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Durchgetaktet und getimed

Sir Henry jault. Meine Schulfreundin ist ihm auf das linke Pfötchen getreten, während sie mit einer Hand mit ihrem Sohn telefoniert und mit der anderen die Mülltonne zum Straßenrand wuchtet. Die Lage bei ihr: Kinder, Haus, Hund, Scheidung und neuerdings ein junger Verehrer; ihr Noch-Mann hat ebenfalls eine neue Lebensgefährtin.

Ihr durchgetaktetes Leben bietet mir ein Zeitfenster zwischen 16 und 17.30 Uhr am Sonntagnachmittag – sofern ich es mit dem Hund gemeinsam in Anspruch nehme, der dringend nach Austritt verlangt. Meine Freundin hat viel um die Ohren: Später muss sie noch Abendessen für die Kinder machen, dann hat sie noch eine kranke Mutter, und einen dementen Stiefvater zu versorgen.

Am nächsten Tag wird sie wieder um 6.15 Uhr aufstehen und den ungeliebten Beamtendienst antreten. Schon mehr als ein Jahrzehnt schiebt sie da „Dienst nach Vorschrift“ Was ist geblieben von London, Mailand, Modebranche? „Ich träume ja nach wie vor von einem Wechsel... Aber mein Routinejob ist in meiner Lage ein Glücksfall – bei all den Scheidungsterminen, Anwalt, Steuerberater, Pubertierenden-Dramen“, sagt sie.
Die eineinhalb Stunden reichen, um sich wieder vertraut zu fühlen. Wir besprechen die letzten Jahre im Schnellrückspulverfahren, lachen, lästern, sinnieren. Wie lang ist es her, dass wir uns zuletzt gesehen haben? Fünf Jahre? Acht Jahre? Wir wissen es nicht mehr.

Die engsten Freundschaften entstehen in der Jugend

Damit sind wir nicht allein. In ihren Dreißigern und Vierzigern machen viele Menschen eine bewegte Zeit durch: Sie machen Karriere, wechseln schnell die Jobs, ziehen oft um. Manche bekommen parallel dazu auch noch Kinder und ziehen sie groß. Mit den vielen Verpflichtungen wird die Zeit für alte Freunde knapp, dafür treten neue Menschen in unser Leben.
Aber enge Freundschaften, so wie in der Schule oder während des Studiums, sind in unseren globalisierten Zeiten kaum noch zu knüpfen. Denn dafür haben US-Soziologen schon in den 1950ern drei simple, aber kaum noch real existente Bedingungen ausgemacht: Nähe, Wiederholung – und eine entspannte Umgebung.

Ab einem bestimmten Alter, so heißt es, werden anstelle von „besten Freunden“ (best friends forever, BFF) eher Zweck-Freundschaften geschlossen (kind of friends, KOF). Erst bei einschneidenden Ereignissen wie Scheidungen, Krankheit, Kündigung wird klar, dass von 1000 Facebook-Freunden kaum einer den Anforderungen einer echten Freundschaft standhält. Selbst KOFs bringen wenig Begeisterung für von ihren Interessen abweichende Verpflichtungen auf.

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