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Management Raus aus der Perfektionismusfalle

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Bayer-Chef Marijn Dekkers Quelle: dapd

Überhaupt wundert sich der Niederländer, der einige Jahre in Amerika arbeitete, immer wieder über die deutsche Mentalität: "In den USA freuen sich alle, wenn ein Projekt zu 80 Prozent gelungen ist. Wenn dagegen in Deutschland ein Projekt 98 Prozent erreicht, fragen sich alle noch, woran es bei den restlichen zwei Prozent hakt."

Es ist ein Fehler, keine Fehler machen zu wollen. Manche Menschen verschwenden ihr ganzes Leben bei diesem Versuch. Objektiv betrachtet machen sie vielleicht wirklich seltener Fehler als andere. Aber sie erreichen auch weniger, weil sie viel Zeit dafür aufwenden, potenzielle Malaisen zu vermeiden. Wer vorankommen will – sei es nun persönlich oder unternehmerisch – der muss Entscheidungen treffen. Und die können mitunter falsch sein. Na und?! Kein Unternehmertum ohne Risiko.

Zu teurer Feinschliff

Das sieht auch Marcus Fache so. Er leitet seit über einer Dekade seine eigene Werbeagentur in Steinheim bei Ulm. Als Werber weiß er nur allzu gut, wie schwierig Kunden auf den letzten Metern werden können. Eine Woche vor dem Neustart einer Web-Site wird etwa die Seitenstruktur plötzlich infrage gestellt, sollen Fotos ausgetauscht werden, oder bei Broschüren stimmt der Farbton nicht mehr, Motto: "Können wir nicht doch ein anderes Rot ausprobieren?"

"Natürlich lässt sich alles verbessern, verändern, optimieren", sagt Fache. "Aber in den meisten Fällen wird das nur teurer, nicht besser." Kosten und Nutzen stünden für diesen finalen, oft aufwendigen Feinschliff in keinem Verhältnis, zumal es dabei meist um Geschmacksfragen geht. "Und was sind schon 100 Prozent perfekter Geschmack?"

Vielmehr stecke dahinter ein letzter Anflug von Unsicherheit – die Angst vor der eigenen Wahl, so kurz vor dem tatsächlichen, endgültigen Start.

Griff in die Trickkiste

Nicht selten greift Fache dann zu einer Art Placebo-Trick: Er stimmt den Änderungswünschen bereitwillig zu, lässt etwas Zeit verstreichen und präsentiert dann einen nur minimal veränderten Entwurf. Effekt: Für die Kunden ist nun alles perfekt – auch wenn es das im Grunde schon vorher war, nur nicht gefühlt. "Führen zur Entscheidung", nennt Fache das.

Nach Vollkommenheit zu streben ist ohnehin vollkommen aussichtslos. Nullfehlertoleranz können sich allenfalls Götter leisten. Oder deutsche Ingenieure. Kaum ein anderer Berufszweig verkörpert hierzulande so sehr deutsche Primärtugenden wie Genauigkeit, Gewissenhaftigkeit, Sorgfalt, Präzision. In den meisten Fällen hat das auch seine Berechtigung. Wer will schon ein Auto kaufen, das nach 200 Kilometern auseinanderfällt, oder eine Maschine, die mehr steht als läuft?

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