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Kreativität Warum kluge Menschen an dummen Ideen festhalten

Menschen können die Erfolgschance neuer Einfälle durchaus präzise vorhersagen – solange es nicht um ihre eigenen Geistesblitze geht.

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Hirngespinste von Geniestreichen zu unterscheiden ist nicht so leicht. Quelle: Getty Images

Jeder Angestellte soll heute ständig kreativ und innovativ sein. Doch dazu gehört es nicht nur, neue Einfälle zu entwickeln – sondern gleichzeitig deren Erfolgschancen einzuschätzen. Leichter gesagt als getan, besonders in Unternehmen.

Oder, um es mit Thomas Strerath zu sagen: "Die große Kunst ist es, eine gute Idee zu erkennen, sie ins Ziel zu tragen und dabei jedem auf die Finger zu hauen, der sie verschlimmbessern will." Das sagte der Vorstand der Werbeagentur Jung von Matt kürzlich im Interview mit der Fachzeitschrift "Horizont".

Aber wer ist zuverlässiger darin, Hirngespinste von Geniestreichen zu unterscheiden: diejenigen, die täglich neue Ideen entwickeln - oder deren Vorgesetzte, die in diesen kreativen Prozess nicht direkt eingebunden sind?

Was die Kreativität fördert

Um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, setzte der Psychologe Justin Berg von der Stanford-Universität für seine neue Studie auf die Hilfe des berühmten kanadischen Zirkus Cirque du Soleil – und zwar aus drei Gründen.

Erstens ist die Zirkusbranche auf Kreativität angewiesen. Wären die Vorstellungen und Tricks immer gleich, würde kein Besucher mehr ins Zelt kommen. Zweitens sind die Rollen von Artisten und Direktoren getrennt und lassen sich somit vergleichen. Und weil die meisten Führungskräfte eines Zirkus ihre Karriere drittens als Clown, Dompteur oder Artist in der Manege gestartet haben, verfügen beide Gruppen über ähnliches Wissen.

Gute Voraussetzungen für ein kleines Experiment.

Der Mensch neigt zu Selbstüberschätzung

Zehn Wege zu richtig guten Ideen
„Stellen Sie ein zuvor definiertes Problem einfach auf den Kopf“, rät der Autor Albrecht Kresse, dessen Buch „Edutrainment – besser, schneller, einfacher lernen im Unternehmen“ kürzlich im Gabal-Verlag erschienen ist. Also fragen Sie sich: „Wie machen wir es noch schlimmer?“, denn so ein Perspektivwechsel kann Sie der Lösung ein ganzes Stück näher bringen, weil alle negativen Formulierungen in einem Brainstorming in positive umgewandelt werden. Aus der Kopfstandantwort „Noch mehr Jammern und anklagen!“ wird laut Kresse dann zum Beispiel die neue Kommunikationsregel „Immer sachlich bleiben!“. Quelle: Handelsblatt Online
Ein mutiger Ansatz, mit dem sich laut Kresse die kollektive Intelligenz zugunsten eines Unternehmens anzapfen lässt. Vorausgesetzt es öffnet sich für frische Ideen und Anregungen von außen. Involvieren Sie also Ihre Kunden, externe Entwickler und Experten in den Entstehungsprozess neuer Lösungen. Kresse: „Hierfür eignen sich Communitys und offene Foren im Web“. Eine andere Möglichkeit ist, das Entwicklungsproblem auf der eigenen Webseite zu veröffentlichen und die beste Idee mit einem netten Honorar zu entlohnen. Quelle: Stefano Borghi
So wie einst bei Walt-Disney heißt es bei diesem Trick: Erst träumen, dann kritisieren. Kresse beschreibt den Ablauf in seinem Buch so: „Um ein Problem zu lösen, spielen wir in einer Gruppe drei Rollen durch: Träumer, Realisten und Kritiker. Zuerst lassen wir Ideen sprudeln, dann planen wir die Umsetzung, zuletzt sezieren wir alle Ideen und Pläne im Hinblick auf Chancen und Risiken.“ Der Vorteil bei dieser Methode? Sie kombiniert die Ideenfindung direkt mit einer Machbarkeitsprüfung. Quelle: dpa
Hier eine Methode, für besonders verfahrene Lagen, die durch einen dicken Knoten im Kopf gekennzeichnet sind. Dabei reichen sechs Personen drei Ideen fünfmal weiter, wobei jeder Teilnehmer seine Lösungsvorschläge auf einen Zettel schreibt und ihn nach fünf Minuten an seinen Nachbarn weitergibt. Unter Zeitdruck entstehen schließlich die besten Ideen. Nach einer halben Stunde können Sie die Ergebnisse auswerten. Mit bis zu zwölf Leuten funktioniert dass laut Kresse ziemlich gut – vorausgesetzt die Stoppuhr löst keine Denkblockaden aus. Quelle: Handelsblatt Online
Schreiben Sie die Fragestellung klar formuliert auf ein Blatt Papier und notieren alles, was Ihnen in den Sinn kommt. Dann sortieren Sie die Antworten. Alles, was sich sofort umsetzen lässt, machen Sie innerhalb von 72 Stunden. Für alles andere machen Sie einen Zeitplan. So können Sie zwanzig Ideen produzieren und in drei Tagen eine Menge umsetzen. Kresse: „Diese Technik motiviert zum sofortigen Umsetzen, im Gegensatz zu den anderen ist sie keine Gruppentechnik.“ Quelle: Getty Images
Bei dieser Technik gelangen Sie durch Kombination zur Innovation. Tragen Sie beispielsweise, wenn Sie eine neue Möglichkeit in der Produktentwicklung entdecken möchten, Merkmale und Ausprägungen in eine einfache Tabelle ein. So überblicken Sie alle Lösungsvarianten und können die besten auswählen. Allerdings merkt der Autor Albrecht Kresse an, dass natürlich das entsprechende Fachwissen nötig ist, wenn man die entscheidenden Faktoren bestimmen will. Quelle: Handelsblatt Online
„Perspektivwechsel mit System. Jeder Hut steht für eine Rolle und Sichtweise“, schreibt Kresse. Der weiße für den Analytiker, der rote für den Bauchentscheider, der schwarze für den Kritiker usw. Sie können sich nun die Hüte nacheinander aufsetzen oder die Rollen in der Gruppe verteilen. Kresse: „Jedes Problem lässt sich nun aus mehreren Blickwinkeln betrachten, abseits der üblichen Pfade stoßen wir auf neue Ideen.“ Der großer Vorteil: Konflikte werden bei dieser Methode vermieden, weil jeder die Rolle spielt, die sein Hut vorgibt. Quelle: Handelsblatt Online

