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„Nicht nackig genug“ Der schwere Weg zum Social-Media-Star

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Vollzeitjob Influencer

Es ist Wochenende, meine Schwester ist zu Besuch. Zeit, meinen Account aufzuwerten. Sie soll fotografieren, wie ich inmitten von Zeitungen Kaffee trinke und Obst esse. Kaffee, Obst und Nagellack funktioniert gut auf Instagram – und mit den Zeitungen kann ich mich von anderen abheben, so die Idee. Also wird Obst geschnibbelt, Zeitungen werden drapiert, Kaffee läuft durch die Maschine. Mal hält meine Schwester die Kamera höher, mal seitlicher, meine Hand umfasst die Kaffeetasse, liegt flach daneben, die zweite Hand kommt mit aufs Bild, hält eine Zeitung hoch, in die Obstschüssel muss noch eine Gabel. Als wir fertig sind, ist der Kaffee kalt. Meine Schwester fängt an, Zeitung zu lesen, aber ich muss noch das beste Bild der 100 aufgenommenen raussuchen, bearbeiten, mir 30 Hashtags ausdenken. Und dann liken, liken, kommentieren, kommentieren.

Hart verdienter Glamour: Durchschnittseinkommen je Post je Nische auf Instagram

Dann bin ich auch schon mit einer Hobbyfotografin verabredet, um ein Outfit zu shooten. Die Frau handelt opportunistisch wie fast alle in dem Geschäft: Sie fotografiert mich und ein paar andere Möchtegern-Influencer für ihr Portfolio. Mit dem Ziel, Influencer, die später Outfitfotos für ihre Blogs und Instagram brauchen, irgendwann bezahlen zu lassen. Am Ende des Tages habe ich keine Minute Zeitung gelesen, auch wenn mein Instagram-Bild suggeriert, ich hätte einen entspannten Zeitungssamstag gehabt. Zweite Lektion: Influencer ist ein Vollzeitjob, sogar schon für mich.

Es ist Anfang Februar, zweieinhalb Wochen sind seit meinem Besuch bei TLGG vergangen. Zwölf Bilder habe ich seither veröffentlicht, etliche Stunden gelikt, kommentiert und versucht, die Community irgendwie auf mich aufmerksam zu machen. Ich zähle mittlerweile rund 5300 Follower. Ich melde mich auf Influencer-Portalen an.

Dosenprosecco mit Einhornmotiv

Ich registriere mich bei Tubevertise. Das Prinzip: Unternehmen stellen dort ihre Kampagne ein, geben an, was sie erwarten, und Influencer können sich auf die Ausschreibungen bewerben. Kommt der Deal zustande, erhält das Portal eine Provision. Eine Auswahl der dort angebotenen Instagram-Kampagnen: Dosenprosecco mit Einhornmotiv, ein Detox-Gesichtspeeling der mir unbekannten Marke Hello Body, ein Backpacker-Grill in der Größe eines MacBooks und die Hello-Fresh-Kochboxen aus dem Hause Rocket Internet.

Anders läuft das bei WelovetoShare – eine Instagram-Marketingagentur mit Sitz in Bonn. Inhaber Tobias Heitmann ist 32, seine Mitarbeiterin Farina Fontaine 29. Zusammen haben sie die Agentur im Winter 2013 aufgebaut – zu einer Zeit, in der Geld verdienen mit Instagram noch verwegen klang. Unternehmen, bei denen sie sich vorstellten, verstanden nicht, weswegen sie mit Instagrammern werben sollten. Heute sind sie gut gebucht, aber ihre Eltern verstehen trotzdem nicht, wovon sie eigentlich leben.

Die Instagram-Verwandlung: Die Autorin nach drei Monaten Training mit Experten. Quelle: Privat, Sarah Pritzel

Auch bei ihnen hatte ich mich als Influencer beworben – gehört habe ich nichts. Am Tag nach meiner Bewerbung bin ich bei ihnen zu Besuch und erfahre: Ich war einer von 17 Bewerbern an dem Tag, mein Profil haben sie sich aber gar nicht angesehen. Denn: Influencer gibt es wie Sand am Meer. Ihnen gefällt mein Profil, sagen sie. Aufnehmen können sie mich trotzdem nicht in ihr Netzwerk. 5000 Follower sind viel zu wenig.

Zu Hause versinkt meine Wohnung im Chaos. Egal, ob Geschirr oder ungelesene Zeitungen, die Stapel werden immer höher. Denn ich muss Fotos machen und bearbeiten. Bilder liken, Kommentare streuen, Follower einsammeln. Ein Gedanke nistet sich ein: wie schön es wäre, wenn ich einen Roboter hätte, der das alles macht.

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