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Kunst Wie Museen gegen das Spardiktat kämpfen

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Ein Gemälde als Recheneinheit?

Fragt sich nur, wie lange noch. Bis weit ins 20. Jahrhundert waren Museen vor allem fürs Sammeln, Bewahren und Forschen zuständig; die Ausstellung der Bestände war zweitrangig. Das änderte sich Anfang der Siebzigerjahre mit der Losung „Kultur für alle“, eine gut sozialdemokratisch gemeinte Forderung mit Folgen: Seither zählt nicht mehr die Erschließung und kritische Sichtung von Kunstwerken, sondern ihre publikumswirksame Präsentation.

Das Bildungsmotiv, so Grasskamp, wurde „durch die Sozialmathematik der Quote ersetzt“ – und das „ursprünglich angepeilte Ziel einer breiten Teilhabe an der Kultur verflachte zur rein numerischen Messbarkeit ihrer Effizienz“. Eine Entwicklung, die weder rückgängig zu machen noch aufzuhalten ist, so Grasskamp, weil das Bildungsbürgertum, das einst dem Kunstmuseum seine historische Bedeutung verleihen konnte, „kulturpolitisch in keiner der konkurrierenden Parteien mehr tonangebend“ ist.

Die Museumsgeheimtipps der Wiwo-Korrespondenten

Schon gar nicht in Leverkusen, wo man ein Richter-Gemälde als Recheneinheit versteht, wo das Schloss Morsbroich ein Instrument des Stadtmarketings ist und ein Museum bestenfalls sozialinklusive Zwecke zu verfolgen hat. Es ist bezeichnend, dass das Museum Morsbroich von einem Leverkusener Ratsherrn als „elitärer Schuppen“ verunglimpft wurde, als „Luxusgut, das sich eine kleine Klasse dieser Stadt erhält“.

Das Thema Bildung sei „eigentlich durch“, der „point of no return“ längst erreicht, sagt Wolfgang Ullrich – und die angedrohte Schließung eines Museums paradoxerweise die „letzte Konsequenz“ der Formel „Kultur für alle“. Letztere werde heute von niemandem mehr in Zweifel gezogen. Die Folge sei eine Art von Klassenkampf, der sich vor allem in Nordrhein-Westfalen beobachten lässt: Das Museum solle den Resten des Bildungsbürgertums entrissen werden, um es für soziale Randgruppen zu öffnen. In einer Zeit, da die Künstler allenthalben nach dem Markterfolg schielen, so das Argument, ist es für die Museen nur billig, dass sie am Publikumsmarkt reüssieren.

Neues Verhältnis zum Besucher

Das bedeutet durchaus eine Aufwertung der Museen. Ullrich beobachtet das „gewandelte Selbstverständnis der Museen“ an der Karriere des Begriffs der Kunstvermittlung. Dass sie Werke berühmter Künstler wie Koons oder Gursky aus ihrem Ankaufsetats nicht bestreiten können, kompensieren die Museen durch Workshops, die Kinder, Jugendliche und Erwachsene, auch Alzheimer-Kranke dazu motivieren sollen, in der Begegnung mit den Kunstwerken der großen Kreativen die eigene Kreativität zu entdecken.

Der Besucher wird nicht „von oben herab“ kunsthistorisch belehrt, sondern zur inspirierenden Mitarbeit eingeladen. Kurz, Beuys hat gesiegt, jeder ist im Museum kreativ, darf sich, neben den Genies, als „gleichberechtigter Künstler erfahren“. Wollte man in Leverkusen mit der Zeit gehen, könnte man hier ansetzen und das Museum Morsbroich zur „Kreativitätsagentur“ ausbauen, die „Hebammenarbeit“ leistet bei der Umgestaltung des Rezipienten zum „aktiven Kreativen“.

