WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Netzwerke Alles ist Netz

Seite 3/4

Das Experiment nahm jedoch einen völlig anderen Verlauf. In ersten Versuchen mit amerikanischen Studenten beobachteten die Wissenschaftler, dass die Teilnehmer niedrige Angebote zurückwiesen. In der Hälfte aller Fälle wurde ein Angebot von zwei Dollar abgelehnt, niedrigere Angebote wurden noch häufiger verschmäht. Doch die Teilnehmer in der Rolle von Spieler 1 schienen zu wissen, dass genau dies passieren würde, und machten daher nur selten unfaire Angebote.

Das häufigste Angebot war eine gerechte Teilung, im Durchschnitt behielt Spieler 1 einen geringfügig größeren Betrag, doch nicht sehr viel mehr, da bei einer Ablehnung des Angebots beide Spieler leer ausgingen. Da Spieler 1 ohne vorherige Verhandlungen zu wissen schien, welches Angebot Spieler 2 annehmen oder ablehnen würde, verhielt er sich genau wie ein Mensch, der aus reinem Eigeninteresse die Entscheidung trifft, die ihm den größten Gewinn bringt. Doch das Verhalten von Spieler 2 schien vollkommen unerklärlich. Warum sollte er ein Geschenk von ein oder zwei Dollar ablehnen, zumal dies von einem Unbekannten kam, dem er vermutlich nie wieder begegnen würde?

Eigennützige Wissenschaftler

Um die Rolle von Spieler 2 besser zu verstehen, wandelten Wissenschaftler das Ultimatumsspiel ein wenig ab. Im sogenannten Diktatorenspiel bekommt der erste Spieler zehn Dollar und kann vollkommen frei darüber verfügen. Diesmal kann Spieler 2 nicht mitbestimmen, sondern muss das Angebot von Spieler 1 annehmen. Da Spieler 2 nun keinerlei Einfluss hat, gingen Wirtschaftswissenschaftler davon aus, dass Spieler 1 automatisch alles für sich behält. Das taten zwar tatsächlich einige, doch das war keineswegs die Mehrheit. Im Durchschnitt gab der erste Spieler dem zweiten zwei Dollar. Dieses Ergebnis wäre kaum zu erklären, wenn unser Verhalten ausschließlich durch unser Eigeninteresse motiviert wäre. Die Teilnehmer nahmen buchstäblich Geld aus ihrer eigenen Tasche, um es wildfremden Menschen zu schenken.

Grundsätzlich unterschiedlich

Das Experiment zeigte auch, dass Menschen sich grundsätzlich unterschiedlich verhielten. In einer Untersuchung konnten wir nachweisen, dass Versuchspersonen, die im Diktatorenspiel einen größeren Betrag abtreten, mit größerer Wahrscheinlichkeit an einer Wahl teilnehmen, für wohltätige Zwecke spenden oder sich für ein Amt aufstellen lassen. In Psychotests zur Messung ihrer „Humanität“ erzielen diese Personen mehr Punkte.

Die eben vorgestellten wirtschaftswissenschaftlichen Experimente wurden fast ausschließlich an Universitäten in den Vereinigten Staaten durchgeführt. Da derartige Versuche meist hungrige Studenten anlocken, meinten Spötter, amerikanische Studienanfänger seien die am besten erforschte Spezies der Welt. Doch als Wissenschaftler das Ultimatums- und das Diktatorenspiel mit ihren Studierenden wiederholten, kamen sie mehr oder minder zu denselben Ergebnissen. Die einzige Ausnahme waren Studierende der Wirtschaftswissenschaften: Sie hatten sich offenbar die Theorie angeeignet, dass Eigennutz rational sei, und verhielten sich egoistischer.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%