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Netzwerke Alles ist Netz

Wirtschaftswissenschaftler pflegen das Bild des Homo oeconomicus. Menschen handeln jedoch viel öfter im Sinne ihres sozialen Netzwerks als nur in ihrem eigenen und verändern damit das Leben anderer.

Netzwerke Quelle: Fotolia.com

Soziale Netzwerke sind Phänomene von komplexer Schönheit. Sie sind derart kunstvoll und verästelt, und vor allem sind sie derart allgegenwärtig, dass man sich fragen muss, welchem Zweck sie dienen. Wenn unser Verhalten auf das unserer Freunde abfärbt und diese wiederum ihre Freunde beeinflussen, dann können wir mit unseren Handlungen Menschen erreichen, denen wir noch nie begegnet sind. Als wir die Auswirkungen der sozialen Netzwerke auf unsere Gesundheit untersuchten, machten wir einige erstaunliche Entdeckungen: Wenn ein Freund eines Freundes Ihres Freundes zunimmt, dann nehmen Sie zu. Wenn ein Freund eines Freundes Ihres Freundes mit dem Rauchen aufhört, dann hören Sie mit dem Rauchen auf. Und wenn ein Freund eines Freundes Ihres Freundes glücklich ist, dann sind Sie glücklich.

Wenn wir uns als Teil eines Überorganismus begreifen, erscheinen unsere Handlungen, Entscheidungen und Erfahrungen mit einem Mal in einem völlig neuen Licht. Wenn wir erkennen, dass wir durch unsere Einbettung in soziale Netzwerke geprägt werden und dass direkt oder indirekt mit uns in Verbindung stehende Menschen unser Denken und Handeln beeinflussen, dann stellen wir mit einem Mal fest, dass unsere Entscheidungen nicht nur unserem eigenen freien Willen unterliegen. Diese Erkenntnis kann durchaus ein Schock sein, zum Beispiel wenn wir plötzlich feststellen müssen, dass unsere moralischen Entscheidungen und unser gesellschaftliches Handeln von unseren Nachbarn oder sogar von wildfremden Menschen beeinflusst werden.

Vernetztheit nutzen

Ein Verständnis unserer Vernetztheit ist ein essenzieller Schritt hin zur Schaffung einer gerechteren Gesellschaft und Politik, angefangen von der Gesundheits- bis zur Wirtschaftspolitik. Es könnte beispielsweise effektiver sein, einige Menschen in zentralen Positionen des Netzwerks zu impfen, als kranke Menschen zu behandeln. Es könnte sinnvoller sein, Nichtraucherkampagnen an die Freunde und Bekannten von Rauchern zu richten als an die Raucher selbst. Es könnte mehr nützen, vernetzte Gruppen bei der Vermeidung von kriminellen Verhaltensweisen zu unterstützen, als jedes Verbrechen einzeln zu verhindern und zu bestrafen.

Die Geburt des Homo dictyous

Traditionelle Wirtschaftswissenschaftler gehen davon aus, dass jeder Mensch seine Entscheidungen ohne Rücksicht auf andere trifft (es sei denn, die Interessen der anderen beeinträchtigen die eigenen). Kooperation kommt nur deshalb zustande, weil sie einen Anreiz bietet: Ich wasche Ihre Hand, weil ich glaube, dass Sie meine waschen. In einer Situation, in der Sie einen Rückzieher machen könnten, verweigere ich Ihnen meine Unterstützung. Sie und jeder andere würden sich in meiner Situation genauso verhalten. Das heißt, alle Menschen sind in gleichem Maße hilfsbereit, soziale Beziehungen spielen keine Rolle.

Der Homo oeconomicus lebt in einer erbarmungslosen Welt, die vom Recht des Stärkeren regiert wird und in der sich niemand für das Wohlergehen des anderen interessiert. Der etwas ironische Begriff Homo oeconomicus wurde vor einem guten Jahrhundert geprägt, um ein Menschenbild zu beschreiben, nach dem wir von Eigeninteresse gesteuert werden und nur darauf aus sind, das größtmögliche persönliche Wohl zum geringstmöglichen Preis zu bekommen.

Schon im Jahr 1836 nahm der englische Philosoph John Stuart Mill den Homo oeconomicus vorweg, als er meinte, der Mensch tue unweigerlich das, „wodurch er die größtmögliche Zahl der Notwendigkeiten, Annehmlichkeiten und Luxusgüter mit dem geringstmöglichen Aufwand und der geringstmöglichen körperlichen Anstrengung erhält“. Mit anderen Worten, der Mensch ist faul und gierig und handelt rational, egoistisch und autonom. In diesem Menschenbild ist für selbstloses Verhalten kein Platz. Außerdem lässt es die Frage vollkommen außer Acht, woher unsere Bedürfnisse überhaupt stammen.

