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Lohnungleichheit Der Gender Pay Gap ist real – aber das stört nur die Frauen

Exklusiv
Frauen in Führungspositionen sind in Deutschland noch immer selten. Frauen, die genauso viel verdienen wie ihre männlichen Kollegen, auch. Quelle: dpa

Immer mehr Unternehmen bemühen sich, Frauen die gleichen Karrierechancen, aber auch die gleichen Gehälter zu bieten wie Männern. Eine Umfrage zeigt nun, wie sehr diese Initiativen die Belegschaften spalten.

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Lange war Giny Boer gegen die Frauenquote. Schließlich hat sie selbst Karriere gemacht. Beim Möbelhändler Ikea fing sie vor mehr als 20 Jahren als Trainee an und leitete zuletzt das Geschäft in Süd- und Osteuropa mit mehr als 50.000 Angestellten. Zu Beginn dieses Jahres hat sie die Führung über das Europageschäft des Modehändlers C&A übernommen. Die gebürtige Niederländerin hat in dieser Zeit aber nicht nur gezeigt, wie weit es Frauen in der Wirtschaft bringen können. Sondern auch, wie schwer das mitunter ist. Und deshalb hält die Managerin die Frauenquote inzwischen für notwendig. Die Frage, so sagt sie, sei weniger, ob das nun ein richtiges oder falsches Instrument ist. Entscheidend sei:, nach Jahrzehnten der erfolglosen Versuche, die Ungleichheit in der Berufswelt mit Appellen zu verändern: Es gehe offenbar nicht anders.

Damit spricht Boer aus, was viele erfolgreiche Frauen denken, die sich jüngst als Fans der Frauenquote geoutet haben. Und sie scheint damit auch anderen Arbeitnehmerinnen in Deutschland aus der Seele zu sprechen. Darauf deutet eine Umfrage des Karriereportals Stepstone im Rahmen der Diversity-Initiative The Shift hin.

Demnach begrüßen mehr als 80 Prozent der Frauen das zu Beginn dieses Jahres von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte Gesetz, wonach in den Vorständen börsennotierter und paritätisch mitbestimmter Unternehmen mit mehr als drei Mitgliedern künftig mindestens eine Frau sitzen muss. Bei Männern hingegen, auch das zeigt die Umfrage, stößt die Quote eher auf Ablehnung: Rund 53 Prozent halten das Gesetz für schlecht. Und während es fast 76 Prozent der Frauen begrüßen würden, wenn das eigene Unternehmen eine Frauenquote für Führungspositionen auf allen Ebenen einführt, halten das nur knapp 36 Prozent der Männer für eine gute Idee.

Bangen um Privilegien

Auch wenn Männer dies mitunter nur hinter vorgehaltener Hand zugeben: Bei vielen macht sich das Gefühl breit, dass sie den Preis dafür zahlen, wenn Unternehmen sich für eine vielfältigere Belegschaft einsetzen. Als weißer Mann, so klagt der eine oder andere in kleiner Runde, habe man kaum noch eine Chance, Karriere zu machen. Zwar werden die Befürworter der Frauenquote nicht müde zu betonen, dass von den gemischten Teams auch Männer profitieren, weil es nicht mehr ganz so ruppig zugehe und Meetings zu Zeiten abgehalten werden, die es allen erlauben, ihre Kinder morgens in die Schule zu bringen oder Abends mit ihnen zu essen. Doch davon, dass Führungsteams, in denen Männer wie Frauen gleichermaßen vertreten sind, auch die Kultur in Unternehmen verbessern, sind vor allem die Frauen überzeugt: In der Umfrage stimmten zwar knapp 80 Prozent der Frauen diesem Wandel zu, aber nur etwas mehr als 57 Prozent der Männer.

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Vielleicht liegt das auch daran, dass die Männer sich ihrer Privilegien bewusst sind und sie zumindest nicht voreilig aufgeben wollen. In Deutschland verdienen Männer im Schnitt 19 Prozent mehr als Frauen. Um diesen Gender Pay Gap zu minimieren, sehen Frauen wie Männer vor allem die Unternehmen in der Pflicht. Auffällig in der Umfrage ist aber, dass Frauen deutlich höhere Erwartungen an die Regierung richten: Auf die Frage, wen sie in der Verantwortung sehen, die Verdienstlücke zu schließen, sagten 55 Prozent von ihnen: die Politik. Unter den Männern waren es nur 33 Prozent. Die Betroffenen selbst sollen es richten, sagen hingegen 31 Prozent der Männer, aber nur 21 Prozent der Frauen. Diese Diskrepanz zeigt sich auch in der ganz persönlichen Karriereplanung: 27 Prozent der Männer gaben in der Umfrage an, dass es beim Jobwechsel für sie unbedeutend ist, ob das Unternehmen Frauen und Männer nachweislich gleich bezahlt. Unter den Frauen sagten das nicht einmal vier Prozent. 

„Wer selbst Ungleichbehandlung erfahren hat, ist deutlich sensibler für Missstände und fordert deshalb konkrete Maßnahmen“, sagt Tobias Zimmermann, Arbeitsmarktexperte beim Karriereportal Stepstone. Die Umfrage legt auch nahe, dass sich die Einstellung zu Frauenquote und Gender Pay Gap sich über die Generationen ändert: Je jünger die Befragten waren, desto mehr Wert legten sie auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in der Belegschaft generell, aber auch in den Führungsetagen. Auch auf gleiche Bezahlung achten die Jungen deutlich stärker. Zimmermann betont deshalb: „Gehaltstransparenz und gerechte Bezahlung bilden einen entscheidenden Wettbewerbsfaktor für die Unternehmen angesichts eines zunehmend umkämpften Arbeitsmarktes und ebenso für den Wirtschaftsstandort Deutschland als Ganzen.“

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