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„Nicht nackig genug“ Der schwere Weg zum Social-Media-Star

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Hilfe vom Roboter

Natürlich gibt es den längst: Instagress etwa bietet solche Instagram-Like-Roboter. Für nicht einmal einen Dollar am Tag übernimmt ein Bot das Liken, Kommentieren und Followen, der Monatspreis liegt bei rund zehn Dollar. Mir kommt der Gedanke, dass die großen Accounts das vermutlich alle so gemacht haben. Kein normaler Mensch hat Zeit, Tag für Tag, Monat für Monat stundenlang Bilder zu liken und „Schönes Bild“ darunter zu schreiben.

Ich recherchiere nach Erfahrungen. Jemand hat sich mit Instagress eine Followerschaft von 37.000 Followern aufgebaut. Die Verlockung wird größer. Und dann lese ich die Warnung, dass Instagram solche Social Bots erkennt und Accounts, die diese nutzen, sperren kann. Mir ist das zu riskant. Wochen später lese ich, dass Instagress abgeschaltet wurde. Wer groß wird und wer nicht, das will Instagram alleine bestimmen.

Wohl auch, weil das Influencer-Geschäft erste Schönheitsflecken bekommt und es keine einheitlichen Standards gibt. Synonym dafür ist seit Kurzem das Fyre-Festival-Debakel. Die Macher hatten das Musikfestival auf den Bahamas als die „kulturelle Erfahrung der Dekade“ angekündigt, Tickets für bis zu 50.000 Dollar verkauft. Beworben hatten es Influencer. Doch das Festival versank im Chaos, die Angereisten mussten in Rettungszelten übernachten. Die Models hatten eine Luftnummer zum Hype gemacht. Dabei warnen Profis schon länger vor Wildwuchs: Influencer Marketing sei lange Zeit wie Kinderfußball gelaufen: „Alle wollten mitspielen, aber keiner mit System“, sagt David Eicher von der Agentur Webguerillas. Ein anderer machte anonym Furore, weil er durchsickern ließ, man habe für eine Kampagne eines Autokonzerns 300.000 Dollar für „ein paar Fotos gezahlt, weil das Kind des CEOs jemanden toll fand“.

Höhepunkt der Karriere auf Capri

Es ist Mitte März: Ich zähle rund 8000 Follower, als ich zwei Mails im Postfach finde. Die Düsseldorfer Influencer-Agentur Earnesto möchte mich in ihre Datenbank aufnehmen und benötigt dafür Daten wie Hauttyp, Schuh- und Konfektionsgröße, welche Ernährungsweise ich verfolge und ob ich Haustiere habe. Auch über die Plattform Brandnew wird mir eine Kooperation angeboten. Ich bekäme ein Outfit zur Verfügung gestellt, soll davon ein Foto machen, es posten und mit Hashtags versehen. Bezahlt wird das Ganze nicht, aber die Kleidung darf ich behalten. Es handelt sich um eine schwarze Jogginghose, einen weißen Sweater und eine Jeansjacke. Ich besitze schon eine Jeansjacke und ein weißes Shirt – und die schwarze Jogginghose brauche ich nicht. Ich lehne ab.

Es ist der 23. April, ich poste gerade ein Aussichtsbild von der Insel Capri, als ich die 10.000-Follower-Marke knacke. Rund drei Monate sind seit meinem Hilfegesuch bei Matthias Ziegenhain vergangen. Bei InfluencerDB ist ein Post von mir jetzt rund 50 Dollar wert. Ich habe meinen Marktwert verdoppelt. Ich fasse einen Entschluss: Ich will lieber wieder Journalistin sein – und kein Influencer in der Marketingmaschine, dem permanent droht, von ihr zermalmt zu werden. Wie hatte eine erfolgreiche Influencerin mir während der Recherche noch gleich gesagt? „Ich mache das nur, wenn ich mich damit wohlfühle.“

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