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Jeff Jarvis Das Leben im Google-Zeitalter

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Die Ethik der Privatsphäre hat sich für die Generation G [Google] radikal verändert. Leute in meinem Alter oder älter regen sich auf über all die Informationen, die junge Leute über sich selbst veröffentlichen. Ich versuche immer, zu erklären, dass es eine soziale Geste ist, andere an persönlichen Dingen teilhaben zu lassen. Es ist die Basis der Verbindungen, die durch Google möglich werden.

Wenn wir etwas über uns selbst öffentlich preisgeben, haben wir uns so deutlich markiert, dass wir unter dieser Bezeichnung gesucht und gefunden werden können. Wie ich im Kapitel über Gesundheit erklärt habe, kann ich durch mein Herzleiden über eine Suchanfrage gefunden werden. So konnten andere mich erreichen und wir konnten Informationen austauschen. Öffentlichkeit bringt mir so einen persönlichen Nutzen, der die Risiken überwiegt.

Öffentlichkeit ist ein gemeinsames Gut. Die Weisheit der Masse gehört der Masse. Einen Teil des gemeinsamen Wissens zurückzuhalten – einen Link, die Bewertung eines Restaurants, eine winzige Empfehlung – kann zu einer neuen Definition antisozialen oder immerhin eigennützigen Verhaltens werden. All das und noch etwas ganz Entscheidendes – unser Ego – bringt uns dazu, uns online zunehmend mehr zu offenbaren. Wir möchten uns äußern und entdeckt werden. Der Schatten, den wir online hinterlassen, wird zu unserer Identität.

Google beeinflusst die namensgebung von Kindern

Ich wette, bald geben Eltern ihren Kindern besonders ausgefallene Namen, damit sie bei einer Google-Suche auffallen. Chris Anderson, Herausgeber von Wired verwies auf erste Anzeichen dieses Trends: Laura Wattenberg, Autorin von The Baby Name Wizard, schreibt, in den 1950er-Jahren bekam ein Viertel aller Kinder einen der zehn häufigsten Namen, mittlerweile nur noch ein Zehntel.

Das lässt mich schon vermuten, dass Eltern sich demnächst erst mal einen .com-Domain-Namen sichern und ihrem Baby dann diesen Spitznamen geben. [...] Wie Associated Press 2007 berichtete, war das bereits geschehen: „Noch bevor Mark Pankow seinem Kind einen Namen gab, stellte er sicher, dass BennettPankow.com noch nicht vergeben war.“

Noch mehr als von Namen wird unsere Identität [aber] durch unsere Errungenschaften und Schöpfungen bestimmt, etwas, wofür wir bekannt sind, Dinge, die eine Google-Suche einschränken. Ich bin der Blogger Jeff Jarvis, der über Google und die Medien schreibt, nicht Jeff Jarvis, der Jazz-Trompeter, nicht Jeff Jarvis, der Segway-Reisen in Thailand veranstaltet (verdammt, der wäre ich gern), nicht der Jeff Jarvis, der Chef eines Mobile Field Service Software Providers ist (was immer das sein mag), und ganz bestimmt nicht Jeff Jarvis, der Highschool-Sportler (dafür bin ich leider zu alt und zu unsportlich). Ich bin Jeff Jarvis Nummer eins. In der Google-Schlacht muss jeder sehen, wo er bleibt. [...]

Die Generation G wird ein anderes Verständnis von Zugehörigkeit, Loyalität, Patriotismus und Macht haben. Sie wird neuen Nationen angehören: einer Nation von Computerfreaks, einer Nation von Diabetikern, einer Nation von Künstlern.

Möglicherweise wird sie sich diesen Nationen mehr verbunden fühlen als der Stadt oder dem Land, aus dem sie kommt. [...] Wir richten zehn Millionen Blogs ein. Wir machen Hundert Millionen Flickr-Fotos. Einige Hunderttausend Menschen verfassen Vorstellungsseiten für Facebook. Jede Minute werden zehn Stunden Videomaterial auf YouTube hochgeladen. Die Menschen entwerfen T-Shirts bei Threadless, Turnschuhe bei Ryz und Dinge aller Art bei Etsy. Kids gründen Firmen. Und, und, und...

Das Internet macht uns nicht kreativer. Doch es bietet die Möglichkeit, dass das, was wir schaffen, gesehen, gehört und genutzt wird. Es gibt jedem Schaffenden die Chance, ein Publikum zu finden, das Publikum, das er oder sie verdient. So wird Schöpfungskraft aus den besitzergreifenden Händen der angeblich kreativen Klasse befreit. [...] Dadurch finden wir nicht nur, was uns gefällt, wir finden auch Menschen, denen gefällt, was wir tun.

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