Dem wollen wir ein neues Menschenbild gegenüberstellen: den Homo dictyous, den „Netzwerkmenschen“, vom lateinischen Wort homo für Mensch und dem griechischen Wort diktyon für Netzwerk. Dieses neue Menschenbild erklärt, woher Selbstlosigkeit und Bestrafung sowie unsere Wünsche und Abneigungen stammen. Das Bild des Homo dictyous lässt Raum für ein Verhalten, das nicht von bloßem Eigeninteresse bestimmt ist. Die Berücksichtigung unserer Vernetztheit ermöglicht uns auch, eine entscheidende Quelle unserer eigenen Bedürfnisse einzubeziehen, nämlich die Bedürfnisse der Menschen in unserer Umgebung. Dies betrifft so unterschiedliche Bereiche wie unser Gesundheitsverhalten, unseren Musikgeschmack oder unser Wahlverhalten. Wir wollen, was die Menschen in unserem Netzwerk wollen.

Flut von Bedürfnissen

So kommt es, dass soziale Netzwerke eine endlose Flut von Bedürfnissen transportieren, eigenwillige Geschmäcker verbreiten und Moden hervorbringen. Einige unserer Grundbedürfnisse (etwa der Sexualtrieb), sind weniger auf die spezifischen Bedürfnisse der Menschen in unserer Umgebung zurückzuführen. Doch daneben haben wir eine Reihe willkürlicher Bedürfnisse, zum Beispiel nach bestimmter Bekleidung oder Musik, die in erheblichem Maße von anderen beeinflusst werden. Vieles erscheint uns nur deshalb begehrenswert, weil andere es wollen. Wo auch immer Bedürfnisse, Überzeugungen oder Geschmäcker herkommen (politische Überzeugungen und Religiosität könnten durchaus auch genetische Ursachen haben) – wenn sie erst einmal entstanden sind, können sie im Netzwerk weitergegeben und verstärkt werden.

Wer hat den Homo oeconomicus auf dem Gewissen?

Anfang der Siebzigerjahre begannen Wirtschaftswissenschaftler, die Grundannahmen ihres Fachs zu hinterfragen und sich mit Kooperation und der Entstehung von Bedürfnissen zu beschäftigen. Ihre Erkenntnisse schlugen in der Fachwelt große Wellen. Im Jahr 1982 entwickelten Wirtschaftswissenschaftler ein einfaches, aber kluges Experiment mit Namen „Ultimatumsspiel“, in dem zwei Versuchspersonen darüber verhandeln, wie sie zehn Dollar unter sich aufteilen, die sie von einem Versuchsleiter erhalten. Dabei soll der erste Spieler dem zweiten einen Anteil an den zehn Dollar anbieten. Theoretisch könnte er dem zweiten Spieler alles geben, er könnte alles für sich behalten, den Betrag gerecht teilen oder ihm jeden beliebigen anderen Anteil anbieten. Der zweite Spieler muss entscheiden, ob er das Angebot annimmt. Nimmt er an, dürfen beide das Geld in der vereinbarten Weise teilen. Lehnt er ab, bekommt keiner der beiden etwas.

Traditionell gehen Wirtschaftswissenschaftler davon aus, dass die Teilnehmer wie der vom Eigeninteresse gesteuerte Homo oeconomicus handeln. Nach dieser Logik würde für Spieler 2 jeder noch so geringe Betrag schon einen Gewinn darstellen. Wirtschaftswissenschaftler nahmen also an, dass der erste Spieler dem zweiten einen Cent anbieten und 9,99 Dollar für sich behalten und der zweite Spieler dieses Angebot annehmen würde.

Das Experiment nahm jedoch einen völlig anderen Verlauf. In ersten Versuchen mit amerikanischen Studenten beobachteten die Wissenschaftler, dass die Teilnehmer niedrige Angebote zurückwiesen. In der Hälfte aller Fälle wurde ein Angebot von zwei Dollar abgelehnt, niedrigere Angebote wurden noch häufiger verschmäht. Doch die Teilnehmer in der Rolle von Spieler 1 schienen zu wissen, dass genau dies passieren würde, und machten daher nur selten unfaire Angebote.

Das häufigste Angebot war eine gerechte Teilung, im Durchschnitt behielt Spieler 1 einen geringfügig größeren Betrag, doch nicht sehr viel mehr, da bei einer Ablehnung des Angebots beide Spieler leer ausgingen. Da Spieler 1 ohne vorherige Verhandlungen zu wissen schien, welches Angebot Spieler 2 annehmen oder ablehnen würde, verhielt er sich genau wie ein Mensch, der aus reinem Eigeninteresse die Entscheidung trifft, die ihm den größten Gewinn bringt. Doch das Verhalten von Spieler 2 schien vollkommen unerklärlich. Warum sollte er ein Geschenk von ein oder zwei Dollar ablehnen, zumal dies von einem Unbekannten kam, dem er vermutlich nie wieder begegnen würde?

