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Kolumne Über Übermorgen Mehr Macht den Drogen!

Hokuspokus oder ernst zu nehmende Forschung? Quelle: Getty Images

Im Silicon Valley fließt derzeit besonders viel Geld in Unternehmen, die Psychedelika als Arzneimittel salonfähig machen wollen. Klingt bedrohlich? Das Gegenteil ist richtig. 

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Während schon die Frage nach der Legalisierung von Cannabis Deutschland spaltet, gehen Teile der sonst so hart gegen Drogen durchgreifenden USA schon einen Schritt weiter: Die Bevölkerung von Oregon beschloss im November 2020 per Volksentscheid, Magic Mushrooms für den therapeutischen Gebrauch zu legalisieren. Die Freigabe fügt sich ein in eine größere Bewegung, die hierzulande noch nahezu unbeachtet geblieben ist: Obwohl für viele LSD als Therapeutikum abstrus klingen mag, ist die „Psychedelic-Revolution“ bereits voll im Gange. Und das ist gut so.

Das Who-is-Who des Silicon Valley investiert seit Neuestem nicht mehr nur privat bei der jährlichen Pilgerreise zum Burning Man-Festival in der Wüste Nevadas in bewusstseinserweiternde Substanzen, sondern setzt auch geschäftlich auf Psychedelika: Waren es 2018 noch unter 100 Millionen Dollar an Start-up-Investitionen in diesem Bereich, stieg die Zahl 2020 auf knapp 350 Millionen. 2021 wurde dasselbe Volumen bereits nach vier Monaten erreicht. Wie so oft in der Geschichte amerikanisch getriebener Innovation hinterlässt auch dieser Boom verbrannte Erde, von der Überjagung bedrohter Frösche bis hin zur unzureichenden Vergütung des Erfahrungswissens indigener Stämme. Trotzdem brauchen wir sie, die private Innovation - und Investition - in einem Gebiet, das mehr Menschenleben retten und radikal verbessern könnte als die meisten andere Bereiche der Pharmazie. 

Die Daten sprechen für sich. In einer großangelegten Studie der Johns Hopkins Universität konnten 68 Prozent der Probanden, die zuvor durchschnittlich 18 Jahre an einer schwerer posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) gelitten hatten, mit nur drei Einheiten MDMA (Ecstasy) unterstützter Psychotherapie geheilt werden. Ähnlich positive Resultate konnten mit LSD, Psilocybin (Magic Mushrooms) und Ketamin unter anderem für Depression, Alkoholismus und Angststörungen erzielt werden. In einem Bereich, in dem von Heilung normalerweise nicht zu sprechen ist, dürfen diese Ergebnisse zu Recht als revolutionär betrachtet werden. 



Auch wenn der Weg noch weit und viel Forschungsarbeit zu leisten ist, zeigt das: Wir brauchen diese seit Jahrtausenden verwendeten Substanzen mehr denn je in einer Zeit, in der psychische Erkrankungen immer mehr zum Volksleiden werden. Ja, falsch eingesetzte Psychedelika sind gefährlich und benötigen umsichtige Begleitung und Regulierung. Und nein, auch sie sind keine Allheilmittel. Doch können wir es verantworten, Millionen Menschen, die täglich den schmerzhaften und oft so einsamen Kampf gegen Depression, Belastungsstörungen und Suchtkrankheit führen, die aussichtsreichsten neuen Therapieformen seit Jahrzehnten auf Grund unserer Vorurteile und dem „War on Drugs“ verschuldeter Fehlinformation vorzuenthalten? Die Antwort ist ein klares Nein!

Mehr zum Thema: Die Ampelkoalition strebt die Liberalisierung von Cannabis an. Der Medizin-Professor und FDP-Politiker Andrew Ullmann und der Unternehmer Finn Hänsel, CEO der Sanity Group, sprechen im WiWo-Interview über die Grenzen des Erlaubten und das Marktpotenzial legaler Hanfprodukte.

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