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Musik Jazz darf Horror sein und Kitsch

Retter des Jazz. Zukunft des Jazz. Der Pianist Michael Wollny trägt die Last der Erwartung gelassen – und begeistert mit jeder weiteren CD.

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Freigeist. Jazzpianist Michael Wollny (links), hier mit Akkordeonspieler Vincent Peirani (rechts), spielt in vielen musikalischen Welten. Quelle: dpa

Am 4. April 2014 steht Michael Wollny zwischen Udo Jürgens und den Broilers auf Platz 46 der deutschen Albumcharts. Rang eins geht an Helene Fischer, davon ist Wollny noch ein Stück weit entfernt. Weltentraum heißt sein Album, das Cover zeigt den verwuschelten Haarschopf des Pianisten, ganz klar: Hier lust- und schlafwandelt ein Freigeist durch die Musikgeschichte, hier zitiert, variiert und verändert ein Neugieriger Klassiker der alten Musik, des Pop und der Neutönerei, von Machaut über Berg und Hindemith bis hin zu Pink und den Flaming Lips. Es gibt nichts, was in Michael Wollnys Händen nicht zum Jazzstandard gerät. Aber wie zum Teufel gerät ihm dieser kühne Mix aus Atonalität und endlosen Melodien, aus fragilen Tonsplittern und packendem Jazzrock zum Verkaufsschlager?

Nur ganz wenigen Jazzern gelingt ein Charterfolg, ohne ihre musikalische Identität preiszugeben. Was Michael Wollny etwa vom Trompeter Till Brönner unterscheidet: Er erhält nicht nur breite Aufmerksamkeit. Sondern auch die breite Anerkennung einer elitären Fangemeinde in Clubs und Redaktionen. Für sie ist Michael Wollny „die Zukunft“ („Titel, Thesen, Temperamente“) und der „Popstar des Jazz“ – der „Star“ („TZ“ München) der „mit jedem Beat von Bass und Schlagzeug dafür plädiert, die Unterscheidung von U- und E-Musik endlich einzuebnen“ („FAZ“). Wollny hat mit „Weltentraum“ den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhalten und den Echo abgeräumt, sich an Keith Jarrett, Chick Corea und Jason Moran vorbei das „Jazz-Album des Jahres“ („Jazzwise“) gesichert und ist natürlich auch zum „Europäischen Jazzmusiker des Jahres“ (Académie du Jazz) gekürt worden.

Entdeckerfreude und Fantasielust

Ganz schön viel Lob und Verpflichtung zugleich. Eine Last? „Es wäre gelogen zu sagen, das wäre total egal und man wäre davon entkoppelt“, sagt Wollny, „aber es wäre dumm, es so weit an sich heranzulassen, dass es bestimmend wird.“ An diesem Freitag tritt Wollny mit der Veröffentlichung seines neuesten Werks mal wieder den Beweis an für seine künstlerische Souveränität und Unabhängigkeit: „Tandem“ heißt die CD, in der er ein Zwiegespräch mit dem Akkordeonisten Vincent Peirani führt. Man fragt sich wirklich, wie Wollny das hinbekommt: Solo, Duo, Trio – und jedes Mal ein neues Hörabenteuer. Woher er seine Entdeckerfreude nimmt und seine Fantasielust. Und woher er seine nie versiegende Energie bezieht, am Piano oder wie heute im Gespräch, sechs Interviewtermine mit Journalisten am Stück, unterbrochen nur von der Pflicht, sein Kind in den Mittagsschlaf zu wiegen. „Mich rettet der Moment, an dem das rote Licht im Studio angeht“, sagt Wollny, „In diesen Moment muss man sich hineinfallen lassen und nur noch auf das reagieren, was da kommt.“

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Musik also, die aus dem Nichts entsteht? Aus einer unsichtbaren Quelle im Innern? Nicht ganz. Vor Wollnys Erfolgen stehen pianistischer Fleiß und umfangreiche Vorarbeiten: Wollny ist ein Jäger und Sammler, er bettet seine Kompositionen (zeit-)historisch ein, spiegelt sie im Licht der Gegenwart, verleiht ihnen einen inhaltlichen Überbau. Man hat fast den Eindruck, als arbeite er die Erwartungen an ihn systematisch ab. Das nächste Projekt ist immer schon in Sicht; was es auch ist, bleibt vorerst sein Geheimnis. Wollny schreibt Notizen in ein Projektbuch, reißt Zeitungsartikel aus, alles, auch Nebensächliches, was ihn auf andere Gedanken bringt. Zum Beispiel ein schlechtes Ergebnis der Lieblingsmannschaft? „Das ist zwar noch nicht vorgekommen, aber ja – auch das, wenn es mir wichtig erscheint. Der Filter bin ich. Keine Einschränkungen“, sagt Wollny, der inzwischen auch als Professor für Jazzpiano in Leipzig unterrichtet.

