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Kreativität Warum kluge Menschen an dummen Ideen festhalten

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Hohe Identifikation führt zu Kritikresistenz

Das ist auch für den Büroalltag relevant. Ihre eigenen Ideen finden die meisten Menschen nun mal ziemlich originell – äußert ein Kollege Kritik, reagieren sie oft ablehnend und trotzig.

Manche Arbeitsforscher nennen das Phänomen Not-invented-here-Syndrom. Demnach bevorzugen die Angestellten vor allem die eigenen Geistesblitze und machen die der anderen entsprechend schlecht.

Selbst kluge Menschen halten daher gerne mal an dummen Ideen fest. Dahinter steckt das Prinzip des psychologischen Eigentums (psychological ownership). Haben wir körperliche oder geistige Arbeit verrichtet, dann fühlen wir uns der Idee oder dem Gegenstand viel stärker verbunden.

So steigern Sie Ihre Kreativität
Yoshiro NakamatsuYoshiro Nakamatsu gilt als einer der größten Erfinder Japans. Er ließ sich im Jahr 1952 die Floppy Disk patentieren und hat seitdem 3300 Patente angemeldet – unter anderem eines für die Karaoke-Maschine und die Digital-Uhr. Um seine Kreativität zu wecken, trieb er sein Hirn und seinen Körper ans Limit. In der Regel ging er schwimmen und hielt seinen Kopf unter Wasser, bis er kurz davor war, bewusstlos zu werden. „Um sein Gehirn von Sauerstoff zu befreien“, hat er einmal erklärt, „muss man tief im Wasser untertauchen, sodass der Unterdruck das Blut aus dem Hirn treibt. Eine halbe Sekunde vor dem Tod fällt mir eine Erfindung ein.“ Im Bild ist er auf einem Elektromobil zu sehen, das er 2004 entwarf. Quelle: REUTERS
Jonathan FranzenDer Schriftsteller Jonathan Franzen ist vor allem bekannt für seine Romane Die Korrekturen und Freiheit, in denen er den Alltag amerikanischer Mittelklasse-Familien beschreibt. Um seine 500-Seiten-Romane zu schreiben, schottet sich Franzen von der Welt ab. Er blockiert alle sensorischen Stimuli. Beim Schreiben trägt er Ohrstöpsel und – wenn er sich besonders stark konzentrieren will – sogar eine Augenbinde. Quelle: dpa
Ludwig van BeethovenObwohl Ludwig van Beethoven taub war, war er einer der einflussreichsten Komponisten der Welt. Einen großen Anteil daran hatte sein Badezimmer. Sein Schüler und Sekretär, Anton Schindler, schrieb, dass Beethoven vor seinem Waschbecken gestanden und Wasser über seine Hände gegossen habe. Dabei gab er hohe und tiefe Töne von sich oder summte laut vor sich hin. Danach ging er durch das Zimmer, machte Notizen, goss weiter Wasser über seine Hände und sang. Schindler bezeichnete das als Momente tiefster Meditation. Quelle: dpa
Thomas EdisonThomas Edison versuchte so wenig zu schlafen wie möglich – nur drei Stunden pro Nacht. Er hielt Schlaf für Zeitverschwendung. In einem Brief schrieb er, Schlaf sei ein Verlust von Zeit, Lebenskraft und Möglichkeiten. Manchmal blieb er drei Tage am Stück wach. Er gilt als der Erfinder der Glühbirne – auch wenn ihm dieser Titel mittlerweile aberkannt wurde. Sein Platz in den Geschichtsbüchern ist trotzdem gesichert: Er entwickelte die Schreibmaschine, den Kinematographen, die erste Filmkamera, die Alkali-Batterie, den Phonographen mit Edison-Walze und machte als Unternehmer Karriere. Quelle: dpa
Charles DickensWenn Charles Dickens gerade nicht an Jahrhundert-Romanen wie Große Erwartungen, David Copperfield oder Oliver Twist schrieb, begab er sich in die Pariser Leichenhalle und starrte tote Körper an. In seiner Phantasie spielte er Detektiv und versuchte, Fälle zu lösen. Literaturexperten schreiben, dass er damit seinen kritischen Geist entwickelte, den er für seine komplexen Romane brauchte. Die Faszination des Schreckens brachte ihn auch zu den Kriminalszenen in seinen Romanen. Quelle: dpa
Maya AngelouMaya Angelou produzierte in über 50 Jahren zahlreiche Autobiografien, Gedichtbände, Filme und Fernsehshows. Das Geheimnis ihrer Kreativität: Ein kleiner Hotelraum, in dem sie von sieben Uhr morgens bis 14 Uhr am Nachmittag mit einem Wörterbuch, einer Bibel und einer Flasche Sherry in Ruhe arbeitete. Quelle: AP
Francis BaconIn Francis Bacons Bildern spielen Gewalt, Zerstörung und Verfall eine zentrale Rolle. In seinem Leben ebenfalls – flaschenweise Wein, Bier im Pub und danach Drinks in privater Runde gehörten zu seiner Tagesroutine. All das beflügelte seine Kreativität. „Ich arbeite gerne verkatert“, sagte er. „Mein Gehirn ist dann mit Energie gesegnet und ich kann klar denken.“ Quelle: Reuters

Nun kann das durchaus positive Folgen haben. Dann nämlich, wenn wir uns stärker engagieren. Das Problem ist allerdings, dass hohe Identifikation auch zu Kritikresistenz führen kann. Selbst gut gemeinte Anregungen empfinden Menschen dann als Angriff auf ihre Idee, ihr Produkt – und auch auf sich selbst.

Führungskräfte sollten kreativ sein

Deswegen neigen wir auch dazu, die Chancen unserer Geistesblitze zu überschätzen. "Die meisten Menschen sind schlecht darin, den Erfolg eigener Ideen zu prognostizieren", sagt Stanford-Psychologe Berg, "aber immerhin sind sie besser als Chefs darin, den Erfolg fremder Ideen vorherzusagen."

So sieht ein inspirierendes Arbeitsumfeld aus
Erlebnisspielplatz bei Google Quelle: Presse
Das Adidas Headquarter in Herzogenaurach Quelle: Presse
Amsterdamer Büro von Booking.com Quelle: Presse
Spielbereich bei Lego Quelle: Presse
VW-Bus-Zelt bei Facebook Quelle: Presse
Blick in das Goodgame Studios Büro Quelle: Presse
Gewächshaus im Büro von Travelbird Quelle: Presse

Je besser Arbeitnehmer sich in einem Gebiet auskennen, desto höher die Chance, dass sie in der Hierarchie aufsteigen. Dann jedoch sind sie selber selten innovativ – weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, die Ideen anderer zu bewerten.

Bergs Studie deutet nun ein Ausweg an: Auch Führungskräfte sollten sich kreativ ausleben – dann bewahren sie sich die Fähigkeit zur treffsicheren Prognose.

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