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Angst vor dem freien Sprechen? Nicht mit diesen Tipps. Quelle: Imago

Frei sprechen: So improvisieren Sie ohne Angst vorm Vergessen

Die volle Überzeugungskraft entfaltet Ihre Rede, wenn Sie reden, während Sie gerade Ihre Gedanken entwickeln. Und frei sprechen heißt nicht: volles Risiko. Hier die besten Tipps für den Start.

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Unser Kolumnist Marcus Werner ist Fernsehmoderator und Buchautor und arbeitet als Berater für Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung.

Frei sprechen. Damit überzeugen Sie ganz besonders gut. Die freie Rede ist nicht zu verwechseln mit „einfach drauf los“. Die Ad-hoc-Rede, bei der jemand auf einer Veranstaltung gebeten wird, eine Lücke von fünfzehn Minuten zu überbrücken, und der oder die dann einfach aufsteht und anfängt mit: „Ach, übrigens, wo ich Sie hier gerade alle sehe...“ (meist hat sich der oder die Betroffene dann über das angeschnittene Thema zuvor schon gründlich Gedanken gemacht, etwa, weil es sein oder ihr berufliches Fachgebiet ist).

Was ich hier meine ist: frei sprechen, statt alles vom Manuskript abzulesen. Wort für Wort abzulesen, das ergibt im Wesentlichen dann Sinn, wenn es haarklein auf den exakten Wortlaut ankommt. Etwa, wenn die Bundestagspräsidentin streng nach Protokoll die Abstimmung über einen Gesetzestext abwickelt.

Frei sprechen ohne Manuskript – damit meine ich aber auch nicht, auswendig Gelerntes aus dem Kopf abzurufen wie den Text eines Theaterstücks.

Nein, hier geht es um eine gut vorbereitete Rede, die Sie halten, ohne sie abzulesen. So. Warum tun wir uns das an?

Weil der Vorteil der freien Rede ist, dass Sie Ihre Inhalte intuitiv so formulieren, wie wir auch sonst in Alltagsgesprächen spontan formulieren. Der Reiz daran, es in Reden genauso zu machen, ist nicht, dass es dann so schön gewohnt klingt. Sondern, dass es dann so schön verständlich wird. Das von Ihnen Gesagte geht rein in den Bauch wie warme Honigmilch. Warum?

Das wird deutlich, wenn wir Gesprochenes mit Geschriebenem vergleichen.

Eine typische Nachricht aus der Zeitung würde so lauten:

Auf der A5 zwischen den Anschlussstellen Baden-Baden und Rastatt ist in der Nacht auf Mittwoch gegen 2 Uhr 15 ein mit gefrorenen Schweinehälften beladener LKW nach einer Kollision mit der Mittelleitplanke umgekippt und hat seine Ladung verloren.

Dieser Text ist komprimierte Information. Wenn Sie einzelne Fakten genauer wissen wollen, können Sie den Satz wieder und wieder lesen. Welche Autobahn? Welcher Abschnitt? Was geladen? Und so weiter.

Formulieren wir aber mündlich, dann würde das Erzählte in etwa so lauten:

Kürzlich ist auf der A5 ein Lastwagen mit Schweinehälften umgekippt. Die waren alle noch gefroren. Zwischen Baden-Baden und Rastatt war das. Von Dienstag auf Mittwoch, mitten in der Nacht so gegen viertel nach 2.

Aus einem Satz sind vier geworden. Und keiner beinhaltet mehr als zwei Informationen. So denken wir, so reden wir und so werden wir am besten verstanden. Weil unser Publikum so denkt wie wir. Wir sind eben alle Menschen.

Den größten Fehler, den Sie machen könnten, wäre zu glauben, dass dies primitives Deutsch ist, weil es so leicht verständlich klingt. Es ist nämlich spitzenmäßiges Deutsch. Weil Sie damit zu Ihren Zuhörern durchdringen. Und das ebnet Ihnen den Weg, maximal von Ihrer Botschaft überzeugen zu können. Wie schwierig es ist, Texte so aufzuschreiben, dass sie wie gerade dem Kopf entsprungen klingen, das hören wir mitunter, wenn wir Fernsehmagazine gucken, in denen vom Teleprompter abgelesen wird. Es sind eben vorgefertigte Texte, keine ausgesprochenen Gedanken. Und schreiben fürs Sprechen ist eine Kunst für sich.

In meinen Seminaren oder in deren Vorbereitung stelle ich die Teilnehmenden gerne vor die Wahl: „Wollen Sie lernen, so zu schreiben, dass es gelesen so klingt, als ob Sie gerade frei sprechen? Oder wollen Sie lernen, frei zu sprechen?“

Fast immer dann, wenn es nicht auf den exakten Wortlaut ankommt, fällt die Wahl auf das freie Sprechen. So geht’s:

1. Bereiten Sie den Inhalt vor. Nicht den exakten Wortlaut.

Neulich hat mich ein Projektmanager beim Coaching gefragt, ob es besser sei, zum Einstieg zu sagen, dass er sich „wirklich sehr“ auf das „tolle“ Projekt freue, oder ob er lieber einfach sagen solle, dass er sich „sehr“ auf das „interessante“ Projekt freue. Ich habe gesagt: „Egal. Sagen Sie es so, wie es Ihnen vorm Publikum in den Sinn kommt.“

Diese Einstellung gilt auch für die Informationen, die Sie abliefern wollen. Ob Sie nun sagen:…

„Jedes Mal, wenn ich den Sternenhimmel sehe, muss ich daran denken, wie wir damals in Südfrankreich Familienurlaub gemacht haben. Das war in den Neunzigerjahren. Ich war da 16. Damals haben mir meine Eltern mein erstes Glas Rotwein erlaubt. Das werde ich nie vergessen. Da waren dann doppelt so viele Sterne am Himmel.“

Oder: „Damals, in den Neunzigern, da durfte ich mein allerersten Glas Rotwein trinken. Das haben mir meine Eltern im Südfrankreichurlaub erlaubt. Da war ich 16. Ich komme drauf, weil ich jedes Mal dran denken muss, wenn ich den Sternenhimmel sehe. Oh Mann, ich habe die Sterne am Himmel damals gleich doppelt gesehen.“

Oder: „Das erste Mal, als ich Rotwein getrunken habe, habe ich die Sterne am Himmel doppelt gesehen“ und so weiter

...spielt keine Rolle. Das bedeutet für Ihre freie Rede: Es kommt darauf an, dass Sie den Inhalt vermitteln. Aber Sie haben die Freiheit, in der Struktur zu variieren. Deshalb wäre aus inhaltlicher Sicht unnötig und unter dem Aspekt der Überzeugungskraft wie gesagt sogar schädlich, die Geschichte wortwörtlich zu notieren und dann abzulesen. Entscheiden Sie spontan. Alle Möglichkeiten führen zum Ziel.

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