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Karriere Der Kritzelmeister von Google

Dennis Hwang ist der bekannteste unbekannte Künstler der Welt. Sie kennen ihn nicht? Eben. Aber wie Millionen andere Menschen kennen Sie seine Bilder: Sie zieren die Startseite von Google und heißen Doodles.

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Google Doodle

Hätte er damals auf sein Herz gehört, wäre wahrscheinlich alles ganz anders gekommen. Dann wäre Dennis Hwang vielleicht tatsächlich ein hungernder Künstler geworden, der sich in den Straßen von New York mit Karikaturen von Touristen durchschlägt.

Porträts malen, Animationsfilme zeichnen – das war sein Traum. Doch für einen Sommer verabschiedet er sich von dem Ziel. Ein Bekannter überredet ihn, als Praktikant bei einem unbekannten Suchmaschinen-Startup einzusteigen, als Assistent des Webmasters. Bei Google.

Acht Jahre später sitzt Dennis Hwang auf einem plüschigen Sessel in der Bibliothek des neuen Google-Entwicklungszentrums in Zürich und sagt, dass er einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Deswegen ist er heute einer der wichtigsten Mitarbeiter des wichtigsten Internet-Unternehmens und einer der bekanntesten unbekannten Designer der Welt.

Zu besonderen Anlässen verziert Hwang das Logo der Suchmaschine Google mit kleinen Bildern. Doodles nennt sie Google, zu Deutsch: „Gekritzel“.

Am Weltwassertag etwa lässt er ein paar Tropfen aus den beiden „o“ des Firmenschriftzugs plätschern, zum Geburtstag des Bauhaus-Gründers Walter Gropius verwandelt er die Google-Buchstaben in Kasten-Häuser und zum Gedenken des norwegischen Malers Edvard Munch zerfließt einer der Buchstaben zu einem schreienden Gesicht.

Mehr als 180 Millionen Menschen sehen seine Zeichnungen jeden Tag. Und wenn wieder ein neuer Hwang auf die Seite geladen wird, gebe es „Wäschekörbe voll“ mit Fanpost, heißt es bei Google. Etwa 50 solcher Doodles produziert Hwang im Jahr.

Dabei zeichnet er nur im Nebenberuf. Den größten Teil des Tages ist er Webmaster Manager. Mehr als 40 Menschen arbeiten für ihn in Mountain View, der Google-Zentrale in Kalifornien. Hwang verantwortet alles, was auf der Google-Seite zu sehen ist: Links, Anleitungen, Werbekästen – nichts wird verändert, ohne dass er es abgesegnet hat. Er ist Chef aller Google-Webmaster weltweit, ein Chef mit Bubengesicht.

Obwohl er vor einigen Wochen seinen 30. Geburtstag feierte, sieht er immer noch aus wie der 22-jährige Praktikant von damals. Er lacht viel, seine Augen mustern seine Gesprächspartner aufmerksam und am Ende bedankt er sich artig für das Treffen. Hwang ist ein Mensch, den man mögen möchte. Er ist wie Google: jung, verspielt, lustig – und kreativ.

Konzeptionell seien die Doodles „brillant“, sagt Paolo Tumminelli, Professor an der International School of Design in Köln. Mit ihnen gehe Google „einen sehr interessanten neuen Weg“, sagt Karen Heumann, Geschäftsführerin der Werbeagentur Jung von Matt.

Denn so stark wie Google variiert kaum ein Unternehmen seinen Markenauftritt. Aus gutem Grund: Wer an dem Logo herumfummelt, „kann Glaubwürdigkeit einbüßen“, sagt Florian Haller von der Kommunikationsagentur Serviceplan. Bei Google sei das jedoch unproblematisch, sagt Haller, „weil der spielerische Umgang mit dem Logo zum Unternehmen passt“. Dabei gäbe es viel zu verlieren: Die Marktforschungsgruppe Millward Brown sieht die Suchmaschine mit einem Markenwert von 66 Milliarden Dollar als wertvollste Marke der Welt – noch vor Microsoft.

Religion ist tabu

Mit den Doodles will das Unternehmen zeigen: Seht her, wir nehmen uns gar nicht so ernst. Eigentlich waren die Bildchen sowieso als Witz gedacht.

