Mehr Erfolg mit Englisch
Die populäre Übersetzungsmaschine DeepL soll helfen die richtigen Zeitformen, die im Deutschen und Englischen unterschiedlich verwendet werden Quelle: imago images

DeepL oder DeepfaiL? Der zweite Praxistest

Die populäre Übersetzungsmaschine DeepL soll helfen die richtigen Zeitformen, die im Deutschen und Englischen unterschiedlich verwendet werden – und die in der Alltagskommunikation wichtig sind, zu finden. Taugt sie?

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Ich kenne viele Menschen, die für ihren Erfolg mit Englisch nicht mehr auf die Zauberformel „DeepL“ verzichten wollen – also jener Sprachenservice, mit dem man online mittlerweile 72 Sprachen kreuz und quer übersetzen kann. Für die relativ kleinen Ansprüche dieser Kolumne, in der ich mich mit den eng verwandten Sprachen Deutsch und Englisch beschäftige, habe ich DeepL zum ersten Mal hier getestet und gefragt: DeepL oder DeepfaiL?

Dass das Programm damals ein wenig mit den Übersetzungen deutscher Pseudoanglizismen wie „Telefonjoker“ oder „Homeoffice“ schwächelte, ist noch lange kein Grund darauf zu verzichten – im Gegenteil!

Wäre DeepL alleine neulich zum Einsatz gekommen, als deutsche Medien über ein Interview der BBC mit dem früheren Fotomodell Kate Moss berichteten. Indem sie aus photo shoot – dem Fototermin – eine Massenschießerei – shooting – machten, rückten sie die Erinnerung der Britin in ein völlig anderes Licht: So war beim Spiegel online zu lesen, dass Moss „als Teenagerin bei einem Shooting die Gefahren der Modeszene erkannte“.

DeepL hätte die scheinbar tödlichen Gefahren mit zwei Übersetzungen gebannt, die zeigen, dass der Prozessor der digitalen Maschine tatsächlich über ein tieferes Verständnis unserer Sprachen verfügt:

Variante 1: Moss said the photo shoot did not bring back good memories – „Moss sagte, dass das Fotoshooting keine guten Erinnerungen weckte“.

Variante 2: Moss said the shoot did not bring back good memories – „Moss sagte, dass die Dreharbeiten keine guten Erinnerungen weckten“.

Bemerkenswert ist an dieser Übersetzung zugleich der lockere Umgang mit der indirekten Rede. Grammatikalisch korrekt müsste sie im deutschen Konjunktiv stehen, also „keine guten Erinnerungen geweckt hätten“ – schließlich kann man nie ins Bewusstsein einer Person blicken, um zu überprüfen, ob ihre Behauptungen zutreffen oder bloß ausgedacht sind.

Die Gegenprobe – the cross check – demonstriert, dass DeepL in solchen Fällen dasselbe macht wie die englische Sprache. Die peniblen deutschen Regeln werden kurzum ignoriert:

„Moss sagte, dass die Dreharbeiten keine guten Erinnerungen geweckt hätten“ – Moss said that the shooting did not bring back good memories.

Trotzdem ist DeepL imstande weitergehende Behauptungen zu erkennen – und fatale Fails zu vermeiden! Tippe ich etwa den hypothetischen Satz ein Moss says the photo shoot killed the whole team, übersetzt DeepL in der Pro Version (die mir für diesen Test gratis zur Verfügung steht): „Moss sagt, das Fotoshooting habe das ganze Team umgebracht.“

Das ist eine beeindruckende Leistung! Einerseits …

… andererseits wird es wirr, wenn ich die DeepL-Funktionen formal tone – formeller Ton – und informal tone – informeller Ton – wähle und danach auch noch photo shoot zu shoot verkürze, was im Englischen weiterhin ein verständlicher und regelkonformer Satz wäre: Moss says the shoot killed the whole team:

  • formal tone: „Moss sagt, dass der Schuss das ganze Team getötet hat.“
  • informal tone: „Moss sagt, der Schuss hat das ganze Team getötet.“
  • automatic mode: „Moss sagt, die Schießerei habe das ganze Team getötet.“

Diese Beispiele verdeutlichen, dass man der „künstlich intelligenten“ Übersetzungsmaschine nicht blindlings vertrauen sollte. Gleichzeitig kann man DeepL im Bereich Glossary auf die Sprünge helfen, um in Zukunft Patzer auszuschließen. Dafür definiere ich dort photo shoot und shoot ein für alle Mal als „Fotoaufnahmen“ – und nehme aktiv teil am machine learning!

Apropos „in Zukunft“: Was DeepL längst ohne mein Zutun gelernt hat, sind zwei andere, sehr gängige Zeitformen, die im Deutschen wiederum nicht so genau genommen werden. Viele Denglische Patientinnen und Patienten haben sie genauso wenig drauf wie etwa auch „Google Translate“:

Beispiel 1: „Ich rufe Dich zurück“

  • Denglisch/Google Translate: „I call you back.“
  • DeepL: I will call you back/I‘ll call you back.

Hier geht es um Aussagen über Absichten und zukünftiges Handeln. Wir drücken sie allzu gerne in der Gegenwartsform aus, während im Englischen unbedingt die Zeitform Futur verwendet werden muss: „Ich mache das“ – I‘ll make it. „Ich bin bald dort“ – I’ll be there soon. Wer hingegen „I call you“ oder „I make it“ sagt, lässt es klingen wie eine regelmäßig wiederkehrende Handlung, also eine Routine.

Beispiel 2: „Ich habe es versucht …“

  • Denglisch: „Ich have tried (it).
  • DeepL/Google Translate: I tried (it).

Hier geht es um abgeschlossene Handlungen in der Vergangenheit. Während wir dafür im Deutschen oft das sogenannte Perfekt („habe/hat gemacht … bin/ist gewesen“) verwenden, darf Perfect Tense im Englischen nur zum Einsatz kommen, wenn der Prozess andauert. DeepL hat auch hier gelernt zu unterscheiden:

  • „Ich habe bis jetzt versucht Dich zu erreichen“: I have tried to reach you until now/so far.
  • „Ich habe gestern versucht Dich zu erreichen“: I tried to reach you yesterday.

Es ist also ein Unterschied, ob man sagt: „I tested DeepL several times“ oder „I have tested DeepL several times“ – im ersten Fall ist der Test beendet, im zweiten Fall noch nicht. DeepL selbst macht daraus im Deutschen jeweils dasselbe, weil wir eben nicht unterscheiden: „Ich habe DeepL mehrere Male getestet.“

Ich komme unterdessen zu zwei Schlüssen:

  • I'll test it again.
  • I test it from time to time.

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Sie lesen richtig: Ich habe die Absicht, DeepL auch in Zukunft zu testen – nicht in jeder Folge, aber in unregelmäßigen Abständen. Schließlich haben Übersetzungsmaschinen einen zunehmenden Einfluss auf unser mehrsprachiges Leben.

Falls Sie mir über Ihre eigenen Erfahrungen berichten wollen, schreiben Sie mir einfach!

Unser Kolumnist ist unter anderem Autor des Bestsellers „Hello in the Round! Der Trouble mit unserem Englisch und wie man ihn shootet“. Das Buch ist bei C.H. Beck erschienen.

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