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Lange nicht gesehen? Wagen Sie den Weihnachtsbesuch in der Heimat

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Globale Karriere als Schleudersitz

Wie meine Schulfreundin mit der laufenden Scheidung ist auch meine einstige WG-Mitbewohnerin aus dem Netz geploppt: Sie hat vor zwei Jahren ihren Job verloren, teilt sie mit.

Nach dem Studium hatten wir uns irgendwie aus den Augen verloren. Bei der ersten Hochzeit war ich noch dabei. Dann zog sie in die Schweiz, ging eine zweite Ehe ein, bekam Kinder und machte Karriere bei einer internationalen Organisation. Bis die neue Chefin kam. „Zwei Jahre habe ich die täglichen Dispute ausgehalten, dann bin ich gegangen! Meine Kinder sind groß und jetzt ist es an der Zeit, dass ich mich auch ein wenig um meinen Vater und meine Mutter kümmere“, erklärt sie.
So hat es auch sie an Weihnachten in die nordrhein-westfälische Provinz verschlagen. Auf der Durcheise bleibt sie eine Nacht bei mir.

Bei viel Wein erfahre ich, wie sie die letzten beiden Jahre verbracht hat: Hier ein Beraterauftrag, da eine Filmproduktion, streckenweise auch nichts, Kanada, Schweiz, Berlin. Wir haben viele Ideen für gemeinsame Projekte, für eine gemeinnützige Gründung, für die Weltverbesserung schlechthin. Aber zuerst will sie sich um eine Patientenverfügung für ihre Eltern kümmern, das Testament und mögliche Betreuungsplätze.

Es gibt sie doch, die späten Freundschaften

Die Treffen mit den alten Freundinnen bringen mich auf ganz neue Gedanken. Warum wollte ich eigentlich erst zurückkommen, wenn ich so richtig erfolgreich bin? Was heißt überhaupt Erfolg? Paris, Berlin, Moskau, je weiter weg, desto fulminanter würde die Karriere sein, so dachte ich.
Aber immer, wenn ich es mal wieder „geschafft“ hatte, einen (vermeintlichen) Mega-Job zu ergattern, internationales Parkett zu bespielen, exotische Auslandsgeschichten im Gepäck, dann blieb einfach keine Zeit für einen Besuch. Ja, sicher, kurz zu den Eltern am Vierundzwanzigsten. Dann gleich weiter auf die After-Christmas Party bei meinem Grundschulfreund in der benachbarten Großstadt. Dort, wo wir In-die-Welt-Zerstreuten, kinderlosen Heimatnest-Boykottierer uns seit nunmehr 20 Jahren nach der elterlichen „Bescherung“ trafen. Und dann auch schnell wieder zurück an den Arbeitsplatz.

Diese Weihnacht fällt unsere glamouröse After-Christmas-Party aus, weil der Gastgeber das Haus nicht mehr hat.
Also bleibe ich einfach zuhause. Still ruht die Heilige Nacht, hier in meiner Heimatstadt. Irgendwie bin ich versöhnt, aber noch hellwach. Ich rufe meine verhinderte Reisefreundin am anderen Ende der Welt an. Sie hat eine Top-Position in Fernost, lebt dort mit Mann und Kind. Sie hat die lebensrettende Operation gut überstanden, während ich auf Island war.

Der Zufall hat uns erst vor zwei Jahren zusammengebracht – es gibt eben auch Freundschaften jenseits von BBF und KOF. Wir tauschen uns aus über Liebe, Freundschaft, Erfolg. „Weißt Du, ich war immer sehr erfolgreich, Geduld nie meine Stärke. Und nun ist das Gesundwerden mein größtes Projekt. Für mich und für meine Familie“, sagt sie.

Ich schäme mich ein wenig für meine vorherige Vorstellung von Erfolg, die mich sogar von der Heimat fernhielt. Erfolg ist etwas anderes: Wenn man in der Lage ist, einmal innezuhalten, statt sich ständig um die eigene Achse zu drehen in einer beschleunigten Welt.

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