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New Work InsightsWeihnachten 2019: Digital Detox der Jungen trifft auf Digital Fluency der Alten

Während Enkel und Kinder „Digital Detox“ praktizieren, kommen die über 70-Jährigen so richtig in den digitalen Flow: Noch schnell das Partnerportal checken und dann Geschenkeflops bei Ebay einstellen.Saskia Eversloh 23.12.2019 - 12:00 Uhr

Weihnachten ist die Zeit für Digital Detox - allerdings ausgerechnet für die Jungen. Ältere surfen auch unterm Tannenbaum

Foto: WirtschaftsWoche

In der Wohnstube meines Elternhauses wurde das Ritual des weihnachtlichen Singens von allerlei digitalen Endgeräten verdrängt. Statt „Stille Nacht, heilige Nacht!“ plingt, brummt und vibriert es aus der Smartwatch am Handgelenk, den Handys neben dem Gänsebraten und den Tablets auf dem Wohnzimmertisch. Auch Alexa, die virtuelle Assistentin von Amazon, meldet sich immer mal wieder angeregt durch die Geräuschkulisse zwischen der Weihnachts-Playlist zu Wort.

Dabei kommen die Plings und Plongs nicht von den Enkelinnen und Enkeln in unserem Kreis. Die haben sich schon erwartungsvoll um Tannenbaum und Gabentisch geschart und beschäftigen sich miteinander, um die Zeit bis zur Bescherung zu überbrücken. Nein, die Soundeffekte kommen von meiner Mutter und ihren neuen Freundinnen – allesamt über 70, teilweise über 80 Jahre alt.

Unsere Familie ist in dieser Hinsicht sehr typisch. Einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage von Forsa im Auftrag der DAK hat just dieser Tage ergeben: Vor allem junge Leute zwischen 14 und 29 Jahren nehmen sich für 2020 vor, öfter mal offline zu sein (47 Prozent), um mehr im analogen Leben zu erleben. Ebenso wie Menschen zwischen 30 und 44 Jahren, die Stress abbauen wollen.

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Die neuen digitalen Dienstleistungsspielzeuge haben unser aller Familienleben fundamental verändert, auch meins. Aber während meine Lieben und ich bewusst handyfreie Zonen und Zeiten eingerichtet haben, um wenigstens an den Feiertagen zu entschleunigen, gleichen die Weihnachtstage bei meiner Mutter mehr einem Trip nach Las Vegas als in die rheinische Provinz.

Smartphones und Anwendungen wie WhatsApp haben gewisse Ähnlichkeit mit den einarmigen Banditen in Spielhöllen: Die Geräusche und Vibrationen bei Nachrichteneingang lösen Glückshormone aus und konditionieren uns. Mit der Vielzahl von mobilen Endgeräten und immer neuen Tools ist nicht nur die Ruhe gewichen, auch unsere Familie und der Freundeskreis haben sich in kürzester Zeit exponentiell vergrößert. Denn nach Shoppen, Versteigern und Banking haben meine Mutter und ihre nebenan.de-Freundinnen auch andere soziale Netzwerke und nicht zuletzt Partnerportale entdeckt. Das einziges, was sie noch analog machen, ist heimlich im Flur zu knutschen.

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Was mich daran erschüttert ist: Im letzten Jahrzehnt ihrer kaufmännischen Lebzeitstelle bei einem Hidden Champion widersetzte sich meine Mutter noch vehement jeder Art von technologischer Neuerung, ließ keinen neuen PC und auch kein neues Programm in ihr Büro, nicht einmal ein Update von Excel. Und jahrelang weigerte sie sich, ein Mobiltelefon anzuschaffen.

Neuesten Forschungen des Altersforschers Florian Kunze, Inhaber der Professur für Organisational Studies an der Universität Konstanz, hat Alter absolut nichts mit Kompetenzverlust zu tun. Im Gegenteil. Das gilt auch für unsere digitalen Kompetenzen. Diese werden oft und immer noch und vor allem fälschlicherweise den Digital Natives in einer Absolutheit zugesprochen, die einfach nicht haltbar ist. Hinzu kommt, dass sich zu viel intuitives und frühkindliches Gedaddel sogar negativ auf die Entwicklung von Persönlichkeit, Psyche, Konzentration und Ausdauer auswirken kann. Auch das ist heute wissenschaftlich erwiesen.

Dem trägt jetzt endlich auch der Begriff „Digital Fluency“ als Weiterentwicklung der „Digital Literacy“ Rechnung. Während es bei Literacy noch um technologische Fähigkeiten und digitale Nutzung als solches geht, meint Digital Fluency insbesondere die Kompetenz, digitale Mittel zu realen Zwecken sicher und zielorientiert einsetzen zu können.

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Angefangen hatte dieses späte digitale Interesse bei meiner Mutter mit der Ödnis des Rentnerinnenlebens: Verwitwet, keine Hobbys und ein sehr eingeschränkter Bekanntenkreis. Das alles sollte sich vor einigen Jahren schlagartig mit einer Kleinanzeige für einen 400-Euro-Job in einer gräflichen Haus- und Ländereien-Verwaltung ändern. Ausgestattet mit dem Pflichtbewusstsein und der Akkuratesse der Nachkriegsgeneration war meine Mutter bald schon jeden Tag – und es dauerte nicht lange – so auch nahezu rund um die Uhr 24 Stunden 7 Tage die Woche erreichbar für den Grafen und seine zahleichen Kinder in ihrem Alter. Als der Graf mit nahezu 100 verstarb, blieb meine Mutter bei der Familie – mit eigenem Büro, Dienstwagen und Sprechstunde. Es folgten die nebenan.de-Freundinnen und die neuen Partner, die sie sich zielsicher und schnell aus den Portalen fischten.

So sitze ich nun schon das zweite Jahr in Folge mit drei beinahe noch frisch verliebten Paaren über 70 und deren Kindern und Enkeln in meiner reich geschmückten, gut besuchten und unentwegt plingenden Elternstube. Mal abgesehen davon, dass hier nicht mehr viel gesungen wird und sich Alexa immer mal wieder einmischt, ist alles beim Alten: Die Bescherung pünktlich um 17 Uhr, das Festessen liebevoll aufgetischt. Aber dann: Zwischen Hauptgang und Dessert werden schon die ersten Geschenkeflops umgetauscht oder auf Ebay zur Versteigerung angeboten. Und das ist es wohl, was mit digitaler Gewandtheit gemeint ist: digitale Tools in Kombination mit alten Tugenden.

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