Optimierte Objekte Weniger ist mehr im Produktdesign der Zukunft

Leichtbau und Ressourceneffizienz verändern unsere Welt. Der neue Minimalismus ist nicht nur Stil, sondern Ausdruck einer nachhaltigeren Wirtschaft. Möglich machen ihn neue Computertechnologien.

Optimierung des Objekts - Der Ultra Chair hält mit seinen 2 Kilo das 100-Fache seines Eigengewichts aus Quelle: Presse

Asketisch sieht er aus, um nicht zu sagen: dürr. Dünne Beine, schmale Sitzfläche, die Rückenlehne gleicht gefaltetem Packpapier. Obendrein wirkt der „R18 Ultra Chair“ wie ein Patient auf der Intensivstation. Kabel ragen aus dem Untergestell und verschwinden in einer Messstation. Kaum nimmt jemand Platz und lehnt sich gegen die Rückenlehne, huschen gelbe und rote Flecken über den Bildschirm, errechnet der Computer in Echtzeit die aktuelle Belastung des Stuhls. So viel Elektronik dient nur einem Ziel: der Optimierung des Objekts. Was aber lässt sich an dem Stück, das bereits zu den leichtesten Möbeln zählt, noch verbessern?

Fast 5.000 Testsitzer haben den zerlegbaren Stuhl inzwischen unter Druck gesetzt. Kaum zwei Kilo wiegt der Prototyp, der im Dezember auf der Designmesse in Miami Premiere haben soll. Er ist trotzdem so stabil, dass er einen Sumoringer aushält, also etwa das 100-Fache seines Eigengewichts. Das deutsch-schwedische Designer-Duo Reed Kram und Clemens Weisshaar setzt auf Karbon-Mikrosandwich, Aluminium und Gummi, Materialien, die bislang für den Automobilbau reserviert waren. Und auf neue Konstruktionsideen. „R18 Ultra Chair“ ist ein Meisterstück des Weglassens. Er bietet einen Vorgeschmack auf das, was bald Standard sein dürfte.

Ressourceneffizienz ist modern

„Less is more“, der abgedroschene Slogan der Moderne, gewinnt wieder an Gewicht. Dabei geht es nicht nur um Stilfragen. „Less is more“ illustriert die fundamentale Verschiebung der Designwelt hin zu Leichtbau und Ressourceneffizienz. Vom Fahrzeugbau über Verpackungen bis zur Luftfahrt – steigende Energiepreise und schwindende Rohstoffe diktieren die Richtung: weg mit dem Wohlstandsspeck.

