Kulturförderung Das Geld der Anderen

BMW-Kulturkommunikator Thomas Girst empfiehlt Kulturschaffenden einen demütigeren, ideologiefreien Umgang mit ihren Finanzen. Und Unternehmen mehr Mut zu kulturellem Engagement jenseits ökonomischer Ziele. Ein Gastbeitrag.

Was Goethe von Geld wusste
Mistopholes: "Wo fehlt's nicht irgendwo auf dieser Welt? Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld."
Mephistopheles: "Daran erkenn' ich den gelehrten Herrn! Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern, Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar, Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr, Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht, Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht." Quelle: dpa
Kaiser: "Es fehlt das Geld. Nun gut, so schaff es denn!" Quelle: dpa
Mephistopholes: "Ich schaffe, was ihr wollt, und schaffe mehr; Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer; Es liegt schon da, doch um es zu erlangen, Das ist die Kunst, wer weiß es anzufangen?" Quelle: dapd
Mephistopheles: "So hört und schaut das schicksalsschwere Blatt – (gemeint ist das geschaffene Papiergeld) – das alles Weh in Wohl verwandelt hat."
Mephistopheles: "Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt, Ist so bequem, man weiß doch, was man hat; Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen, Kann sich nach Lust in Lieb' und Wein berauschen. Will man Metall, ein Wechsler ist bereit, Und fehlt es da, so gräbt man eine Zeit. Pokal und Kette wird verauktioniert, Und das Papier, sogleich amortisiert, Beschämt den Zweifler, der uns frech verhöhnt. Man will nichts anders, ist daran gewöhnt. So bleibt von nun an allen Kaiserlanden An Kleinod, Gold, Papier genug vorhanden."
Mephistopholes: "Der Zettel hier ist tausend Kronen wert. Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand, Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland."  Quelle: dpa

„Geld ist der Fluch der Kunst“, schrieb schon der englische Dichter, Maler und Verleger William Blake gegen 1820 neben seine Zeichnung der antiken, im Vatikan aufgestellten Laokoon-Skulpturengruppe. Und etwa zur gleichen Zeit notierte auch Ludwig van Beethoven in eines seiner Konversationshefte: „Wahre Kunst ist eigensinnig, sie lässt sich nicht in schmeichelnde Formen zwängen.“

Eine Haltung, geprägt im Geiste Immanuel Kants und Friedrich Schillers, die stets betont hatten, dass nur die Nichtbindung an unmittelbare Zwecke, die Autonomie, die Funktionslosigkeit der Kunst fernab jeglicher Profitmaximierung die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts wie das interesselose Wohlgefallen des Geschmacksurteils überhaupt erst ermöglichen kann. Ein Kulturverständnis, das durch die Erfahrung der Nazi-Diktatur noch bestärkt wurde: Nie mehr sollte Kunst in Deutschland instrumentalisiert, manipuliert oder zu Propagandazwecken missbraucht werden dürfen. Auch deshalb garantiert Artikel 5 des Grundgesetzes nicht nur Wissenschaft, Forschung und Lehre die Freiheit, sondern eben auch der Kunst.

Was den Verfassungsvätern vor 65 Jahren recht war, sollte der Wirtschaft heute ebenso Leitbild sein: Unternehmen, die sich kulturell glaubwürdig engagieren wollen, sollte neben der Subtilität des Auftritts, der von der Souveränität des Förderers zeugt, die Wahrung der kuratorischen Integrität und die absolute kreative Freiheit des Kulturpartners bei Ausgestaltung von Programm und Inhalt daher selbstverständlich sein.

Wer, wie etwa die Autoren des Buchs „Der Kulturinfarkt“, „Herstellung und Vertrieb von ästhetischen Erlebnissen in Warenform mit dem Willen zum Erfolg“ fordert, dem sei zugerufen: Das macht auch ökonomisch keinen Sinn. Denn oft entstehen erst aus dem Scheitern, dem wiederholten Versuch heraus die prägendsten kulturellen Errungenschaften, ohne den materiellen Druck einer auf monetäre Verwertbarkeit ausgerichteten Warenwelt. Es ist die Kultur, die dieses kompromisslosen Schutz- und Schonraums bedarf, nicht so sehr als Gegenentwurf zur Wirtschaftlichkeit sondern als komplementär verstandene Möglichkeit. Erst durch dieses Verständnis der grundsätzlich unterschiedlichen Systeme von Kultur und Wirtschaft kann eine ebenbürtige, auf Neugier und Wertschätzung basierende Auseinandersetzung stattfinden, von deren Erkenntnissen auch die Ökonomie profitieren kann. Etwa wenn sie auf das Experiment und auf das Partizipative setzt, auf das Erlebnis außerhalb von Branding und konventioneller Bewerbung.

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