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Lange nicht gesehen? Wagen Sie den Weihnachtsbesuch in der Heimat

Alte Freunde treffen sich im Winter zu Weihnachten wieder Quelle: imago images

Neben Karriere, Familiengründung und der ersten Scheidung verlieren wir allzu oft die alten Freunde aus den Augen. Es lohnt sich, sie wiederzutreffen – auch wenn Sie meinen, noch nicht genug Erfolge vorweisen zu können.

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Weihnachtszeit in der Heimat, irgendwo in der Provinz zwischen Ruhrpott und holländischer Grenze: Wo der Einzelhandel Billigketten und Resterampen gewichen ist und von wo vor allem junge Menschen erst einmal wegziehen – zum Studieren, Karriere machen und um einer gewissen sozialen Kontrolle zu entgehen.

Auch ich war vor etlichen Jahren eine von denen. Deshalb wollte ich eigentlich erst zurückkehren, wenn ich so richtig „erfolgreich“ bin. Position, Prestige, Geld – all das wollte ich erst einmal vorweisen können. Doch dieses Jahr ist alles anders.

Ausgelöst hat das alles mein Rote-Mützen-Foto auf Facebook, mit dem ich vor wenigen Monaten mein mehrere Jahre altes Profilbild ersetzte. Bling Bling – plötzlich meldete sich das Handy ständig. „Du siehst aber gut aus!“, Bling Bling: „Wo bist Du denn da?“ und: „Wir müssen uns unbedingt mal wieder sehen“, ploppen die Nachrichten rein.

Warum ich mir zu Weihnachten eine neue Badehose wünsche

Allein mit mir und einer halben Million isländischer Schafe hatte ich unverhofft – und vor allem auch ungewollt – viel Zeit gehabt. Meine Reisefreundin hatte kurz vor Abflug eine heftige Diagnose bekommen. Neben der Traurigkeit stieg mit jedem Tag mehr auch ein längst verlorenes Gefühl aus der Kindheit in mir hoch: Langeweile. Mit ihr kam die Nostalgie: Wo sind sie hin, die Freunde aus Kindergarten, Schule und auch Studium?

Und so war es fast schon eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, dass sie wegen der Fotos aus dem einsamen Urlaub über Facebook zu mir zurückkamen – und schon Weihnachten sahen wir uns wahrhaftig wieder.

Durchgetaktet und getimed

Sir Henry jault. Meine Schulfreundin ist ihm auf das linke Pfötchen getreten, während sie mit einer Hand mit ihrem Sohn telefoniert und mit der anderen die Mülltonne zum Straßenrand wuchtet. Die Lage bei ihr: Kinder, Haus, Hund, Scheidung und neuerdings ein junger Verehrer; ihr Noch-Mann hat ebenfalls eine neue Lebensgefährtin.

Ihr durchgetaktetes Leben bietet mir ein Zeitfenster zwischen 16 und 17.30 Uhr am Sonntagnachmittag – sofern ich es mit dem Hund gemeinsam in Anspruch nehme, der dringend nach Austritt verlangt. Meine Freundin hat viel um die Ohren: Später muss sie noch Abendessen für die Kinder machen, dann hat sie noch eine kranke Mutter, und einen dementen Stiefvater zu versorgen.

Am nächsten Tag wird sie wieder um 6.15 Uhr aufstehen und den ungeliebten Beamtendienst antreten. Schon mehr als ein Jahrzehnt schiebt sie da „Dienst nach Vorschrift“ Was ist geblieben von London, Mailand, Modebranche? „Ich träume ja nach wie vor von einem Wechsel... Aber mein Routinejob ist in meiner Lage ein Glücksfall – bei all den Scheidungsterminen, Anwalt, Steuerberater, Pubertierenden-Dramen“, sagt sie.
Die eineinhalb Stunden reichen, um sich wieder vertraut zu fühlen. Wir besprechen die letzten Jahre im Schnellrückspulverfahren, lachen, lästern, sinnieren. Wie lang ist es her, dass wir uns zuletzt gesehen haben? Fünf Jahre? Acht Jahre? Wir wissen es nicht mehr.

Die engsten Freundschaften entstehen in der Jugend

Damit sind wir nicht allein. In ihren Dreißigern und Vierzigern machen viele Menschen eine bewegte Zeit durch: Sie machen Karriere, wechseln schnell die Jobs, ziehen oft um. Manche bekommen parallel dazu auch noch Kinder und ziehen sie groß. Mit den vielen Verpflichtungen wird die Zeit für alte Freunde knapp, dafür treten neue Menschen in unser Leben.
Aber enge Freundschaften, so wie in der Schule oder während des Studiums, sind in unseren globalisierten Zeiten kaum noch zu knüpfen. Denn dafür haben US-Soziologen schon in den 1950ern drei simple, aber kaum noch real existente Bedingungen ausgemacht: Nähe, Wiederholung – und eine entspannte Umgebung.

