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Lampenfieber Immer dahin, wo die Angst ist

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Die Sicherheitskonstruktionen sind andere

Lampenfieber? Auftrittsstress? Nein, das habe er nicht, sagt Scobel. Allenfalls bei Auftritten jenseits des Studios sei er nervös, bei Vorlesungen, die er als Philosophieprofessor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg hält, oder auf wissenschaftlichen Kongressen, wo er als Vortragsredner vor einem kritischen Publikum bestehen muss. Im Fernsehstudio würde es ihn „auf Dauer krank machen“, gegen aversive Gefühle anzukämpfen. Trotzdem, die Angst vor der Blamage kennt der Moderator „im Prinzip“ ebenso wie der Musiker, „nur dass die Sicherheitskonstruktionen andere sind“: Während der Pianist sich allein auf sein Können verlässt, kommt dem Moderator der technische Apparat, das Licht, die Kamera, der Teleprompter, zu Hilfe.

Dabei kann der 59-Jährige sich noch gut erinnern, welch massive Ängste er als junger Hörfunkmoderator durchlebte, bevor das rote Licht anging. An seine Atemnot oder an den Durchfall, eine klassische Stressreaktion, für die Scobel gleich die wissenschaftliche Erklärung parat hat: Die Entleerung des Darms vor Kampfsituationen sorgte in archaischer Zeit dafür, dass sich die Entzündungsgefahr bei Verletzungen minderte.

Es gab panische Phasen, wenn er unter Zeitdruck Moderationen formulieren musste: Sein Puls raste, er konnte sich schlecht konzentrieren, 1000 Gedanken schossen durch den Kopf. Die „primäre Angst“, woran man sich als Anfänger abarbeite, sei tatsächlich die „Fantasie, zu scheitern, in den Augen des Publikums – und damit vor sich selber“.

Kleine Rangliste der Ängste

Wie er sie überwunden hat? Erstens durch Übung. Zweitens durch die Freude an dem, was er macht. Da ihm das „Rampensau-Gen“ fehle, sei der Wunsch nach Selbstdarstellung bei ihm eher unterentwickelt.

Wolfram Brandl, Erster Konzertmeister der Berliner Staatskapelle, sieht darin die größte Gefahr: an Lampenfieber zu scheitern, „weil der Wunsch nach Anerkennung im Vordergrund steht“. Versagensängste würden durch Selbstüberschätzung geschürt. Der 43-jährige Geiger hält Lampenfieber für „essenziell“: Ein erhöhter Puls, verbunden mit gesteigerter, fokussierter Aufmerksamkeit, wecke „positive Kräfte“, sorge für einen „Adrenalin-Kick“, der zu „Außerordentlichem beflügelt“.

Vor wichtigen Auftritten stellt er bei sich selbst immer wieder fest, dass auch Angst aufsteigt, die sich aber eine Stunde vor der Aufführung legt, um einem „gefassten, sehr konzentrierten Zustand“ zu weichen, der Voraussetzung für eine gute Leistung ist. Natürlich geht er auch wichtige Stellen einer Partitur noch einmal durch, doch „nie unter Volldampf – und immer freundlich zu sich selbst“. Man müsse lernen, sich „nicht permanent zu überfordern“, sondern ein Gefühl dafür entwickeln, was man zu leisten vermag. Wenn Wollen und Können zu weit auseinanderklaffen, bekommen vielleicht die Zuhörer nicht immer etwas mit, aber der Dirigent und die Kollegen. Und gerade vor ihnen möchte man keine Schwäche zeigen.

Was Ihre Gesten über Sie verraten

Musiker, die auch schwierigste Herausforderungen meistern, würden sich dadurch auszeichnen, dass sie sich „in Frieden lassen können“ und den „natürlichen Mechanismus der Angst annehmen“. Anders gesagt: dass sie ein „gesundes Verhältnis zu sich selbst haben und zu dem, was sie tun“.

Kein Geheimrezept

„Königswege“ zur Lampenfieberbekämpfung gebe es nicht, sagt der Neurologe Alexander Schmidt, vor allem keine unmittelbar wirksamen. Seit Mai testet eine auf zwei Jahre angelegte Studie der Charité jetzt dennoch die „angstlösenden Effekte körperlicher Bewegung“. Die ersten Probanden mit diagnostizierter Auftrittsangst haben ein neuromedizinisch kontrolliertes Probespiel vor einer Jury absolviert, daraufhin ein spezielles, sportmedizinisch ausgestaltetes Trainingsprogramm durchlaufen, um dann ein zweites Mal vor einer Jury zu spielen. Der Vergleich von Herzfrequenz, Stresshormonen und sonstiger Körpersymptomatik soll schließlich Aufschluss geben darüber, ob durch ein individuell angepasstes Training kurzfristig Auftrittsängste reduziert werden können.

Mit der Sport-App gegen Lampenfieber? Der Erfolg einer solchen „Akut-Behandlung“, sagt Schmidt, würde uns „Hundertschaften zutreiben“ – nicht nur die Musiker.

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