Maulkorb für die Museumschefs

Das Problem ist, dass sie in Leverkusen nicht mal mehr eine bildungsbürgerlich entkernte Museumskultur als einen Wert begreifen, sondern nur noch als haushalterischen Ballast. Wen wundert’s? Wer die Argumente für die Relevanz von Hochkultur verlernt, die Schwellen bis zur Selbstverleugnung senkt und sich auf das Spielfeld der betriebswirtschaftlichen Logik zwingen lässt, darf sich am Ende nicht wundern, wenn er den Insolvenzrichtern von KPMG vorgeführt wird.

Die außergewöhnlichsten Kunstmuseen
Museum of Medieval Torture Instruments, Damrak 33, 1012 LK AmsterdamDas niederländische Kulturzentrum Amsterdam bietet mit Häusern wie dem Van Gogh Museum oder dem Rijksmuseum nicht nur einige der besten Ausstellungshallen für die höhen Instinkte, sondern einiges für die weniger hohen. Neben Dingen, die dem lebensfrohen Image Amsterdams entsprechen wie Cannabisprodukten (Hash Museum) oder gleich zweien zum Thema Sex zählt das Foltermuseum zu den Touristenmagneten. Von Guillotine und dem Judas Thron bis zu weniger bekannten Dingen wie der Heretiker-Gabel, alle Arten menschlichen Erfindergeistes in Sachen Sadismus fein systematisch aufgeteilt in Instrument zu Ganz-Körper-Folter, sowie Unterleib und Oberkörper. Dargestellt mit Hifle lebensechter Wachspuppen. Foto: Ctny (Clayton Tang) Quelle: Creative Commons
Col·lecció de Carrosses Fúnebres, CArrer de la Mare de Déu de Port, 56-58, 08038 BarcelonaWarum ausgerechnet eine der lebensfrohesten Städte Europas die größte Schau von Leichenwagen hat, wird wohl eher ein Geheimnis der Katalanen bleiben. Freunde des Pomp auf der letzten Reise finden die Kutschen und Fahrzeuge vom späten 18. bis zu Mitte des vergangenen Jahrhunderts, viele davon mit stilecht in Uniformen und Perücken angetanen Puppen. Foto: Anoryat Quelle: Creative Commons
International UFO Museum and Research Center, 114 North Main Street, Roswell, New Mexico 88203, USAEs ist kein Ort für rationale Skeptiker: das Ufo Museum & Research Center dokumentiert akribisch alles rund um den Absturz eines Flugobjekts im Juli 1947 beim geheimen Flugplatz der Area 51 in Roswell im US-Bundesstaat New Mexico. Für die einen war es ein Ufo mit Außerirdischen, für die zuerst unsicheren Behörden ein Wetterballon, der da niederging. Das Ganze geschah nahe der Straße Richtung Corona - Verbindungen zum im Süden der USA sehr beliebten mexikanischen Bier des gleichen Namens sind sicher zufällig. Und wer die grünen Männchen mit den großen Augen im Trockeneis-Nebel oder die nachgestellte Alien-Autopsie nicht recht ernst nehmen kann, findet im Museumsladen immerhin eine Auswahl an Souveniers, die nicht so recht von dieser Welt ist. Dieser Tage sehr beliebt: außerirdischer Christbaumschmuck. Foto: Sand Quelle: Gemeinfrei
Meguro Parasitological Museum, 4-1-1, Shimomeguro, Meguro-ku, Tokyo 153-0064, JapanJapan vereint problemlos minimalistische Ästetik, hohe Sinnenfreuden und mit höchstem Ernst präsentierte Merkwürdigkeiten. Tokio-Besucher können entsprechend mit dem Grutt Pass für 60 Museen im Edo-Tokyo das Stadtleben früherer Jahrhunderte bestaunen, das kulturgeschichtliche Tokyo National Museum besuchen oder im obersten Stock des Mori Towers in Rappongi Hills Penthouse die Sammlung Moderner Kunst des Mori Museum bewundern. Es geht aber auch skurril bis unappetitlich: Da wäre zum Beispiel das Surigami Animation für selbst erstellte Comics, das (leider nicht im Grutt Pass enthaltene) Cupnoodles Museum zur Geschichte der Instant-Ramen-Nudel-Becher und natürlich das Parasiten Museum. Die streng wissenschaftliche Schau bietet Hartgesottenen einen tiefen Blick in die „wunderbare Welt“ (Museumswerbung) von Würmern, Maden und anderen Bewohnern lebendiger Wesen. Quelle: obs
Museum of Broken Relationships, Ćirilometodska ulica 2, 10000, Zagreb, KroatienAuch wenn die Internetadresse Brokenships.com eher auf Schiffunfälle deutet, am Ende geht es um Liebeskummer in allen Varianten und um die wohl größte Herausforderung: etwas darstellen, was nicht mehr da ist. Das Museum der zerbrochenen Beziehungen im kroatischen Zagreb versucht dies anhand von Gegenständen mit besonderem Erinnerungswert wie Kuschelbären, Gedichten und Dingen wie Nasensprays. Das brachte dem Museum nicht nur jede Menge Auszeichnungen wie „Innovativstes Museum 2011“, sondern auch jede Menge Einladungen zu Gastausstellungen vom amerikanischen San Francisco über Berlin und Kapstadt, Südafrika, bis in die taiwanesische Hauptstadt Taiwan. Mitgereist sind die passenden Dinge des Geschenkeladens wie Bad Memory Eraser (Radiergummi für schlechte Erinnerungen) oder dem Anti-Stress-Stift mit Sollbruchstelle in der Mitte.
The Museum of Witchcraft, The Harbour, Boscastle, Cornwall PL35 0HD, Vereinigtes KönigreichDie Liebe für das Mittelalter und alles Fantastische zeigt sich in der britischen Provinz nicht nur in Kult um Harry Potter oder dieser Tage besonders um J.R.R. Tolkien mit dem seiner Saga um den Hobbit und den Herrn der Ringe. Liebevoll pflegen sie auch viele kleine Museen. Das beliebteste ist das Museum of Witchcraft in Cornwall im Südwesten Englands, auch weil das Haus dank einem eigenen Twitter-Accopunt (@witchmuseum) recht zeitgemäß auftritt. Und doch wäre aus der Sammlung rund um Zauberei und Okkultismus fast nichts geworden, weil beim ersten Versuch der Gründung 1947 in Stratford-upon-Avon der Widerstand der Bürger der Shakespeare-Stadt zu groß war. So startete der zweite Versuch in der irischen See auf der Isle of Man, stilecht mit einer „Resident Witch“. Weil dem Gründer Cecil Williamson da zu wenig los war, zog er – nach drei von Anwohnern vereitelten Gründungsversuchen in den USA, Windsor und Gloucestershire – ins offenere Cornwall. Quelle: ZB

