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Mehrsprachige Kitas Was bringt eine bilinguale Früherziehung?

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr: Nach diesem Motto öffnen deutschlandweit immer mehr bilinguale Kindertagesstätten. Doch nicht überall wo bilingual drauf steht ist auch bilingual drin.

Warum Sprachen lernen so schwer ist
Sprache liegt in den menschlichen Genen. Als Baby lernt man seine Muttersprache im direkten Umfeld, vor allem durch die Eltern, deren Sprache instinktiv imitiert wird. Dass dies eine menschliche Spezialität ist, zeigt die Beobachtung: Während Babys die Sprache ihres Umfelds übernehmen, lernen Hunde oder Katzen diese nicht. Es bedarf also einer biologischen Grundlage. Die Sprache, die man als Kind zuerst lernt, hat einen Einfluss auf das Lernen weiterer Sprachen. Das Gehirn versucht bei jeder weiteren, bekannte Vokabeln und Grammatik anzuwenden. Aus diesem Grund ist es oft einfacher, eine Sprache der gleichen Sprachfamilie zu lernen. Quelle: dpa
Beim Lernen von Fremdsprachen sind Erwachsene Kindern gegenüber deutlich im Vorteil. Dies hat sowohl biologische als auch geistige Ursachen. Im Laufe des Alterungsprozesses nimmt die Formbarkeit des Gehirns nach, Nervenzellen und Synapsen werden langsamer produziert. Zudem unterscheidet sich der Prozess der Problemlösung bei Erwachsenen und Kindern: statt intuitiv an das Lernen heranzugehen, nutzen Erwachsene oft feste Strukturen. Quelle: dpa
Sprachforscher sind sich einig, dass Wiederholung ein Schlüssel zum Lernen von Fremdsprachen ist. Wörter und Phrasen sollten regelmäßig geübt werden, erst in kurzen, später in größeren Zeitabständen. Eine bewährte Methode ist die Nutzung von Vokabelkarten. Diese können sich in einzelne Zeitabstände eingeordnet werden. Hat man auch nach Wochen die Vokabel noch im Gedächtnis, kann die Karte ein Fach weiter eingeordnet werden. Quelle: dpa
Schlaf trägt dazu bei, die Erfahrungen des Tages in eine für das Gehirn brauchbare Struktur zu bringen, wie eine Studie der Universität Berkeley ergeben hat. Selbst Nickerchen unterstützen das Gehirn dabei, Gelerntes ins das Langzeitgedächtnis zu bringen. Ist es dort einmal angekommen, lässt sich die Erinnerung durch wiederholtes Lernen verstärken. Quelle: obs
In Sprachkursen orientiert sich der Lernplan üblicherweise an der Sprache selbst. Eine Studie der Universität Cambridge hat eine Gruppe von Schülern untersucht, die Französisch lernen. Das Ergebnis: Die Studenten waren deutlich motivierter, wenn sie statt der Sprache selbst ein beliebiges anderes Fachgebiet in Französisch behandelten. Wer die Grundlagen einmal verinnerlicht hat, kann sich mit Literatur aus dem eigenen Interessensgebiet beschäftigen oder Podcasts hören, um schneller zu lernen. Quelle: dpa
Um den gewünschten Lernerfolg zu erzielen ist es hilfreich, große Aufgaben in kleinere Etappen aufzuteilen. Das menschliche Gehirn hat eine begrenzte Aufnahmekapazität, in der Nacht wird Gelerntes verarbeitet. Mit täglichen kleinen Lerneinheiten erhöht sich die Erfolgsquote. Quelle: dpa
Das menschliche Gehirn lechzt förmlich nach neuen Informationen – zu viele neue Wörter und Phrasen können es aber überfordern. Laut dem University College London macht es die Mischung. Wer neue Vokabeln lernen möchte, sollte diese zusammen mit bereits bekannten Vokabeln mischen. Dies lässt sie herausstechen und hilft dem Gehirn dabei, die neuen Informationen zu speichern. Quelle: dpa

Schon lange wird in Kindertagesstätten nicht mehr nur gemalt, gebastelt und gespielt: Frühkindliche Förderung ist das allgegenwärtige Stichwort. Da gibt es Physik zum Anfassen, Mathe für die Kleinsten und immer mehr Fremdsprachen. Gelernt wird spielerisch statt mit Vokabelheft. Bei Eltern aus der bildungsnahen Schicht trifft das Angebot an mehrsprachigen Kitas auf ein großes Interesse. Dementsprechend wächst es: In Deutschland gibt es nach einer Erhebung des Vereins für frühe Mehrsprachigkeit an Kindertageseinrichtungen und Schulen (FMKS) 1035 bilinguale Kitas. Vor zehn Jahren gab es nur 340 mehrsprachige Einrichtungen. Eine Entwicklung, die Experten wie Pauline Schröter vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung eher kritisch sehen.

Bilingual ist nicht gleich bilingual

Allerdings müsse man zwischen den verschiedenen Arten der Bilingualität unterscheiden. "Viele bilinguale Kitas nennen sich schon so, wenn nur eine zweite Sprache eingebracht wird", weiß Schröter. Dazu gehört unter anderem, dass die Kinder lernen, dass sie bei dem Wort "jump" hochspringen oder bei "clap your hands" in die Hände klatschen sollen. Bilingual kann auch bedeuten, dass statt des Kinderlieds "Bruder Jakob" die französische Variante "Frère Jacques" gesungen wird.