Rückwärts statt vorwärts

Eindrücke im Überfluss, aufgesogen wie ein Schwamm, kreativ gewendet – das ist es wohl, was die Werke des 38-Jährigen so unwiderstehlich macht. Auf „Tandem“ zum Beispiel das „Adagio für Streicher“ des amerikanischen Komponisten Samuel Barber, eine herrliche Schnulze der Klassischen Moderne. „Es hat lange gedauert, bis wir einen Weg gefunden haben, das Stück für uns zu nutzen, ihm etwas Eigenes hinzuzufügen“, sagt Wollny. Die Lösung? Ein alter Kniff der Kompositionskunst, auf den schon Johann Sebastian Bach in seinen Variationen zurückgriff: Wollny und Peirani spielen das Thema rückwärts. Dem Stück ablauschen könne das kaum jemand, räumt Wollny ein: „Das ist aber auch nicht nötig. Intuitiv ergibt es hoffentlich einen Sinn.“

Innovation ist Pflicht für Michael Wollny und Kommunikation die Kür seines Musizierens, ob im Piano-Duo mit Joachim Kühn oder an der Seite der Saxofonlegende Heinz Sauer, 84. Selbst am Trio, Wollnys Kernkonstellation, gefällt ihm vor allem „die Tendenz, in Sub-Duos zu zerfallen“, in Zweierbeziehungen, die für Wollny der Kern alles Menschlichen sind. Diesmal also „Tandem“, ein musikalischer Austausch zwischen Wollny und Vincent Peirani, etwa über das Stück „Hunter“ von Björk oder Sufjan Stevens’ „Fourth of July“.

Ein Konzert mit Wollny, man ahnt es, kann eine Blackbox sein – auch für ihn selbst: „Es gab Abende, da haben wir auf der Bühne ganz andere Stücke gespielt als die, die wir vorher geprobt haben.“ Dem Publikum bleibt das verborgen. Es nimmt jedoch die Spannung wahr, die Reibung, den Götterfunken des improvisierten Gelingens, den die Musiker zuweilen erleben, etwa bei Liveauftritten in der Berliner Philharmonie. „Jazz kann einem wie ein Horrorfilm den Boden unter den Füßen wegziehen“, sagt Wollny, ein bekennender Fan von Gruselschockern.

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Dabei gehe es nicht darum, den Zuhörer mit möglichst schrillen und schrägen Tönen zu überraschen, sondern um laufende Irritation. „Als Rebell um jeden Preis habe ich mich jedenfalls nie verstanden“, sagt Wollny. Dissonanzen seien schließlich auch nicht mehr das, was sie mal waren (eine politische Aussage) – und Spannung mit wenig Reibung zu erzeugen sei eine echte Herausforderung. Wollny muss 15 Jahre nach der Debüt-CD mit seinem ersten Trio „em“ niemandem mehr Avantgarde beweisen. „Ich habe keine Angst vor Kitsch. Und Dur-Akkorde sind mir wichtig“, sagt Wollny: „Es braucht eine Säule in den Stücken.“

Das Spiel mit der Form

Gefällig, geschmackvoll, eingängig gar, das steht bei vielen Kritikern unter Verdacht. Eine Einschätzung, die Wollny lange teilte: „Manchmal vermeidet man Schlichtes und Schönes, weil dies nicht ernst genommen wird, weil man Komplexität um jeden Preis erreichen möchte.“ Ein Irrtum, findet Wollny heute. Mozarts 40. Symphonie zum Beispiel mit ihren „unfassbaren Melodieverläufen, wie sie von Schönberg oder Webern stammen könnten“: In dem Formenkanon, in dem Mozart sich damals bewegen musste, etwas so Formsprengendes zu schreiben – „das ist die größte Meisterschaft“.

2015 veröffentlichte Wollny die „Goldberg-Tangenten“, Musik, die sich auf die berühmten Variationen von Bach beruft. Wenn er so schwärmt, möchte man fast glauben, dass er die Grenzen zwischen unterhaltender und ernster Musik tatsächlich aufheben kann. Auch wenn das gewiss nicht sein Plan ist. Gleichzeitigkeit ist für Wollny ein Zeichen der Zeit. Eine Selbstverständlichkeit. Um das zu wissen, muss er bloß sein Notizbuch aufschlagen. Oder sich mit Kollegen unterhalten: „Ich kenne niemanden, der nicht Avantgarde, Klassik, Pop und Jazz hört und auf alles Bezug nimmt.“ Das mag sein. Wahr ist aber auch, dass es kaum jemanden gibt im Jazz, der auf so geniale Weise Bezug auf alles nehmen kann wie Michael Wollny.

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