Die besten Produktdesigns 2012
FreudenfeuerWenn es gut läuft, wird er nie gebraucht. Scheinbar nutzlos hängt ein Feuerlöscher an der Wand. Er schmückt auch nichts. Trotzdem drängelt er sich mit seiner roten Alarmfarbe in den Vordergrund – damit er im Ernstfall rasch gefunden wird. Der Firephant des schwedischen Herstellers GPBM Nordic AB begeisterte die Juroren Marten Claesson aus Schweden, den Koreaner Ken Nah und den Chinesen Renke He, „weil er so selbsterklärend wie einfach zu nutzen und im Notfall schnell einsatzbereit ist. Er verwandelt ein bislang unauffälliges Produkt in ein farbenfrohes Objekt mit zeichenhafter Aussage.“ Da spielt es bei einem Brand kaum noch eine Rolle, wenn der Nutzer nicht Schwedisch versteht. Die Piktogramme unter dem Wort „Brandsläckare“ erläutern die Funktion bildhaft. Quelle: Pressebild
LeuchttürmchenDie Designer Stefan Diez, Simon Ong und Guto Indio da Costa sahen hier mehr als nur ein Glasgefäß, in dem ein Feuer brennt: „Die Leuchte überführt das traditionelle Motiv eines wärmenden Feuergefäßes in eine zeitgemäße Formensprache. Als eine spannende Synthese aus Windlicht und Feuerstelle erinnert sie an die Form einer Flasche. Sie stellt damit auch in symbolischer Hinsicht eine sehr überzeugende Neuinterpretation dar.“ Der finnische Gestalter Ilkka Suppanen hatte bei dem mit Bioethanol betriebenen Licht für den Hersteller Iittala zusätzlich die Form alter Leuchtfeuer im Sinn, die bis zum 19. Jahrhundert entlang des Bottnischen Meerbusens Seefahrer leiteten und dann von modernen Leuchttürmen abgelöst wurden. Quelle: Pressebild
Zwischen-BikeHusqvarna Nuda 900 R – der etwas sperrige Name des Gefährts verrät dennoch ein wenig über die Idee. „Nuda“, wie nackt, bezieht sich auf die Kategorie der „Naked Bikes“, die keine Form von Bekleidung besitzen. Die Juroren Martin Darbyshire, Lutz Fügener und Ken Okuyama attestieren der Maschine, dass sie „mit ihrer minimalistischen und spannungsreichen Formensprache eine sehr gelungene Neuinterpretation der Marke darstellt und dem Betrachter ihre sportlichen Qualitäten vermittelt“. Als eine Mischung aus Naked Bike und der Kategorie Supermoto, die für Rennmotorräder steht, entzieht sich die 900 R den üblichen Schubladen. Alles an der 900 R soll sportlich und dynamisch wirken, vom Scheinwerfer bis zum Heck. Quelle: Pressebild
AllesmerkerFotos aus dem vergangenen Urlaub auf Bornholm, gescannte Zeugnisse, Lieblingsfilme – ausgelagerte Festplatten sind zurzeit der leichteste Weg, große Mengen an Daten außerhalb des Computers zu speichern und sie auf Reisen mitzunehmen. Und sie sehen irgendwie alle immer nach kleinen Kästchen aus mit Buchsen. Die Juroren Gordon Bruce, Cheng Neng Kuan und Renke He erheben die von Toshiba produzierte Festplatte STOR.E Edition hingegen zu einem „stilvollen Accessoire, deren ästhetisiert. Sie ist funktional, überaus schnell in der Datenübertragung und dabei leicht zu bedienen.“ Quelle: Pressebild
HochsitzSitzlehnen aufrecht und die Tische wieder hochgeklappt – bei Start und Landung kann der Sitz Basic Line 3520 von Recaro Aircraft Seating seine Vorteile nur zum Teil ausspielen. Sie sind zunächst unsichtbar. Dank leichter Materialien konnte das Gewicht des Sitzes reduziert werden, was hilft, die Spritkosten zu senken. Darüber hinaus begeisterte die Juroren Martin Darbyshire, Lutz Fügener und Ken Okuyama „die Funktionalität und Ergonomie. Das gesamte Konzept ist stimmig und durchdacht und vermittelt ein Gespür für jedes Detail.“ Die Sitze sind für die Kurz- und Mittelstrecken entwickelt worden, wo jeder zusätzliche Zentimeter zwischen Knie und Rückenlehne des Vordermanns von den Passagieren als Wohltat geschätzt wird. Je schmaler das Sitzpolster, desto mehr Platz. Quelle: Pressebild
Schicke WippeErwachsene bleiben wohl einfach drin liegen in dem Stoff, der um einen Holzrahmen gespannt ist. Dabei lädt die Shallow Swing zum Schaukeln ein. Quelle: Pressebild
PanzerknackerUngebetene Gäste in Gestalt von Einbrechern können ihr Handwerk stilvoll verrichten mit der verstellbaren Brechstange von Hultafors. Dank des isolierten Griffs schont sie die Hände bei der Arbeit. Quelle: Pressebild

Seit Jahren fordern Ökologen mehr Effizienz in der Produktion. Inzwischen gibt es die Technologien dafür: Computerprogramme, die systematisch Schwachstellen in der Konstruktion herausfiltern, und Materialkombinationen, wie Metallschäume etwa oder keramische Werkstoffe, die um ein Vielfaches leichter und beständiger sind als einfache Metalle. Das eröffnet ganz neue Spielräume für Designer. Die Welt wird luftiger, filligraner, raffinierter. Der neue Minimalismus ist kein Stil, er ist Ausdruck schierer Notwendigkeit.

Minimum der Dinge

Design galt lange Zeit als Aufhübschung. Das hat sich geändert. Heute arbeiten gemischte Teams an den Produkten der Zukunft, Materialwissenschaftler, Ingenieure und Gestalter. Die wiederum zieht es ins Labor, um das zu tun, was andere Fachbereiche als Grundlagenforschung bezeichnen. Designprofessor Andreas Mühlenberend von der Hochschule Magdeburg-Stendal ist so ein Wissenschaftler, er berechnet das Minimum der Dinge. Weglassen ist sein Metier: „In Zukunft müssen wir leistungsfähigere, leichtere und dauerfeste Lösungen finden.“ Zu diesem Zweck simuliert der Produktdesigner „gestaltgebende Prozesse der Natur“. Nach dem Vorbild von Bäumen und Knochen, die mit einem Minimum an Material auskommen und dennoch stabil sind, berechnet ein Computeralgorithmus die optimale Lastverteilung für Stühle, Tische und all die anderen Dinge der Welt. Mit anderen Worten: Er rechnet überflüssiges Material weg. Mehr Stabilität bei weniger Masse, lautet das Ziel.

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