Berg konfrontierte 339 Zirkusangestellte aus insgesamt 43 Ländern – Artisten aus der Manege ebenso wie Manager hinter den Kulissen – mit Videos verschiedener Zirkusakte. Außerdem zeigte er die Filmchen 150 Arbeitnehmern. Alle Befragten sollten nun prognostizieren, wie gut die Videos bei neutralen Zuschauern ankommen würden. Im Anschluss stellte er sie ins Internet und ließ sie von Freiwilligen bewerten. Wie gefielen ihnen die gezeigten Akte – und würden sie sie mit ihrem virtuellen Freundeskreis bei Facebook und Twitter teilen?

Das Ergebnis: Die Zirkuskünstler sagten den Erfolg eines Videos tatsächlich treffsicherer voraus als die Führungskräfte. Außerdem schlugen sie sich auch besser als die fachfremden Laien – aber immer nur dann, wenn die Filmchen fremde Ideen zeigten.

Handelte es sich bei den gezeigten Ausschnitten um ihre eigenen Gedankengeschöpfe, neigten die Kreativen hingegen schnell zur Selbstüberschätzung – und der Vorsprung verpuffte.

Hohe Identifikation führt zu Kritikresistenz

Das ist auch für den Büroalltag relevant. Ihre eigenen Ideen finden die meisten Menschen nun mal ziemlich originell – äußert ein Kollege Kritik, reagieren sie oft ablehnend und trotzig.

Manche Arbeitsforscher nennen das Phänomen Not-invented-here-Syndrom. Demnach bevorzugen die Angestellten vor allem die eigenen Geistesblitze und machen die der anderen entsprechend schlecht.

Selbst kluge Menschen halten daher gerne mal an dummen Ideen fest. Dahinter steckt das Prinzip des psychologischen Eigentums (psychological ownership). Haben wir körperliche oder geistige Arbeit verrichtet, dann fühlen wir uns der Idee oder dem Gegenstand viel stärker verbunden.