Roswitha Arnold, Vorsitzende des Kulturausschusses in Leverkusen, erreicht viele ihrer Ratskollegen nicht mal mehr mit dem Selbstverständlichsten: dass der Haushalt nicht wegen der Kultur in Schieflage geraten ist und daher auch nicht auf Kosten der Kultur saniert werden kann. Dass die Schließung des Museums die Stadt noch ärmer machen würde. Dass ausgerechnet die Spitzenwerke einer Sammlung nicht verhökert gehören, weil ihre Präsentation (und die Einnahmen aus dem Leihgabensystem) die Bilanz verbessern. Leverkusen hat die Kultur 2002 in einen Eigenbetrieb ausgegliedert und ihr eine Million (von 9,3 Millionen) gestrichen. Leverkusen verschönert seit 2011 den Stadtteil Opladen – und erspart der Kultur eine weitere Million. Leverkusen strebt einen ausgeglichenen Haushalt bis 2018 an – und droht der Kultur mit einem Minus von weiteren 1,4 Millionen und der Schließung des Museums nun endgültig den Garaus zu machen.

Die Museumsleitung darf zu alledem nichts sagen, hat von den Stadtoberen einen Maulkorb verpasst bekommen. Und doch gelingt ihr nächsten Sonntag ein denkbar passender Kommentar: eine neue Ausstellung – mit Werken von Richter und Polke. Ihr Titel: „Schöne Bescherung“.

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