Ab einem bestimmten Alter, so heißt es, werden anstelle von „besten Freunden“ (best friends forever, BFF) eher Zweck-Freundschaften geschlossen (kind of friends, KOF). Erst bei einschneidenden Ereignissen wie Scheidungen, Krankheit, Kündigung wird klar, dass von 1000 Facebook-Freunden kaum einer den Anforderungen einer echten Freundschaft standhält. Selbst KOFs bringen wenig Begeisterung für von ihren Interessen abweichende Verpflichtungen auf.

Globale Karriere als Schleudersitz

Wie meine Schulfreundin mit der laufenden Scheidung ist auch meine einstige WG-Mitbewohnerin aus dem Netz geploppt: Sie hat vor zwei Jahren ihren Job verloren, teilt sie mit.

Nach dem Studium hatten wir uns irgendwie aus den Augen verloren. Bei der ersten Hochzeit war ich noch dabei. Dann zog sie in die Schweiz, ging eine zweite Ehe ein, bekam Kinder und machte Karriere bei einer internationalen Organisation. Bis die neue Chefin kam. „Zwei Jahre habe ich die täglichen Dispute ausgehalten, dann bin ich gegangen! Meine Kinder sind groß und jetzt ist es an der Zeit, dass ich mich auch ein wenig um meinen Vater und meine Mutter kümmere“, erklärt sie.
So hat es auch sie an Weihnachten in die nordrhein-westfälische Provinz verschlagen. Auf der Durcheise bleibt sie eine Nacht bei mir.

Bei viel Wein erfahre ich, wie sie die letzten beiden Jahre verbracht hat: Hier ein Beraterauftrag, da eine Filmproduktion, streckenweise auch nichts, Kanada, Schweiz, Berlin. Wir haben viele Ideen für gemeinsame Projekte, für eine gemeinnützige Gründung, für die Weltverbesserung schlechthin. Aber zuerst will sie sich um eine Patientenverfügung für ihre Eltern kümmern, das Testament und mögliche Betreuungsplätze.

Es gibt sie doch, die späten Freundschaften

Die Treffen mit den alten Freundinnen bringen mich auf ganz neue Gedanken. Warum wollte ich eigentlich erst zurückkommen, wenn ich so richtig erfolgreich bin? Was heißt überhaupt Erfolg? Paris, Berlin, Moskau, je weiter weg, desto fulminanter würde die Karriere sein, so dachte ich.
Aber immer, wenn ich es mal wieder „geschafft“ hatte, einen (vermeintlichen) Mega-Job zu ergattern, internationales Parkett zu bespielen, exotische Auslandsgeschichten im Gepäck, dann blieb einfach keine Zeit für einen Besuch. Ja, sicher, kurz zu den Eltern am Vierundzwanzigsten. Dann gleich weiter auf die After-Christmas Party bei meinem Grundschulfreund in der benachbarten Großstadt. Dort, wo wir In-die-Welt-Zerstreuten, kinderlosen Heimatnest-Boykottierer uns seit nunmehr 20 Jahren nach der elterlichen „Bescherung“ trafen. Und dann auch schnell wieder zurück an den Arbeitsplatz.

Diese Weihnacht fällt unsere glamouröse After-Christmas-Party aus, weil der Gastgeber das Haus nicht mehr hat.
Also bleibe ich einfach zuhause. Still ruht die Heilige Nacht, hier in meiner Heimatstadt. Irgendwie bin ich versöhnt, aber noch hellwach. Ich rufe meine verhinderte Reisefreundin am anderen Ende der Welt an. Sie hat eine Top-Position in Fernost, lebt dort mit Mann und Kind. Sie hat die lebensrettende Operation gut überstanden, während ich auf Island war.

Der Zufall hat uns erst vor zwei Jahren zusammengebracht – es gibt eben auch Freundschaften jenseits von BBF und KOF. Wir tauschen uns aus über Liebe, Freundschaft, Erfolg. „Weißt Du, ich war immer sehr erfolgreich, Geduld nie meine Stärke. Und nun ist das Gesundwerden mein größtes Projekt. Für mich und für meine Familie“, sagt sie.

Ich schäme mich ein wenig für meine vorherige Vorstellung von Erfolg, die mich sogar von der Heimat fernhielt. Erfolg ist etwas anderes: Wenn man in der Lage ist, einmal innezuhalten, statt sich ständig um die eigene Achse zu drehen in einer beschleunigten Welt.

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