Nachfolge in Unternehmen Warum in Japan erwachsene Männer adoptiert werden

Albert Darboven steht in einer Produktionshalle des Unternehmens und begutachtet ein Päckchen abgepackten Kaffees. Quelle: dpa

Albert Darboven erwägt eine Erwachsenen-Adoption für seine Nachfolge. Dagegen wehrt sich der Rest der Familie. In Japan ist dieser Weg längst üblich: Die Nachfolge wird durch zehntausende Adoptionen geregelt.

Was sind die Deutschen stolz auf ihre traditionsreichen Familienunternehmen. Die Investmentholding Haniel etwa hat ihren Ursprung im Jahre 1756, damals eröffnete Jan Willem Noot ein Packhaus für Kolonialwaren. Auch der Gipshersteller Knauf aus dem bayrischen Iphofen weist gerne auf seine Historie hin. Immerhin leitet bereits die dritte Generation die Geschäfte. Darüber könnte ein Japaner nur milde lächeln. Denn auf der asiatischen Insel gelten andere Maßstäbe.

Das Hotel Hoshi Ryokan zum Beispiel ist seit 46 Generationen in Familienhand. Eröffnet wurde es im Jahre 718 und ist damit der älteste Familienbetrieb der Welt. Einer landesweiten Umfrage des Marktforschungsunternehmens Tokyo Shoko Research zufolge gab es in Japan 2009 mehr als 21.000 Unternehmen, die älter als 100 Jahre waren.

Wie das amerikanische Wirtschaftsblog „Priceonomics“ kürzlich berichtete, sollen sogar 53 Prozent der vor 1700 gegründeten Firmen weltweit in Japan beheimatet sein. Deutschland folgt mit immerhin 19 Prozent auf dem zweiten Rang.

Japaner dominieren die Liste

Auch unter den zehn ältesten Unternehmen der Welt findet sich mit dem Weingut Staffelter Hof an der Mosel ein deutscher Betrieb – gegründet 862, also in etwa zur selben Zeit, als die Wikinger Raubzüge in Europa veranstalteten. Die Japaner aber dominieren die Liste. Doch woher kommt diese Konstanz, die Villeroy & Boch mit einer mehr als 250-jährigen Geschichte wie einen Neuling am Markt aussehen lässt?

Eine überraschende Erklärung ist die japanische Adoptionspraxis. Während 2013 in Deutschland etwa 3800 Kinder in neue Familien kamen, gibt es auf der asiatischen Insel jährlich bis zu 90.000 Adoptionen. Das Besondere: In 98 Prozent der Fälle ist der Adoptierte ein Mann im Alter zwischen 25 und 30.

Nichtsnutzige Blutsverwandte werden ersetzt

Im Regelfall geht es bei japanischen Adoptionen nicht darum, sich einen lang gehegten Kinderwunsch zu erfüllen, sondern den Familienbetrieb in die nächste Generation zu überführen. Denn die niedrige Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau führt dazu, dass kein oder zumindest kein geeigneter Erbe parat steht. Auch hierzulande haben Patriarchen regelmäßig damit zu kämpfen, dass der Junior lieber das Leben genießt, als sich in Jahresabschlüsse und Lieferverträge einzulesen.

Während die Deutschen vergeblich versuchen, ihren Sprösslingen das Geschäft schmackhaft zu machen, lösen die Japaner das Problem pragmatisch: Sie suchen einen geeigneten Manager und adoptieren ihn. Osamu Suzuki etwa, Chef des gleichnamigen Automobilkonzerns, ist der vierte adoptierte Sohn in Folge auf dem Chefsessel. Auch bei Toyota, dem Kamerahersteller Canon und Sojasoßenproduzent Kikkoman ist diese Praxis verbreitet – und anscheinend erfolgreich.

Ökonomen der kanadischen Alberta-Universität und der Hitotsubashi-Universität aus Tokio haben festgestellt, dass Firmen mit adoptiertem Chef gegenüber Konkurrenten mit leiblichem Erben höher bewertet und profitabler sind.
Nach Ansicht der Wissenschaftler hat das mehrere Gründe: Erstens suchen die Patriarchen für ihre Nachfolge qualifizierte Talente aus, die die nichtsnutzigen Blutsverwandten ersetzen. Zweitens legt eine solche Praxis angestellten Managern nahe, sich besonders anzustrengen, um vielleicht eines Tages zum adoptierten Familienoberhaupt aufzusteigen. Im Umkehrschluss bemühen sich die leiblichen Kinder mehr, da sie sich ständig der Bedrohung ausgesetzt fühlen, einen adoptierten Chef zu bekommen.

Bedingung für die japanische Art der Nachfolgeregelung: Der Adoptierte muss mindestens einen Tag jünger sein als sein Vater. Außerdem geht der Adoption meist eine Hochzeit voraus, sofern der Patriarch eine Tochter hat. Dadurch wird der Neuling noch enger ans Unternehmen gebunden.

In Deutschland ist diese Praxis bislang undenkbar. Jüngst sorgt Patriarch Albert Darboven für medialen Wirbel: Ein Versuch, den einzigen Sohn Arthur Ernesto Darboven zum Nachfolger aufzubauen, ist vor zehn Jahren gescheitert. Nun lotet er die Adoption des Unternehmers Andreas Jacobs aus. Albert Darbovens Sohn sowie die beiden Söhne und die Witwe des ehemaligen Mitgesellschafters Herbert Darboven hatten die Pläne am Wochenende in einem offenen Brief öffentlich gemacht. Sie warnten Darboven vor diesem Schritt und boten an, selbst das Familienunternehmen in fünfter Generation fortzuführen.

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