In den meisten deutschen Kitas sei diese Bilingualität verbreitet. In diesen Fällen müsse man sich natürlich fragen, ob man von Lernen sprechen könnte oder ob es mehr ein Einprägen von Begriffen sei, wie Schröter sagt. "Mehr als cat, dog, apple, banana können die Kinder oft nicht".

Trotzdem ist das Sprachangebot, das deutschlandweit schon den Kleinsten vermittelt wird, größer als in vielen Gymnasien: Eltern können zwischen mehr als 20 Sprachen wählen. Englisch und Französisch sind dabei am häufigsten, Türkisch und Russisch haben in den letzten Jahren allerdings deutlich an Bedeutung gewonnen.

Diese Sprachen werden am häufigsten in bilingualen Kitas angeboten

In den meisten bilingualen Kitas lernen die Kleinen nur eine Fremdsprache, 20 Kitas bieten gleich zwei oder drei Fremdsprachen an. Statt der orangen, roten oder blauen Gruppe gibt es in diesen Einrichtungen die Englisch-, Französisch- oder Russisch-Gruppe.

Außerdem gibt es in Deutschland 16 Kitas mit besonderen Sprachkombinationen: In zehn Kitas wird Englisch und Französisch gesprochen, in einer Englisch und Russisch, dann Englisch und Spanisch, Englisch und Hebräisch, Englisch und Rumänisch, Türkisch und Italienisch sowie Türkisch und Persisch. In drei Kitas werden drei Fremdsprachen angeboten, also eine Kombination aus Englisch, Französisch und Spanisch und in einer Einrichtung eine Kombination aus Englisch, Türkisch und Griechisch.

Die Kombination aus Deutsch und einer oder mehreren Fremdsprachen als Umgangssprache im Alltag nennt man "Immersion", vom Englischen Wort "to immerse", also eintauchen. Immersion gilt derzeit als die erfolgreichste Sprachvermittlungsmethode. Die Kinder sollen in die neue Sprache eintauchen, weil sie Alltagssprache ist. Um die andere Sprache nicht zu verlieren, gilt das ein-Personen-Prinzip: ein Erzieher spricht beispielsweise nur Englisch, der andere dagegen nur Deutsch. Die Pädagogen sind in der Regel Muttersprachler.

Wer möchte, dass das eigene Kind im späteren Leben mindestens drei Sprachen fließend spricht, tut gut daran, sein Kind in eine solche Tagesstätte zu schicken, schreibt die Forscherin Kristin Kersten von der Uni Hildesheim. Die Kinder verstehen den oder die Erzieher trotz der Fremdsprache sehr schnell - auch wenn sie selbst nur wenige Worte sprechen können.


Risiken bilingualer Erziehung

Ist das Ziel die sogenannte funktionale Bilingualität - also dass das Kind nicht nur versteht, sondern problemlos in der fremden Sprache kommunizieren kann - müsse man eine ganz andere Herangehensweise wählen, so Schröter. Ab und an ein Lied in der anderen Sprache zu singen, bringt in diesem Fall nichts. Zwar sei auch hier das Lernen der Sprache ganz oft mit physischen Komponenten wie dem Hochhalten von Karten, mit Aktionen oder mit dem Körper verbunden. "Wichtig ist die authentische Kommunikation", betont sie. "Das Sprechen der anderen Sprache ist an gewisse Zeiteinheiten geknüpft", die Kinder sprechen beispielweise vormittags Englisch und Nachmittags deutsch. Alternativ laufen basteln und Sport auf Französisch ab, oder ein Erzieher spricht die eine Sprache, der andere eine andere."

Aber: "Wenn man sich bei der bilingualen Erziehung nicht an feste Prinzipien hält, kann das ganz böse nach hinten losgehen." Behandele man die Sprachen, in denen das Kind aufgezogen wird, nicht gleichwertig, könne eine davon leicht ins Hintertreffen geraten. "Die schlimmste Konsequenz fehlgeleiteter bilingualer Spracherziehung ist die doppelte Halbsprachigkeit", so Schröter. Die Kinder können dann zwar mehrere Sprachen - aber keine davon richtig.

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Beim spielerischen Lernen, das nicht auf das Beherrschen einer Sprache abzielt, haben die Kinder jedoch auch einen Lerneffekt - wenn sie auch nur Vokabeln können, statt frei Sätze zu formulieren. Wie viel ein Kind in einer bilingualen Kita lernt, ist höchst unterschiedlich. Eine rund zehn Jahre alte Studie mit dem Titel "Englisch durch bilinguale Kitas und Immersionsunterricht in der Grundschule" hat gezeigt, dass einige der Kinder im Kindergarten eine Anzahl von Wörtern gelernt haben, die genauso groß ist wie bei Fremdsprachenlernern, die in England selbst Englisch lernen. Und das obwohl letztere auch außerhalb des Kindergartens Englisch hören.

Fruchten kann das Lernen einer Sprache aber nur dann, wenn sie auch in der Grundschule weiter gesprochen wird. Wer seinem Kind im Kindergarten Chinesisch beibringen lässt, sollte also nicht erwarten, dass es die Sprache ohne weiteres Lernen auch nach dem Abitur noch beherrscht. Dementsprechend fordert auch der FMKS, die bilingualen Kita-Angebote in Grundschulen nahtlos weiterzuführen und den Anteil bilingualer Schulen zu steigern. Das sich das lohnen kann, bestätigt auch Schröter: "Wenn man mehrsprachige Erziehung richtig gestaltet, können die Kinder später tatsächlich einen Vorteil haben."

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