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Lebenskatastrophen "Man wächst daran"

Wie der Unternehmer Joachim Schoss in der Katastrophe über sich selbst hinauswuchs.

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Joachim Schoss Quelle: Nik Hunger

WirtschaftsWoche: Herr Schoss, die Philosophen sagen, das Fundament zum Glück liege darin, mit dem Unglück richtig umzugehen. Sehen Sie das so?

Schoss: Ja, absolut.

Manche Resilienz-Forscher gehen sogar so weit, die Krise zum Normalfall im Leben zu erheben.

Ich stimme zu, dass die Herausforderung eher der Normalfall ist und dass der Sinn des Lebens darin liegt, mit Herausforderungen klug umzugehen. Ich glaube auch, dass man vor negativen Herausforderungen umso mehr bewahrt wird, je früher man sich den positiven stellt.

Also eine Art von Katastrophen-Prophylaxe?

Im Leben sollte es immer darum gehen, die Herausforderungen zu meistern, nicht sie zu vermeiden. Die ganze Kunst liegt doch darin, mit den Risiken und Krisen positiv umzugehen und daran zu wachsen. Das ist, meine ich, der Kern eines glücklichen Lebens.

Also handeln statt jammern?

Nach meinem Unfall habe ich in den Krankenhäusern genau dieses gesehen: dass viele meiner Mitpatienten den Kopf in den Sand gesteckt haben. Aus meiner Sicht ist selbst eine Amputation absolut kein Grund, zu kapitulieren.

Muss man denn erst in die Krise geraten, um Resilienz zu entwickeln?

Der Beweis fürs Können liegt im Tun. Es ist normal, dass es täglich Herausforderungen gibt – die einen größer, die anderen kleiner. Ich glaube, dass starke Persönlichkeiten mit großen Herausforderungen konfrontiert wurden. Man wächst daran. Es ist wie im Sport, wo die Gegner in jeder höheren Liga härter werden.

Glauben Sie, dass uns die Resilienz in den Genen steckt, oder kann man sie trainieren?

Früher war ich überzeugt, dass über den Willen alles machbar ist. Heute glaube ich eher, dass der menschliche Wille – so wie zum Beispiel auch Körperkräfte oder die Intelligenz – zu einem gewissen Potenzial angelegt ist. Man kann immer unter seinem Potenzial bleiben, und bei vielen Menschen ist das der Fall. Aber man wird es nie überschreiten können.

Es gibt also Menschen, die von Natur aus nie viel Resilienz entwickeln?

Viele haben einfach nicht die Willenskraft, um die jeweilige Katastrophe zu verarbeiten. Aber man kann Resilienz auch bis zu einem gewissen Grad fördern: Das Beste, was man tun kann, ist schon den Kindern zu vermitteln, dass einem im Leben nicht alles geschenkt wird. Der Sinn des Lebens kann nicht sein, dass es uns 80 Jahre am Stück gut geht...

...sondern?

...dass wir uns weiterentwickeln. Und man entwickelt sich eben am schnellsten, wenn es am meisten wehtut.

Der Mystiker Meister Eckhart schrieb: Das Tier, das dich am schnellsten zur Vollkommenheit trägt, heißt Leiden. Richtig?

Der Leidensdruck wirkt wie ein Turbo: Er beschleunigt den Lernprozess ungemein.

Welches waren die besten Erfahrungen in Ihrer Lebenskrise?

In der Nahtod-Situation, in der ich mich nach dem Unfall in Südafrika befand, waren meine Kinder ganz nah bei mir – nicht physisch aber seelisch. Auf eine Art, die ich hier nicht erklären kann, haben sie mir signalisiert, dass sie mich unbedingt am Leben haben wollen. Es war etwas, das mir viel Kraft gab.

Was sonst hat Ihre Resilienz gestützt?

Ich glaube an die Ewigkeit der Seele, an die Reinkarnation. Vom ersten Moment an, als ich meiner körperlichen Situation gewahr wurde, habe ich mir gesagt: Die Seele wird wachsen, und nächstes Mal gibt es einen neuen Körper. Schade zwar! Aber lieber der Körper nimmt Schaden, und die Seele hat die Chance, sich weiterzuentwickeln, als umgekehrt.

„Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“, sagte Friedrich Nietzsche. Hat Ihre persönliche Katastrophe Sie gestärkt?

Ganz ohne Zweifel! Sie hat mich körperlich schwächer gemacht, aber seelisch stärker. Die Bandbreite des Lebens hat sich vergrößert. Durch den Unfall ist mein Erfahrungsspektrum viel reicher geworden. Zum Beispiel war ich als Unternehmer immer uneingeschränkter Optimist...

...aber der Unfall hat Sie doch nicht zum Pessimisten werden lassen?

Nein. Aber heute sehe ich deutlicher, dass auch mal etwas schiefgehen kann. Dieser Frontalzusammenstoß aus heiterem Himmel, an einem sonnigen Tag, auf gerader Straße war sinnbildlich für mein Leben: Bis dahin war es schnurgerade und sonnig verlaufen. Dann ein großer Knall, und alles war abrupt zu Ende. Das Leben besteht nicht nur aus Erfolgen. Zur ganzen Persönlichkeit gehört auch die Erfahrung mit Misserfolgen. Daran kann man wachsen und stärker werden.

Der Resilienz-Forscher Boris Cyrulnik spricht von der „Kraft im Unglück“. Finden Sie das zynisch?

Überhaupt nicht. Manches, was sich im ersten Moment wie ein Unglück darstellt, erweist sich später als großes Glück und entscheidende Wende im Leben. Ich habe heute viel gewonnen: eine glückliche Beziehung, sehr viel Freiheit mit meinen Kindern – lauter Dinge, die ich so nicht gehabt hätte, wenn mein Leben einfach im alten Trott weitergegangen wäre. In allem wohnt auch etwas Gutes. Es war kein Glück – aber ein klarer Gewinn.

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