Eigennützige Wissenschaftler

Um die Rolle von Spieler 2 besser zu verstehen, wandelten Wissenschaftler das Ultimatumsspiel ein wenig ab. Im sogenannten Diktatorenspiel bekommt der erste Spieler zehn Dollar und kann vollkommen frei darüber verfügen. Diesmal kann Spieler 2 nicht mitbestimmen, sondern muss das Angebot von Spieler 1 annehmen. Da Spieler 2 nun keinerlei Einfluss hat, gingen Wirtschaftswissenschaftler davon aus, dass Spieler 1 automatisch alles für sich behält. Das taten zwar tatsächlich einige, doch das war keineswegs die Mehrheit. Im Durchschnitt gab der erste Spieler dem zweiten zwei Dollar. Dieses Ergebnis wäre kaum zu erklären, wenn unser Verhalten ausschließlich durch unser Eigeninteresse motiviert wäre. Die Teilnehmer nahmen buchstäblich Geld aus ihrer eigenen Tasche, um es wildfremden Menschen zu schenken.

Grundsätzlich unterschiedlich

Das Experiment zeigte auch, dass Menschen sich grundsätzlich unterschiedlich verhielten. In einer Untersuchung konnten wir nachweisen, dass Versuchspersonen, die im Diktatorenspiel einen größeren Betrag abtreten, mit größerer Wahrscheinlichkeit an einer Wahl teilnehmen, für wohltätige Zwecke spenden oder sich für ein Amt aufstellen lassen. In Psychotests zur Messung ihrer „Humanität“ erzielen diese Personen mehr Punkte.

Die eben vorgestellten wirtschaftswissenschaftlichen Experimente wurden fast ausschließlich an Universitäten in den Vereinigten Staaten durchgeführt. Da derartige Versuche meist hungrige Studenten anlocken, meinten Spötter, amerikanische Studienanfänger seien die am besten erforschte Spezies der Welt. Doch als Wissenschaftler das Ultimatums- und das Diktatorenspiel mit ihren Studierenden wiederholten, kamen sie mehr oder minder zu denselben Ergebnissen. Die einzige Ausnahme waren Studierende der Wirtschaftswissenschaften: Sie hatten sich offenbar die Theorie angeeignet, dass Eigennutz rational sei, und verhielten sich egoistischer.

Der Anthropologe Joseph Henrich ging der Frage nach, inwieweit sich diese Ergebnisse auch auf Gruppen in nichtindustrialisierten Ländern übertragen ließen. Dazu führte er dieselben Experimente mit Ureinwohnern vom Volk der Machiguenga im peruanischen Amazonasgebiet durch. Merkwürdigerweise verhielt sich diese Gruppe sehr viel „rationaler“ als die Versuchsteilnehmer aus der sogenannten entwickelten Welt. Ihr Verhalten entsprach den Erwartungen der traditionellen Wirtschaftswissenschaftler sehr viel eher.

Der Ausreißer der Machiguenga weckte das Interesse zahlreicher Wissenschaftler, die sich 1997 in Los Angeles trafen. Dort vereinbarten sie, das Ultimatums- und das Diktatorenspiel in einer Reihe von kleinen Stammesgesellschaften durchzuführen. Als Kontrollgruppen dienten Bewohner von exotischen Orten wie Ann Arbor im US-Bundesstaat Michigan und Brentwood in Kalifornien. Dabei stellte sich heraus, dass die Machiguenga mit ihrem Verhalten keineswegs allein waren. Die Stammesgesellschaften unterschieden sich erheblich sowohl hinsichtlich der Höhe des Angebots als auch der Neigung, eine unfaire Teilung auszuschlagen.

Um herauszufinden, warum einige Gruppen mehr gaben als andere, untersuchten die Anthropologen verschiedene Aspekte jeder Gesellschaft, darunter auch Form und Geschichte der Sprache und das Verhältnis der Völker zu ihrer natürlichen Umgebung. Einige Völker lebten in Wäldern, andere auf Ebenen, wieder andere in der Wüste. Die einen waren Jäger und Sammler, die anderen Hirten, die dritten Kleinbauern. Einige waren sesshaft, andere durchstreiften als Nomaden weite Gebiete.

Kontakt macht sozial

Die Variablen, die die Verhaltensunterschiede am ehesten zu erklären schienen, waren sozialer Natur. Eine dieser Variablen war die „Anonymität“, ein Maß dafür, wie häufig das jeweilige Volk mit Außenstehenden Kontakt hatte. Die Angehörigen von Völkern, die häufiger Kontakt mit Fremden hatten, legten eher ein „prosoziales“ Verhalten an den Tag. Sie waren im Ultimatumsspiel eher bereit, mit anderen zusammenzuarbeiten und ein besseres Angebot zu machen, aber sie waren auch eher bereit, ein schlechtes Angebot abzulehnen. Je weiter ihr Netzwerk über die unmittelbare Familie hinausreicht, umso weniger verhalten sich die Angehörigen eines Volkes wie der Homo oeconomicus und umso mehr werden sie zum Homo dictyous. Das vereinfachte Menschenbild der Wirtschaftswissenschaftler, nach dem wir so wenig wie möglich mit anderen teilen, trifft, wenn überhaupt, nur auf ausgesprochen isoliert lebende Menschen zu, die kaum mit anderen in Austausch treten. Selbst in entlegensten Weltregionen leben nur wenige Menschen in diesem Zustand. Der Mensch an sich hat nie so gelebt.

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