Das erste Doodle war eine Art grafische Abwesenheitsansage der beiden Google-Gründer. Kurz bevor Larry Page und Sergey Brin im Jahr 1998 ins Auto stiegen, um in die Wüste von Nevada zum Kunstfestival Burning Man zu fahren, montierten sie einen brennenden Mann zwischen die Google-Buchstaben.

Sie wollten zeigen: Wir sind weg. Wenn etwas nicht funktioniert, können wir auch nichts machen. Außer den beiden hatte das Startup noch keine Mitarbeiter. Der brennende Mann kam so gut an, dass Page und Brin beschlossen, die Aktion zu wiederholen.

Seit diesem Tag gibt es zwei ungeschriebene Gesetze für Doodles: Sie dürfen nicht trivialisieren und Religion ist tabu. Deswegen wird die blau-rot-gelb-blau-grün-rote Buchstabenfolge niemals zu einstürzenden World-Trade-Center-Türmen. Und die Weihnachts-Doodles werden sich immer auf Schneemänner und Lebkuchenherzen beschränken. Ein kleines Schmunzeln dürfen sie auslösen, mehr aber nicht.

Kann es dann Kunst sein, was Hwang macht? „Ich setze für die Doodles mein gelerntes künstlerisches Handwerk ein“, sagt er. Das ist heute so, und das war sein Schlüssel, um bei Google aufzufallen: Schon während seiner Zeit als Praktikant spricht sich herum, dass er an der Elite-Uni Stanford nicht nur Computerwissenschaft studiert, sondern im Hauptfach Kunst belegt. Und weil inzwischen regelmäßig Doodles von Grafikern zugeliefert werden, bekommt er den Job, die Logos aufzuhübschen und ins Netz zu laden.

Dennis Hwang Quelle: Simon Koy für WirtschaftsWoche

Eigentlich sieht der Sohn koreanischer Einwanderer seine Zukunft als freier Künstler, vielleicht als Animationsfilm-Zeichner. Doch dann gerät er in den Sog des Startups. Die Mitarbeiter der ersten Stunde glauben, mit ihrer Arbeit die Geschichte verändern zu können. Das fasziniert ihn. Hwang spürt in seinen ersten Wochen bei Google eine Arroganz, die jemand hat, der sicher ist, an etwas Großem mitzuarbeiten. Aber am meisten fasziniert ihn das Chaos. Nicht einmal 100 Angestellte beschäftigt Google in dieser Zeit. Aber jeder Einzelne hat so viele Ideen wie anderswo zehn Mitarbeiter. Und jeder arbeitet bis zum Umfallen daran, seine Ideen zu verwirklichen.

Dennis Hwang lässt sich von der Stimmung anstecken. Er legt den Gründern eigene Ideen für Doodles vor, weil ihm die Zulieferungen nicht gefallen. Und er bekommt seine Chance: Am 14. Juli 2000 erscheint das Logo französisch beflaggt zum Nationalfeiertag der Grande Nation. Sein Talent imponiert den Google-Erfindern. Und als er den Praktikanten-Schreibtisch räumt, bieten sie ihm an, als Webmaster und Kritzelmeister zu bleiben – mit gerade einmal 22 Jahren.

Es ist nicht das erste Mal, dass seine Arbeit in Erinnerung bleibt. Im ersten Semester hatte Hwang einen dreidimensionalen Animationsfilm gezeichnet – in den Neunzigerjahren war das noch Pionierarbeit. Sein ehemaliger Professor Marc Levoy zeigt den Film deswegen bis heute bei Vorlesungen als „außergewöhnliche Leistung“. Hwangs Arbeit sei „immer hervorragend und vor allem stilsicher“, sagt Levoy. Und was er nie vergessen werde, ist Hwangs intelligentes, gewinnendes Lächeln.

Handwerker, nicht Künstler

Dieses Lächeln wird von der Google-PR-Maschine nun auf der ganzen Welt vermarktet. Hwang leitet Zeichenwettbewerbe in Großbritannien oder Deutschland, bei denen Kinder das Google-Logo anmalen dürfen – die besten Kritzeleien stellt Google später für einen Tag ins Netz. Hwang besucht Schulklassen in den USA und zeigt in Youtube-Filmen, wie er Doodles auf seiner grauen elektronischen Zeichentafel mit Farbe füllt. Bei aller Spielerei, die Google-Strategen wissen genau: Je früher man die Marke im Leben eines Menschen verankert, desto wahrscheinlicher ist es, dass er ein Leben lang treu bleibt.

