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Mehr Erfolg mit Englisch
Selbst, wer gut Englisch spricht, macht im Englischen oft Fehler Quelle: imago images

Verstehen Sie das (D)Englisch der Ampel-Parteien?

Wenn Politik zukunftsträchtig und international klingen soll (oder wenn sie vielleicht zu gewagt ist), schalten die Parteien gerne auf Englisch – und auf Quatschenglisch! Mit Sicherheit auch die nächste Bundesregierung.

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„Wer schreibt das Protokoll – who’s writing the protocol?“ Eine Standardfrage in Meetings, die alle verblüfft, die kein Deutsch verstehen. Denn das ominöse „protocol“ ist (wieder einmal) astreines Pseudoenglisch – Sie wissen schon, das Hauptproblem dieser Kolumne: English made in Germany.

Aufmerksam wurde ich auf den verbreiteten „protocol“-Fehler übrigens durch meinen britischen Kollegen Joe. Er arbeitet in Deutschland und bat mich irgendwann um eine Erklärung. Normalerweise dient mir Joe in (fast) allen Lebenslagen als „TelefonJoker“ – eine sprachlich und interkulturell lohnende Einrichtung, die in der Orignalsprache lifeline oder helpline genannt wird. Ich kann sie als Denglischer Patient nur empfehlen! Auf jeden Fall weiß ich jetzt, wie man verständlich nach Protokollanten fragt: Who‘s taking notes? Oder bitteschön, wenn es ein bisschen offizieller klingen soll und die Aufzeichnungen wichtig sind: Who‘s keeping/taking/writing the minutes?

Das führt mich zu den geschichtsträchtigen Protokollen, die gegenwärtig in den Verhandlungen über die nächste deutsche Regierung entstehen. Selbst wenn Scholz, Baerbock, Lindner & Co. untereinander Deutsch sprechen, spielt die englische Sprache eine gewisse und auch zunehmende Rolle. Und fürs Protokoll nehme ich vorweg: Das ist weder einfach noch eindeutig!

Wenn ich nur an die unterschiedlichen Bedeutungen denke, die Grüne und FDP für die englische Silbe eco zu Protokoll bringen dürften. Wie verwirrend sie ist, wissen wir alle, seitdem eco
eine inflationäre Währung im Marketing ist. Will man zeitgemäß auf das Lieblingsthema der Grünen schließen, die Umwelt – the ecology –, könnte eine „Eco Brotbox“, ein „Eco Staubsaugerbeutel“ oder die „Mercedes Eco Line“ auch auf das Lieblingsthema der FDP einzahlen: Wirtschaftlichkeit – the economy. Unzweideutig ist genau genommen nur die Eco Class im Luftverkehr, also die „Holzklasse“. Schließlich wird niemand behaupten, dass sie das Fliegen jemals ökologischer gemacht hätte.

Es ist keine Neuigkeit, dass der Hang unserer Politicians zum Englischen weit über das traditionell denglische (und in seiner wörtlichen Bedeutung sehr ekelhafte) „Ehegattensplitting“ hinausgeht. Allerdings werden immer mehr Wörter und Wendungen verwendet. Dabei sind Mixtouren aus Deutsch und Englisch weiterhin sehr populär wie die „Cybersicherheit“ (SPD), „Smart-City Projekte“ (Die Grünen) oder „Midlife Bafög“ oder die „enkelfitte Rente“ (FDP).

Vor allem benutzen die Parteien im Vergleich zu früher deutlich mehr reine englische Begriffe – offenbar davon ausgehend, dass sie den Menschen in Deutschland geläufig sind: „Green Deal“ (Grüne) „New Space“ (alle, auch CDU), „Road Map“ (FDP) – sowie unheimlich viel schlauen Scheiß von „Smart Farming“ über „Smart Grid“ bis „Smart Contracts“. All das dürften wir in unserer Politik zukünftig häufiger hören!

Selbst die SPD, die sich in ihrem Wahlprogramm 2021 mit Anglizismen zurückgehalten hat, fordert „Updates“, z.B. „für die Gesundheit“ (während die anderen von „health“ und gar „e-health“ sprechen, als wären wir schon in einem englischsprachigen Land). Auch wollen die Sozialdemokraten die Sicherheit digitaler Endgeräte mit Hilfe von „security by design“ und „security by default“ steigern. Sie wollen „e-sports“ fördern. Sie verlangen (wie die Grünen) „Housing first“ für Menschen ohne Obdach und mehr „Co-Working Spaces“ für Menschen ohne Büro. Menschen mit Büro sollen hingegen leichter im „Homeoffice“ arbeiten dürfen – das wohl populärste, in Deutschland fabrizierte Wort mit englischem Klang. International verständlich wäre remote work/work from home, aber das hatten wir hier ja schon. Außerdem will die Partei von Olaf Scholz eine „One-stop Agentur“ für Gründer und „Start-ups“ – auf Englisch übrigens start-up companies.

Zugleich wird die SPD an ihrer adaptability arbeiten müssen, um mithalten zu können, wenn die Grünen und die FDP mit ihrem Wording durchstarten und den englischen Ton vorgeben.

