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Netzwerke Alles ist Netz

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Schon im Jahr 1836 nahm der englische Philosoph John Stuart Mill den Homo oeconomicus vorweg, als er meinte, der Mensch tue unweigerlich das, „wodurch er die größtmögliche Zahl der Notwendigkeiten, Annehmlichkeiten und Luxusgüter mit dem geringstmöglichen Aufwand und der geringstmöglichen körperlichen Anstrengung erhält“. Mit anderen Worten, der Mensch ist faul und gierig und handelt rational, egoistisch und autonom. In diesem Menschenbild ist für selbstloses Verhalten kein Platz. Außerdem lässt es die Frage vollkommen außer Acht, woher unsere Bedürfnisse überhaupt stammen.

Dem wollen wir ein neues Menschenbild gegenüberstellen: den Homo dictyous, den „Netzwerkmenschen“, vom lateinischen Wort homo für Mensch und dem griechischen Wort diktyon für Netzwerk. Dieses neue Menschenbild erklärt, woher Selbstlosigkeit und Bestrafung sowie unsere Wünsche und Abneigungen stammen. Das Bild des Homo dictyous lässt Raum für ein Verhalten, das nicht von bloßem Eigeninteresse bestimmt ist. Die Berücksichtigung unserer Vernetztheit ermöglicht uns auch, eine entscheidende Quelle unserer eigenen Bedürfnisse einzubeziehen, nämlich die Bedürfnisse der Menschen in unserer Umgebung. Dies betrifft so unterschiedliche Bereiche wie unser Gesundheitsverhalten, unseren Musikgeschmack oder unser Wahlverhalten. Wir wollen, was die Menschen in unserem Netzwerk wollen.

Flut von Bedürfnissen

So kommt es, dass soziale Netzwerke eine endlose Flut von Bedürfnissen transportieren, eigenwillige Geschmäcker verbreiten und Moden hervorbringen. Einige unserer Grundbedürfnisse (etwa der Sexualtrieb), sind weniger auf die spezifischen Bedürfnisse der Menschen in unserer Umgebung zurückzuführen. Doch daneben haben wir eine Reihe willkürlicher Bedürfnisse, zum Beispiel nach bestimmter Bekleidung oder Musik, die in erheblichem Maße von anderen beeinflusst werden. Vieles erscheint uns nur deshalb begehrenswert, weil andere es wollen. Wo auch immer Bedürfnisse, Überzeugungen oder Geschmäcker herkommen (politische Überzeugungen und Religiosität könnten durchaus auch genetische Ursachen haben) – wenn sie erst einmal entstanden sind, können sie im Netzwerk weitergegeben und verstärkt werden.

Wer hat den Homo oeconomicus auf dem Gewissen?

Anfang der Siebzigerjahre begannen Wirtschaftswissenschaftler, die Grundannahmen ihres Fachs zu hinterfragen und sich mit Kooperation und der Entstehung von Bedürfnissen zu beschäftigen. Ihre Erkenntnisse schlugen in der Fachwelt große Wellen. Im Jahr 1982 entwickelten Wirtschaftswissenschaftler ein einfaches, aber kluges Experiment mit Namen „Ultimatumsspiel“, in dem zwei Versuchspersonen darüber verhandeln, wie sie zehn Dollar unter sich aufteilen, die sie von einem Versuchsleiter erhalten. Dabei soll der erste Spieler dem zweiten einen Anteil an den zehn Dollar anbieten. Theoretisch könnte er dem zweiten Spieler alles geben, er könnte alles für sich behalten, den Betrag gerecht teilen oder ihm jeden beliebigen anderen Anteil anbieten. Der zweite Spieler muss entscheiden, ob er das Angebot annimmt. Nimmt er an, dürfen beide das Geld in der vereinbarten Weise teilen. Lehnt er ab, bekommt keiner der beiden etwas.

Traditionell gehen Wirtschaftswissenschaftler davon aus, dass die Teilnehmer wie der vom Eigeninteresse gesteuerte Homo oeconomicus handeln. Nach dieser Logik würde für Spieler 2 jeder noch so geringe Betrag schon einen Gewinn darstellen. Wirtschaftswissenschaftler nahmen also an, dass der erste Spieler dem zweiten einen Cent anbieten und 9,99 Dollar für sich behalten und der zweite Spieler dieses Angebot annehmen würde.

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