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Karriere Erfolg mit der eigenen Pleite

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Urkunde: Für ihre Arbeit wird Anne Koark mit Preisen ausgezeichnet Quelle: Simon Koy für WirtschaftsWoche

Die Insolvenz ist nicht einmal das Schlimmste, es ist die Zeit davor. Anne Koark wacht nachts auf, Zahlenkolonnen rasen durch ihren Kopf. Je größer die Probleme werden, desto weniger schläft sie. Mit einem Glas Milch irrt sie durch die Wohnung. Eine Idee muss ich übersehen haben, denkt sie – und: Hoffentlich geht das gut.

Ein Unternehmer, der auf eine Insolvenz zusteuert, muss sich fühlen wie ein Fallschirmspringer ohne Fallschirm. Er weiß, bald schlägt er auf, und er kann nichts dagegen tun. Irgendwann macht die Angst vor dem Sturz wahnsinnig. Eines Nachts wacht Anne Koark auf und ist sich sicher, dass ihr das Jugendamt die Kinder wegnehmen wird, vor Panik bleibt ihr die Luft weg. Es ist das Einzige, was sie nicht durchstehen würde.

Das Konto ist schon gesperrt. Und wer kein Konto hat, bekommt kein Kindergeld, fliegt aus der privaten Krankenkasse und hat einen leeren Kühlschrank. Freunde steckten ihr Geld zu und überweisen die Beiträge für den Fußballclub ihrer Jungs. Sie trägt gebrauchte Kleidung von Bekannten, durch den Stress hat sie so viel „Insolvenzspeck“ angesetzt, wie sie sagt, dass ihre Anzüge nicht mehr passen. Die Hilflosigkeit quält sie. Über Monate.

Sie ist Opfer einer globalen Wirtschaftskrise und sucht die Schuld doch bei sich. „Mama hat Fehler gemacht“, sagt sie ihren Söhnen, „deswegen hat sie Schulden. Aber Mama wird bald wieder arbeiten und dann gibt es wieder Geld.“

160.000 Euro Schulden hinterlässt ihr Unternehmen. Das sind auch ihre Schulden. Ihre Wohnung wird verkauft, ihre Lebensversicherungen gepfändet und ihre Altersvorsorge aufgelöst. Sechs Jahre wird sie keinen Handyvertrag bekommen, keine EC-Karte. Jeden verdienten Euro, der über 1570 Euro hinausgeht, muss sie an ihre Gläubiger abtreten. Aber Mama arbeitet weiter.

Wenn man scheitert, ist es wichtig, nicht darüber nachzudenken, „was man verloren hat“, sagt sie. Man muss sich darauf konzentrieren, was man nicht verloren hat. Anne Koark hat ihren Kampfgeist bewahrt.

Weitermachen, wenn alles verloren scheint

Weitermachen, auch wenn alles verloren scheint, das kann man von Anne Koark lernen. Als junge Frau hatte sie einen schweren Unfall. Ihr Oberschenkelknochen war zertrümmert. Mit der Standardbehandlung, die Studenten in den Achtzigern in England erwarten konnten, hätte sie Monate nicht laufen können. Die Akademikerin in spe überredete den Arzt, sie mit Privatleistungen zu behandeln, weil sie später sicher als Privatpatientin wiederkäme. Er ließ sich bequatschen, nagelte ihr Bein und sie konnte bald wieder laufen. Fallen, kämpfen, aufstehen und weiterlaufen: Wenn Anne Koarks Leben ein Drehbuch hätte, wären das die Kapitelüberschriften.

Zu ihrer Mission kam sie durch einen Zufall. Monate vor der Insolvenz hat sie für einen Vortrag zugesagt. Das Thema: ihre eigene Erfolgsgeschichte, die inzwischen keine mehr war.

Doch Anne Koark hält ihre Zusagen. Nur hält sie jetzt einen anderen Vortrag: „Ich bin Anne Koark, und ich bin insolvent“, sagt sie zu Beginn. Am Ende der Rede wischen sich ein paar Menschen Tränen aus den Augen. Anne Koark erinnert sich, wie sie dabei selbst fast losgeheult hätte. Nicht nur, weil die vergangenen Monate wieder auflebten, sondern auch, weil die Geschichte so gut ankam.

Mit dem Instinkt einer Geschäftsfrau erkennt sie ihre Marktlücke. Insolvenzverwalter sind für die Gläubiger da, Schuldnerberater für Privatinsolvente. Aber um gescheiterte Unternehmer kümmert sich niemand. Sie könne sich aufregen, sagt sie und regt sich auf: „Überall geht es um Erfolg und noch größeren Erfolg. Wer scheitert, denkt, er wäre der Einzige.“

Anne Koarks wichtigste Botschaft ist: Wir sind nicht allein. Das kommt an. Kurz vor einem Vortrag in Frankfurt ruft ein Mann mit gezückter Digitalkamera ihren Namen: Der Koch der Catering-Firma hat ihr Buch gelesen und kann kaum glauben, dass sie sich jetzt an seinem Büffet bedient. Schon steht die kleine Frau neben dem großen Koch. Er strahlt, sie lacht, die Digitalkamera surrt.

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