Mehr Erfolg mit Englisch
Wann fällt den Kombattanten dieser Kommunikationskultur auf, wie vermint ihr Gelände ist. Quelle: imago images

Willkommen auf dem neuen Minefield der Kommunikation!

Die anhaltende Krise beeinflusst unsere Sprache, in der Wahrnehmung und in der Wortwahl. Englisch hat daran einen großen Anteil – nicht zuletzt durch den militärischen Jargon von Recruitment bis Killer Application.

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„Unfreeze your business!“, lautet der englischsprachige Slogan, mit dem die meist deutschsprachige Bahn auf die technischen Tücken von Video Calls abfährt. Sie nutzt diese Botschaft, um – surprise, surprise! – Bahnfahren zu leibhaftigen Treffen zu empfehlen. Als wären die auf Bildschirmen eingefrorenen Gesichter von Colleagues, Clients und Consultants gegenwärtig die größten Bremser für erfolgreiche Kommunikation!

Da ist zunächst die Werbung selbst. Oder besser gesagt, die Digital Ads, die wir allzu oft „Spots“ nennen, als wären es – spot-on! – Schmutzflecken, Pickel oder Schandmale. Auf Englisch spricht man zum Beispiel vom spot on someone‘s character oder vielleicht vom spot on a company‘s public image.

Was sich den zivilen Botschaften in den Weg stellt, ist eine bestimmte unzeitgemäße Form, die ich hier einmal mit dem oft belächelten „Sänk ju for trävelling“ der Bahn vergleichen möchte. Denn so sehr sie sich etwa darum bemüht, dass wir endlich aus dem Coronaknick kommen und ein Problembewusstsein für unsere Trägheit im „Homeoffice“ entwickeln, so unbeholfen wirkt das in Zeiten, in denen einem leicht das Blut gefriert angesichts der unzumutbaren und unzivilen Lebensverhältnisse und Gräuel nur wenige Bahnstunden entfernt – an Orten, wo Reisende in Bahnhöfen beschossen werden.

Alle möglichen „Werbe Spots“ wirken auf einmal unfreiwillig komisch oder deplatziert. Das galt bereits vor einem halben Jahr für die krustige Pizza oder den spritzenden Schaumwein vor den Berichten über den Vulkanausbruch auf der Insel La Palma. Und es gilt umso mehr vor den schrecklichen Bildern aus der Ukraine. Ruinen, Fahrzeugwracks oder gar Leichen lassen Bausparkassen, Autofinanzierungen oder Lebensversicherungen grotesk und zynisch erscheinen. Und wenn mir ein Kreditkartenunternehmen in der Lingua Franca des globalen Konsums erklärt, wie „unreal“ das Leben ist, möchte ich zustimmen – allerdings nicht deshalb, weil ich meine nächste Bahnfahrt bequem mit American Express bezahlen kann.

Während Krieg und Chaos dem Marketing den letzten Biss rauben und es leblos und lächerlich machen wie ein Freeze im Videochat, zeigen sie auch Auswirkungen auf die Sprache im eigenen Office Space oder im Meeting Room des Kunden. Denn beides gleicht plötzlich einem Schlachtfeld, wenn vom Battle mit der Konkurrenz, dem Recruitment neuer Mitarbeiter oder der letzten Campaign die Rede ist – was „Feldzug“ bedeutet und auf das lateinische Wort „campania“ („offenes Feld“) zurückgeht, wo früher kräftig „recruited“ und „ge-battled“ wurde.

Je mehr die Nachrichten der Gegenwart von militärischer Realität geprägt sind, desto fragwürdiger machen sie den verbreiteten militärischen Jargon im Management. Schließlich sind es keine Angelegenheiten von Leben oder Tod, wenn wir von Guerilla tactics, Bullet Points, Business Intelligence, Minefields, Rocket Science, Silver Bullet, Killer Application, Strategic planning oder Mission accomplished sprechen.



Wir leisten uns das dramatische deutsch-englische Gerede, um das Geschäft zu befeuern – und wohl auch, damit uns nicht so langweilig wird wie den traurigen Figuren im Werbefilmchen der Bahn. Die zuständige Agency beschreibt es unterdessen großspurig als „Filmepos“, als wäre es ein sagenhafter Kriegsfilm von Sergei Eisenstein oder Victor Fleming. Auch das ist typisch für eine Sprache der Übertreibung, die völlig aus der Zeit gefallen erscheint. Ich frage mich, wann den Kombattanten dieser Kommunikationskultur auffällt, wie vermint ihr Gelände ist.

Unser Kolumnist Peter Littger beschäftigt sich mit deutsch-englischen Sprachverwirrungen und ist Autor der Bestseller-Buchreihe „The Devil lies in the Detail – Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblingsfremdsprache“. Sein neuestes Buch heißt „Hello in the Round. Der Trouble mit unserem Englisch und wie man ihn shootet.“ Sie können Peter Littger auf Instagram und Twitter folgen.

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