Designexperte Tumminelli sieht hier sogar ein unappetitliches „Eindringen in die Markenwelt von Kindern“.

Wahrscheinlich stimmt es sogar, wenn Hwang sagt, dass er begeistert ist davon, wie Google die Kreativität junger Menschen fördert. Und man glaubt ihm, dass er sich darüber wundert, dass Medien der ganzen Welt über ihn schreiben. Das zeige eben, „wie wichtig Google im Leben vieler Menschen ist“, sagt er. Hwang sieht sich als Handwerker im Dienste der Google-Idee. Nicht anecken, trotzdem kreativ sein und alles bonbonbunt und lustig – „googley“, wie man intern Dinge nennt, die gut zum Unternehmen passen. Doodles sind ein Spiegel der Unternehmenskultur und ein mächtiges Instrument.

Keine Zeit für Notfälle

Wenn das Logo für einen bestimmten Anlass verkleidet wird, verbergen sich dahinter immer auch Linklisten, passend zum Anlass. Als etwa der spanische Maler Joan Miró gefeiert wurde, rollte über dahinter liegende Seiten bei Ausstellungsstätten, Museen und Fan-Portalen eine Klick-Lawine, die manchen Server in die Knie zwang.

Um so eine Traffic-Flut auszulösen, braucht Hwang manchmal nur zehn Minuten. Einmal rief ihn ein australischer Google-Manager an. Der Mann hatte ein enorm wichtiges Pferderennen vergessen und bestellte kurzfristig ein Doodle. Das Problem: Das Rennen sollte in wenigen Minuten beginnen. Dennis Hwang rettete die Situation und lieferte binnen zehn Minuten einen Entwurf, der das Ereignis würdigte.

Doch Hwang hat eigentlich keine Zeit für solche Notfälle. Deswegen baut er gerade ein Team mit Grafikern auf, die hauptberuflich kritzeln sollen. Das Ziel ist, künftig noch mehr Doodles auf die Seite zu stellen. Längst nicht alle Doodles schafft Hwang in zehn Minuten, und besonders wenn es um den Geburtstag von Künstlern geht, braucht er mitunter einige Wochen.

Seinem Lieblingskünstler, dem amerikanischen Porträt-Maler John Singer Sargent, hat er noch kein Doodle gewidmet. Dafür aber dem italienischen Universaltalent Leonardo da Vinci, dessen vitruvianischen Menschen er in die Buchstaben einspannte, natürlich neben der schmunzelnden Mona Lisa. Kaum eine seiner Zeichnungen löste so viel Begeisterung aus.

Das Talent zum Kritzeln war Hwang allerdings nicht immer hilfreich. Während seiner Schulzeit sackten seine Leistungen bald ab. Als ihn seine Mutter darauf ansprach, fragte er, wie sie das erfahren konnte, die Zeugnisvergabe lag noch in weiter Ferne. Sie kramte ein Schulheft aus seiner Tasche: Ein Matheheft sollte es sein, aber es sah aus wie ein Comic. Um die Formeln herum tanzten Frösche und kleine Roboter um kunstvolle Verzierungen herum, darüber kreisten futuristische Flugzeuge. In langen Schulstunden hatte sich sein Talent einen Weg in das Schulheft gebahnt. Und wer so ein Heft führte, konnte keine guten Noten nach Hause bringen.

Dafür später umso mehr. Noch heute bedient er sich an Einfällen, die er als Schüler zu Papier brachte. Aber nicht jede Idee stammt von ihm. Alle paar Monate setzt er sich mit Google-Managern zusammen und geht den Kalender nach doodlewürdigen Daten durch. Manche Vorschläge kommen sogar von Google-Nutzern.

An einem Sommerabend meldete sich ein französischer Astronom und erzählte Hwang, dass sich in den nächsten Stunden die Venus vor die Sonne schieben werde – das war seit 122 Jahren nicht geschehen. Hwang setzte sich an seine elektronische Zeichentafel und verwandelte das zweite „o“ in eine Sonne mit einem kleinen schwarzen Fleck – dem Schatten der Venus.

Hwang legte das Design den beiden Gründern vor, die bis heute jedes seiner Bilder absegnen. Sie gaben grünes Licht. Wenige Stunden nach dem Anruf erfuhr die Welt von dem seltenen Ereignis.

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