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Persönlichkeit Seelische Kraft gegen die Krise

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Scherbenhaufen... Quelle: Christoph Niemann

Und er wächst an seinen Krisen, vor allem, wenn er willens ist, aus ihnen zu lernen. Eine Lebensphase, die auch der Däne Morten Lund gerade zu gut kennt. Das Internet-Telefonieprogramm Skype machte den Mitbegründer zum Multimillionär. Jetzt, keine vier Jahre später, muss Lund beim Kopenhagener Handelsgericht private Insolvenz anmelden. Er hatte in rund 80 Firmen investiert – und dabei alle seine Millionen verzockt. „Es ist so, als ob man Superman seinen Anzug gestohlen hat. Ich fühle mich durchgeschüttelt und möchte nicht darüber reden“, gestand er der dänischen Finanzzeitung „Finans“. Um seinen Humor offenbar nicht beraubt, sagte er dennoch, dass er „mit voller Kraft zurückkommen“ werde, zuvor aber „erst mal den Anzug zur Wäscherei bringen“ wolle.

Gerade weil der Mensch so voller Verletzlichkeiten steckt, ist das Unglück ein fester Bestandteil der menschlichen Kondition. „Die Idee des Glücks ist eine späte kulturelle Errungenschaft“, sagt Cyrulnik, „viele Jahrtausende bestand kein Zweifel daran, dass das Glück nicht auf Erden wohnte.“ Der Forscher spricht, was Unglück angeht, aus eigener Erfahrung. Als kleiner Junge verlor der Sohn eines ukrainischen Rabbiners die gesamte Familie im Konzentrationslager und wuchs elternlos auf: „Unerträgliches Leid war zu jeder Zeit in Mode, und jede Kultur hat ihm eine andere Gestalt gegeben.“ Mal war es der von allen nur denkbaren Unglücken geschlagene alttestamentarische Dulder Hiob, dann wieder der ewig felsenschleppende prototypische Büßer Sisyphos, der von Zeus an den Berg gekettete Feuerbringer Prometheus oder der gekreuzigte Jesus in den Evangelien.

Leiden gehört einfach dazu

Zu allen Zeiten versuchte die Philosophie aber auch, den Menschen durch Selbsterkenntnis zum souveränen Umgang mit Leid und Krisen zu erziehen. So betrachtet war zum Beispiel die antike philosophische Schule der Stoa eine einzige Suche nach Resilienzfaktoren. Inwiefern das, was die römischen Stoiker lehrten, wirklich mit Resilienz zu tun hatte, bleibt aber dahingestellt. Gewiss ging es den großen Gelassenheits-Lehrern von Epiktet über Seneca bis Marc Aurel immer um den rechten Umgang mit dem Leiden und die Suche nach dem Seelenfrieden. Aber die stoische Ethik wurde oft auch dafür kritisiert, dass sie – ähnlich wie der Buddhismus – das Gefühlsleben im Menschen um den Preis der Selbstverleugnung abtötet, dass sie nur die reine Verstandeshaltung trainiert und letztlich in Gleichgültigkeit, also Indolenz, münden kann – ein Weg, den die heutige Psychiatrie für pathologisch bedenklich hält.

So machte sich etwa der Philosophen-Kaiser Marc Aurel bei all seiner Eisigkeit mit übertriebenem Stoizismus zum Gespött der Römer: Die Liebhaber seiner notorisch untreuen Frau Annia Galeria Faustina überhäufte der Kaiser regelmäßig mit Geschenken – angeblich als „Belohnung“ dafür, dass sie ihm „die Bürde der ehelichen Verpflichtungen“ abnahmen.

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    Wahre Lebenskunst kann nicht darin liegen, das Leid zu verleugnen, die Schmerzgefühle zu unterdrücken. Leiden gehört einfach dazu. Die Pariser Neuropsychologen Henry Hécaen und Julian de Ajuriaguerra stellten vor einigen Jahren im Rahmen einer breit angelegten klinischen Untersuchung sogar fest, dass „die gänzliche Abwesenheit von Leiden bei einem Menschen als Indikator für einen pathologischen Zustand“ zu werten sei. Grob vereinfacht: Wer gar nie leidet, der hat sie nicht alle.

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