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Musik Jazz darf Horror sein und Kitsch

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Rückwärts statt vorwärts

Eindrücke im Überfluss, aufgesogen wie ein Schwamm, kreativ gewendet – das ist es wohl, was die Werke des 38-Jährigen so unwiderstehlich macht. Auf „Tandem“ zum Beispiel das „Adagio für Streicher“ des amerikanischen Komponisten Samuel Barber, eine herrliche Schnulze der Klassischen Moderne. „Es hat lange gedauert, bis wir einen Weg gefunden haben, das Stück für uns zu nutzen, ihm etwas Eigenes hinzuzufügen“, sagt Wollny. Die Lösung? Ein alter Kniff der Kompositionskunst, auf den schon Johann Sebastian Bach in seinen Variationen zurückgriff: Wollny und Peirani spielen das Thema rückwärts. Dem Stück ablauschen könne das kaum jemand, räumt Wollny ein: „Das ist aber auch nicht nötig. Intuitiv ergibt es hoffentlich einen Sinn.“

Innovation ist Pflicht für Michael Wollny und Kommunikation die Kür seines Musizierens, ob im Piano-Duo mit Joachim Kühn oder an der Seite der Saxofonlegende Heinz Sauer, 84. Selbst am Trio, Wollnys Kernkonstellation, gefällt ihm vor allem „die Tendenz, in Sub-Duos zu zerfallen“, in Zweierbeziehungen, die für Wollny der Kern alles Menschlichen sind. Diesmal also „Tandem“, ein musikalischer Austausch zwischen Wollny und Vincent Peirani, etwa über das Stück „Hunter“ von Björk oder Sufjan Stevens’ „Fourth of July“.

Ein Konzert mit Wollny, man ahnt es, kann eine Blackbox sein – auch für ihn selbst: „Es gab Abende, da haben wir auf der Bühne ganz andere Stücke gespielt als die, die wir vorher geprobt haben.“ Dem Publikum bleibt das verborgen. Es nimmt jedoch die Spannung wahr, die Reibung, den Götterfunken des improvisierten Gelingens, den die Musiker zuweilen erleben, etwa bei Liveauftritten in der Berliner Philharmonie. „Jazz kann einem wie ein Horrorfilm den Boden unter den Füßen wegziehen“, sagt Wollny, ein bekennender Fan von Gruselschockern.

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Dabei gehe es nicht darum, den Zuhörer mit möglichst schrillen und schrägen Tönen zu überraschen, sondern um laufende Irritation. „Als Rebell um jeden Preis habe ich mich jedenfalls nie verstanden“, sagt Wollny. Dissonanzen seien schließlich auch nicht mehr das, was sie mal waren (eine politische Aussage) – und Spannung mit wenig Reibung zu erzeugen sei eine echte Herausforderung. Wollny muss 15 Jahre nach der Debüt-CD mit seinem ersten Trio „em“ niemandem mehr Avantgarde beweisen. „Ich habe keine Angst vor Kitsch. Und Dur-Akkorde sind mir wichtig“, sagt Wollny: „Es braucht eine Säule in den Stücken.“

Das Spiel mit der Form

Gefällig, geschmackvoll, eingängig gar, das steht bei vielen Kritikern unter Verdacht. Eine Einschätzung, die Wollny lange teilte: „Manchmal vermeidet man Schlichtes und Schönes, weil dies nicht ernst genommen wird, weil man Komplexität um jeden Preis erreichen möchte.“ Ein Irrtum, findet Wollny heute. Mozarts 40. Symphonie zum Beispiel mit ihren „unfassbaren Melodieverläufen, wie sie von Schönberg oder Webern stammen könnten“: In dem Formenkanon, in dem Mozart sich damals bewegen musste, etwas so Formsprengendes zu schreiben – „das ist die größte Meisterschaft“.

2015 veröffentlichte Wollny die „Goldberg-Tangenten“, Musik, die sich auf die berühmten Variationen von Bach beruft. Wenn er so schwärmt, möchte man fast glauben, dass er die Grenzen zwischen unterhaltender und ernster Musik tatsächlich aufheben kann. Auch wenn das gewiss nicht sein Plan ist. Gleichzeitigkeit ist für Wollny ein Zeichen der Zeit. Eine Selbstverständlichkeit. Um das zu wissen, muss er bloß sein Notizbuch aufschlagen. Oder sich mit Kollegen unterhalten: „Ich kenne niemanden, der nicht Avantgarde, Klassik, Pop und Jazz hört und auf alles Bezug nimmt.“ Das mag sein. Wahr ist aber auch, dass es kaum jemanden gibt im Jazz, der auf so geniale Weise Bezug auf alles nehmen kann wie Michael Wollny.

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