So steigern Sie Ihre Kreativität
Yoshiro NakamatsuYoshiro Nakamatsu gilt als einer der größten Erfinder Japans. Er ließ sich im Jahr 1952 die Floppy Disk patentieren und hat seitdem 3300 Patente angemeldet – unter anderem eines für die Karaoke-Maschine und die Digital-Uhr. Um seine Kreativität zu wecken, trieb er sein Hirn und seinen Körper ans Limit. In der Regel ging er schwimmen und hielt seinen Kopf unter Wasser, bis er kurz davor war, bewusstlos zu werden. „Um sein Gehirn von Sauerstoff zu befreien“, hat er einmal erklärt, „muss man tief im Wasser untertauchen, sodass der Unterdruck das Blut aus dem Hirn treibt. Eine halbe Sekunde vor dem Tod fällt mir eine Erfindung ein.“ Im Bild ist er auf einem Elektromobil zu sehen, das er 2004 entwarf. Quelle: REUTERS
Jonathan FranzenDer Schriftsteller Jonathan Franzen ist vor allem bekannt für seine Romane Die Korrekturen und Freiheit, in denen er den Alltag amerikanischer Mittelklasse-Familien beschreibt. Um seine 500-Seiten-Romane zu schreiben, schottet sich Franzen von der Welt ab. Er blockiert alle sensorischen Stimuli. Beim Schreiben trägt er Ohrstöpsel und – wenn er sich besonders stark konzentrieren will – sogar eine Augenbinde. Quelle: dpa
Ludwig van BeethovenObwohl Ludwig van Beethoven taub war, war er einer der einflussreichsten Komponisten der Welt. Einen großen Anteil daran hatte sein Badezimmer. Sein Schüler und Sekretär, Anton Schindler, schrieb, dass Beethoven vor seinem Waschbecken gestanden und Wasser über seine Hände gegossen habe. Dabei gab er hohe und tiefe Töne von sich oder summte laut vor sich hin. Danach ging er durch das Zimmer, machte Notizen, goss weiter Wasser über seine Hände und sang. Schindler bezeichnete das als Momente tiefster Meditation. Quelle: dpa
Thomas EdisonThomas Edison versuchte so wenig zu schlafen wie möglich – nur drei Stunden pro Nacht. Er hielt Schlaf für Zeitverschwendung. In einem Brief schrieb er, Schlaf sei ein Verlust von Zeit, Lebenskraft und Möglichkeiten. Manchmal blieb er drei Tage am Stück wach. Er gilt als der Erfinder der Glühbirne – auch wenn ihm dieser Titel mittlerweile aberkannt wurde. Sein Platz in den Geschichtsbüchern ist trotzdem gesichert: Er entwickelte die Schreibmaschine, den Kinematographen, die erste Filmkamera, die Alkali-Batterie, den Phonographen mit Edison-Walze und machte als Unternehmer Karriere. Quelle: dpa
Charles DickensWenn Charles Dickens gerade nicht an Jahrhundert-Romanen wie Große Erwartungen, David Copperfield oder Oliver Twist schrieb, begab er sich in die Pariser Leichenhalle und starrte tote Körper an. In seiner Phantasie spielte er Detektiv und versuchte, Fälle zu lösen. Literaturexperten schreiben, dass er damit seinen kritischen Geist entwickelte, den er für seine komplexen Romane brauchte. Die Faszination des Schreckens brachte ihn auch zu den Kriminalszenen in seinen Romanen. Quelle: dpa
Maya AngelouMaya Angelou produzierte in über 50 Jahren zahlreiche Autobiografien, Gedichtbände, Filme und Fernsehshows. Das Geheimnis ihrer Kreativität: Ein kleiner Hotelraum, in dem sie von sieben Uhr morgens bis 14 Uhr am Nachmittag mit einem Wörterbuch, einer Bibel und einer Flasche Sherry in Ruhe arbeitete. Quelle: AP
Francis BaconIn Francis Bacons Bildern spielen Gewalt, Zerstörung und Verfall eine zentrale Rolle. In seinem Leben ebenfalls – flaschenweise Wein, Bier im Pub und danach Drinks in privater Runde gehörten zu seiner Tagesroutine. All das beflügelte seine Kreativität. „Ich arbeite gerne verkatert“, sagte er. „Mein Gehirn ist dann mit Energie gesegnet und ich kann klar denken.“ Quelle: Reuters

Nun kann das durchaus positive Folgen haben. Dann nämlich, wenn wir uns stärker engagieren. Das Problem ist allerdings, dass hohe Identifikation auch zu Kritikresistenz führen kann. Selbst gut gemeinte Anregungen empfinden Menschen dann als Angriff auf ihre Idee, ihr Produkt – und auch auf sich selbst.

Führungskräfte sollten kreativ sein

Deswegen neigen wir auch dazu, die Chancen unserer Geistesblitze zu überschätzen. "Die meisten Menschen sind schlecht darin, den Erfolg eigener Ideen zu prognostizieren", sagt Stanford-Psychologe Berg, "aber immerhin sind sie besser als Chefs darin, den Erfolg fremder Ideen vorherzusagen."

So sieht ein inspirierendes Arbeitsumfeld aus
Erlebnisspielplatz bei Google Quelle: Presse
Das Adidas Headquarter in Herzogenaurach Quelle: Presse
Amsterdamer Büro von Booking.com Quelle: Presse
Spielbereich bei Lego Quelle: Presse
VW-Bus-Zelt bei Facebook Quelle: Presse
Blick in das Goodgame Studios Büro Quelle: Presse
Gewächshaus im Büro von Travelbird Quelle: Presse

Je besser Arbeitnehmer sich in einem Gebiet auskennen, desto höher die Chance, dass sie in der Hierarchie aufsteigen. Dann jedoch sind sie selber selten innovativ – weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, die Ideen anderer zu bewerten.

Bergs Studie deutet nun ein Ausweg an: Auch Führungskräfte sollten sich kreativ ausleben – dann bewahren sie sich die Fähigkeit zur treffsicheren Prognose.

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