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Netzwerke Alles ist Netz

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Der Anthropologe Joseph Henrich ging der Frage nach, inwieweit sich diese Ergebnisse auch auf Gruppen in nichtindustrialisierten Ländern übertragen ließen. Dazu führte er dieselben Experimente mit Ureinwohnern vom Volk der Machiguenga im peruanischen Amazonasgebiet durch. Merkwürdigerweise verhielt sich diese Gruppe sehr viel „rationaler“ als die Versuchsteilnehmer aus der sogenannten entwickelten Welt. Ihr Verhalten entsprach den Erwartungen der traditionellen Wirtschaftswissenschaftler sehr viel eher.

Der Ausreißer der Machiguenga weckte das Interesse zahlreicher Wissenschaftler, die sich 1997 in Los Angeles trafen. Dort vereinbarten sie, das Ultimatums- und das Diktatorenspiel in einer Reihe von kleinen Stammesgesellschaften durchzuführen. Als Kontrollgruppen dienten Bewohner von exotischen Orten wie Ann Arbor im US-Bundesstaat Michigan und Brentwood in Kalifornien. Dabei stellte sich heraus, dass die Machiguenga mit ihrem Verhalten keineswegs allein waren. Die Stammesgesellschaften unterschieden sich erheblich sowohl hinsichtlich der Höhe des Angebots als auch der Neigung, eine unfaire Teilung auszuschlagen.

Um herauszufinden, warum einige Gruppen mehr gaben als andere, untersuchten die Anthropologen verschiedene Aspekte jeder Gesellschaft, darunter auch Form und Geschichte der Sprache und das Verhältnis der Völker zu ihrer natürlichen Umgebung. Einige Völker lebten in Wäldern, andere auf Ebenen, wieder andere in der Wüste. Die einen waren Jäger und Sammler, die anderen Hirten, die dritten Kleinbauern. Einige waren sesshaft, andere durchstreiften als Nomaden weite Gebiete.

Kontakt macht sozial

Die Variablen, die die Verhaltensunterschiede am ehesten zu erklären schienen, waren sozialer Natur. Eine dieser Variablen war die „Anonymität“, ein Maß dafür, wie häufig das jeweilige Volk mit Außenstehenden Kontakt hatte. Die Angehörigen von Völkern, die häufiger Kontakt mit Fremden hatten, legten eher ein „prosoziales“ Verhalten an den Tag. Sie waren im Ultimatumsspiel eher bereit, mit anderen zusammenzuarbeiten und ein besseres Angebot zu machen, aber sie waren auch eher bereit, ein schlechtes Angebot abzulehnen. Je weiter ihr Netzwerk über die unmittelbare Familie hinausreicht, umso weniger verhalten sich die Angehörigen eines Volkes wie der Homo oeconomicus und umso mehr werden sie zum Homo dictyous. Das vereinfachte Menschenbild der Wirtschaftswissenschaftler, nach dem wir so wenig wie möglich mit anderen teilen, trifft, wenn überhaupt, nur auf ausgesprochen isoliert lebende Menschen zu, die kaum mit anderen in Austausch treten. Selbst in entlegensten Weltregionen leben nur wenige Menschen in diesem Zustand. Der Mensch an sich hat nie so gelebt.

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