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Karriere Der falsche Kult um das Scheitern

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Verschiedene Strategien

Ein Teil der Befragten stürzte sich nach einem Fehlschlag gleich in die Aufarbeitung und damit in eine emotional fordernde Situation. Ein anderer Teil versuchte zunächst, sich möglichst wenig mit dem Fehlschlag zu beschäftigen, um sich von den negativen Gefühlen abzuschotten.

Beide Strategien hatten Vor- und Nachteile. Am sinnvollsten war jedoch die dritte Strategie, ein Wechsel zwischen beiden Methoden. Also: die negativen Gefühle zulassen, aber sich emotional nicht zu stark zu belasten und nach vorne zu blicken. „Wut und andere negative Emotionen muss man erst verarbeiten, bevor man wieder einen klaren Gedanken fassen kann“, sagt Patzelt, „aus dem Scheitern zu lernen braucht deshalb Zeit, das passiert nicht von heute auf morgen.“

Diese Botschaft wollen auch die sogenannten Fuckup Nights vermitteln. Deren Konzept ist schnell erklärt: Unternehmer, Gründer oder Selbstständige stellen sich auf eine Bühne, nehmen ein Mikrofon in die Hand und erzählen freimütig, was bei ihnen so richtig schiefgelaufen ist.

Das Scheitern als Teilnahmebedingung war ursprünglich nicht der Plan der fünf Gründer aus Mexiko-Stadt. Als sie im Jahr 2012 über ein paar Kaltgetränken ihre schlimmsten Niederlagen diskutierten, wollten sie sich noch gegenseitig Trost spenden. Mittlerweile kokettieren gescheiterte Gründer und Angestellte in mehr als 150 Städten weltweit mit Geschichten ihrer Fehlschläge. Es gibt Fuckup Nights für Unternehmen, die Gründer sammeln die Fail-Geschichten in einem privaten Forschungsinstitut. „Wir wollen die kulturelle Akzeptanz von Scheitern erhöhen“, sagt Yannick Kwik, der die internationale Expansion koordiniert, „denn man muss zu seinen Fehlern stehen, um daraus zu lernen.“ Die Idealisierung der Flops geht allerdings auch den Machern der Veranstaltung zu weit. Nach einem Fehlschlag niedergeschlagen und pleite zu sein sei natürlich nicht gut. „Wenn du das Scheitern verhindern kannst“, sagt Kwik, „dann verhindere es.“

Auch Forscher Patzelt will gar nicht abstreiten, dass mit genügend Abstand durchaus Positives aus einer Niederlage entstehen kann. Doch die beinahe kultisch anmutende Verehrung der Flops lebt vor allem vom unbedingten Glauben an den Lerneffekt des Scheiterns. Was die Fail-Fast-Unternehmer darüber aber oft vergessen: Eine solche Garantie gibt es nicht.

Das zeigt auch eine Studie des Managementforschers J.P. Eggers von der Stern School of Business der New-York-Universität. Gemeinsam mit seiner Kollegin Lin Song untersuchte er eine Stichprobe von rund 250 Unternehmern aus der Region um die chinesische Hauptstadt Peking. Die Teilnehmer mussten Fragen zu ihren unternehmerischen Entscheidungen im Angesicht des Scheiterns beantworten. In ihrer Analyse bemerkten Eggers und Song einen wichtigen Unterschied. Zwar gab es Gründer, die sich vom ersten Flop nicht irritieren ließen und einen zweiten Anlauf wagten. Weil sie aber die Ursachen für den vorangegangenen Misserfolg nicht bei sich selbst suchten, sondern auf äußere Umstände schoben, wechselten sie für eine neue Geschäftsidee die Branche. Dort jedoch war das beim ersten Versuch gesammelte Wissen größtenteils nutzlos – und senkte die Wahrscheinlichkeit für einen Erfolg im zweiten Anlauf. Umgekehrt, so schreiben die Autoren, sind jene Unternehmer, die nach einem Flop den zweiten Anlauf in derselben Branche starten, beim zweiten Mal eher erfolgreich.

Warum Gründer im Nebenerwerb starten

Statt ein Glorifizieren des Scheiterns braucht Deutschland also einen erwachsenen, abgeklärten Umgang mit dem Scheitern. Dazu gehören vor allem drei Aspekte: Reflexion, Verantwortung und Offenheit. Wer sich direkt ins nächste Projekt stürzt, der verpasst wichtige Lektionen. Wenn die ersten negativen Emotionen verarbeitet sind, kann die Aufarbeitung beginnen. Welche Fehler sind passiert – und wie will man die künftig vermeiden?

Leider ist es menschlich, die Verantwortung überall zu suchen – nur nicht bei sich selbst. Mitarbeitern, Chefs oder Investoren die Schuld zu geben mag anfangs bei der Bewältigung helfen, lernen lässt sich daraus nichts. Sinnvoller ist es, die Verantwortung zu übernehmen. Dann fällt eher auf, was beim nächsten Mal besser laufen kann. Und das sollte es – vor allem in Deutschland.

Andreas Kuckertz, Professor an der Universität Hohenheim, hat in seinen Studien festgestellt, wie empfindlich die Deutschen bisweilen auf Scheitern reagieren. Demnach sind Gründe, für die die Betroffenen nichts können (Krankheit, Wirtschaftslage), in der Bevölkerung zwar weitgehend akzeptiert. Persönliche Ursachen hingegen (Motto: „Ich wollte einfach mal etwas ausprobieren“) werden hingegen eher stigmatisiert. Wer scheitert, sollte sich also gut überlegen, ob und wie er seinen Fehlschlag kommuniziert – und im Zweifel schweigen. Denn gerade in Deutschland ist die Haltung gegenüber den unternehmerisch Gescheiterten noch abweisend.

Warum die Deutschen gründen

Kuckertz befragte für eine aktuelle Studie rund 2000 Deutsche. Mehr als 40 Prozent stimmten der Aussage zu, man sollte kein Unternehmen gründen, wenn das Risiko des Scheiterns besteht – ohne diese Gefahr dürfte allerdings noch kein Unternehmen entstanden sein. Ein ähnlich großer Teil der Befragten gab zu, beim Bestellen von Waren Vorbehalte gegenüber einem bereits gescheiterten Gründer zu haben.

Für unternehmerisches Handeln sei das ein denkbar schlechtes Umfeld, sagt Kuckertz. Trotzdem dürfe er nicht zum Selbstzweck verkommen. Erstrebenswert sei keine Kultur des Scheiterns, sondern eine Unternehmerkultur, in der es erwünscht und wichtig sei, Neues auszuprobieren und auch Raum dafür einzuräumen, wenn es mal schiefgeht. „Das Scheitern jedoch auf den Thron zu heben und es als notwendig zu erachten“, sagt Kuckertz, „das ist falsch.“

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