Alleine die FDP! Nach allem, was wir von Christian Lindners Partei im Wahlkampf gesehen und gehört haben („Make in Germany“), überrascht es nicht, dass die Liberalen auch programmatisch nahtlos in den Englischbetrieb schalten. Ihr Programm 2021 ist gespickt mit unserer Lieblingsfremdsprache. So ist in punkto Außen- und Sicherheitspolitik ohne weitere Erläuterung von defence, development und diplomacy, vom EU-US Privacy Shield oder von Hypersonic Glide Vehicles die Rede. Für Schulen und Universitäten fordern sie kreative Ecken, die sie „Makers Spaces“ nennen. Doping will man im Sport stärker unter Strafe stellen, „catch and release“ im Angelsport hingegen nicht.

Die Grünen sprechen dagegen, wie zu erwarten, viel von Diversity und Gender sowie dem entsprechenden Management und Budgeting. Gegen das Cybergrooming wollen sie schärfer vorgehen, wie auch gegen das „Mobbing“. Erstes ist neuenglisch für sexuelle Belästigung im Netz, zweiteres nicht mehr so neues Pseudoenglisch – auf Englisch klagt man über Bullying.

Heraus stechen im Programm der Grünen zwei andere Forderungen, die Verständnisschwierigkeiten erzeugen könnten – nicht nur unter beleidigten Bänkerinnen und Bänkern:
– „Boring Banking“. Dasselbe fordern auch die Linken, die es brav als „langweiliges Banking“ übersetzen. Gemeint die Rückbesinnung der Banken auf das nicht gerade spannende Kredit- und Anlagegeschäft.
– „New Space“. Dasselbe fordern auch FDP und CDU. Dahinter verbirgt sich die völlig neue kommerzielle und wissenschaftliche Erschließung des Weltraums.

Es fällt auf, dass alle Parteien – auch CDU/CSU und sogar die Linke – Englisch mit großer Selbstverständlichkeit benutzen, vor allem, wenn es um die Zukunft geht, die auf gut Deutsch ausgedrückt womöglich zu gewagt oder zu vage klänge. Dabei bleiben die Parteien oft genauere Erklärungen schuldig, selbst dann, wenn die Worte längst nicht immer so selbsterklärend sind – also self-explanatory – wie die Forderungen der FDP nach einer „easy tax“ (auch wenn sie in der Sache erklärungsbedürftig bleibt). Dem „protocol“ ähnliche denglische Fantasiebegriffe fabrizieren übrigens auch die Liberalen: So fordern sie neben dem – tadellos englischen – „Jobsharing“ das „Topsharing“: Wenn Führungskräfte ihre Aufgaben teilen. So weit ich das sehe, hat davon in englischsprachigen Führungsetagen noch niemand gehört!

Von größter Bedeutung sind schließlich die oft und von allen Parteien erwähnten SDG – oder wie die FDP in ihrem Programm freundlicherweise aufschlüsselt: Sustainable Development Goals. Das sind die 17 „Ziele für nachhaltige Entwicklung“, die von den Vereinten Nationen vor rund sieben Jahren mit der „Agenda 2030“ vereinbart wurden. Anhand des folgenden, offiziellen Wortlaut der 17 Ziele können Sie jetzt testen, ob Ihr Politikenglisch schon ausreicht für den internationalen Dialog. Es ist gewissermaßen das geltende und ehrgeizige Grundsatzprogramm für alle Regierungen auf Erden:

1. No Poverty: End poverty in all its forms everywhere.

2. Zero Hunger: End hunger, achieve food security and improved nutrition, and promote sustainable agriculture.

3. Good Health and well-being: Ensure healthy lives and promote well-being for all at all ages.

4. Quality Education: Ensure inclusive and equitable quality education and promote lifelong learning opportunities for all.

5. Gender Equality: Achieve gender equality and empower all women and girls.

6. Clean water and sanitation: Ensure availability and sustainable management of water and sanitation for all.

7. Affordable and Clean Energy: Ensure access to affordable, reliable, sustainable and modern energy for all.

8. Decent work and economic growth: Promote sustained, inclusive and sustainable economic growth, full and productive employment and decent work for all.

9. Industry, Innovation and Infrastructure: Build resilient infrastructure, promote inclusive and sustainable industrialization, and foster innovation

10. Reducing Inequality: Reduce inequality within and among countries.

11. Sustainable Cities and Communities: Make cities inclusive, safe, resilient and sustainable.

12. Responsible Consumption and Production: To ensure sustainable consumption and production patterns.

13. Climate Action: Take urgent action to combat climate change and its impacts.

14. Life Below Water. Conserve and sustainably use the oceans, seas and marine resources for sustainable development.

15. Life On Land: Protect, restore and promote sustainable use of terrestrial ecosystems, sustainably manage forests, combat desertification, and halt and reverse land degradation and halt biodiversity loss.

16. Peace, Justice, and Strong Institutions: Promote peaceful and inclusive societies for sustainable development, provide access to justice for all and build effective, accountable and inclusive institutions at all levels.

17. Partnerships for the Goals: Strengthen the means of implementation and revitalize the global partnership for sustainable development.

Peter Littger beschäftigt sich mit deutsch-englischen Sprachverwirrungen und ist Autor unter anderem der Bestseller-Buchreihe „The Devil lies in the Detail“. Sein neuestes Buch erscheint im November 2021: „Hello in the Round! Der Trouble mit unserem Englisch und wie man ihn shootet". Sie können Peter Littger auf Instagram und Twitter folgen.

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