst wenn eine Bindung abzureißen droht, sind junge Menschen immer noch über Freunde von Freunden miteinander vernetzt und nie weiter als einen Schritt oder zwei voneinander entfernt.

Ich glaube, diese dauerhafte Verbundenheit kann das Wesen von Freundschaft und unseren Umgang miteinander verbessern. Es wird nicht mehr so leicht sein, der Vergangenheit zu entkommen, sich wie ein Idiot zu benehmen und dann abzuhauen. Wir werden durch mehrere Fäden miteinander verbunden sein, länger als zu den Zeiten, als wir alle noch in Kleinstädten lebten. [...] Unsere Fehler, jugendliche Irrtümer und Unbesonnenheiten werden öffentlicher und dauerhafter sein [und] uns bis an unser Lebensende verfolgen, denn dank Google hat die Welt ein besseres Gedächtnis.

Doch hier kommt der Grundsatz gegenseitig zugesicherter Blamage ins Spiel, der uns schützen wird. Wir alle kennen Dinge, die uns peinlich sind. Die weniger glänzende Kehrseite der goldenen Regel lautet: Ich erspare dir, dass du dich schämen musst, wenn du es mir ersparst. Um es gewählter auszudrücken, zitiere ich den Autor David Weinberger, der auf einer Konferenz sagte: „Ein Zeitalter der Transparenz muss ein Zeitalter des Vergebens sein.“

Vielleicht bewirkt unsere neue Öffentlichkeit, dass wir mitfühlender und [...] auch versöhnlicher miteinander umgehen und mit den Irrtümern und Schwächen öffentlicher Personen ebenfalls.

Man merkt das bereits. Barack Obama räumt ein, er habe in jungen Jahren Marihuana geraucht, und niemand regte sich auf. Wer sind wir, dass wir Steine werfen könnten, wo wir dank Google doch alle in Glashäusern sitzen? [Oder] um es googelig zu formulieren: Das Leben ist ein Prototyp.

Ich höre oft den Einwand, das Privatleben sei zu öffentlich geworden. Was wird aus der Privatsphäre? „Nichts, was Sie tun, wird jemals verschwinden, und nichts, was Sie tun, wird unbemerkt bleiben“, erklärte Vint Cerf, einer der Väter des Internets und seit Kurzem einer der Google-Verantwortlichen, vor Publikum in Seattle. Dann fügte er hinzu – mit einem Schuss Ironie, wohlgemerkt: „Es gibt keine Privatsphäre, finden Sie sich damit ab.“

Er hat recht. Ich behaupte, Privatsphäre ist einer der strapaziertesten Begriffe dieser Zeit. Das Entscheidende ist nicht Privatsphäre. Sondern Kontrolle. Wir brauchen Kontrolle über unsere persönlichen Informationen, darüber, ob und wem gegenüber etwas öffentlich gemacht wird und wie es verwendet wird. Wir haben ein Recht darauf, jedenfalls dann, wenn es um Angelegenheiten außerhalb öffentlichen Interesses geht.

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