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Persönlichkeit Seelische Kraft gegen die Krise

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Neuen Mut schöpfen... Quelle: Christoph Niemann

Die Resilienz-Forscher raten denn auch zu einem weisen Mittelweg: Am besten leben wir, indem wir uns zwar vor zerstörerischen Traumata hüten, gleichzeitig aber vermeiden, uns allzu sehr vor ihnen zu schützen.

Wie resilient ein Mensch ist, bemisst sich eben daran, wie souverän er mit der Krise emotional umgeht, ob er an der Leiderfahrung wächst und vor allem, ob er für künftige Schicksalsschläge etwas dazulernt. Der amerikanische Psychotherapeut und Bestsellerautor H.N. Wright erläutert das an einem sportlichen Beispiel: Kein Boxer lässt sich gern auszählen, wenn er zu Boden geht. Solange er nicht k.o. ist, reißt er sich – ob resilient oder nicht – zusammen und kämpft weiter. Aber der resiliente Boxer denkt, ganz à la Rocky Balboa, in den Sekunden am Boden über seine Fehler nach und wechselt beim Aufstehen sofort seine Taktik. „Der nicht resiliente Typus“, behauptet Wright, „boxt danach genau so weiter wie vorher, lässt sich noch ein paarmal bis zum endgültigen Knock-out niederschlagen und hadert am Ende als Verlierer ewig mit dem Schicksal.“

Wie ist es aber zu erklären, dass manche Menschen resilienter sind als andere? Seit Anfang der Neunzigerjahre geht die Verhaltensforschung der Frage nach, warum die einen Zeitgenossen schon von relativ banalen Widrigkeiten aus der Bahn geworfen und traumatisiert werden, während andere Stress und Krisen scheinbar locker wegstecken und an den Belastungen sogar wachsen. Gibt es möglicherweise ein Resilienz-Gen, mit dem die einen ausgestattet sind, die anderen nicht?

Resilienz-Bewusstsein ist in den USA ausgeprägt

Mehr oder weniger stark ist die Resilienz schon im Menschen angelegt. „Metaphorisch gesprochen mag der Mensch ja ein Resilienz-Gen haben“, sagt Hildenbrand, „aber die beste Anlage nützt nichts, wenn die sozialen Kontakte zu ihrer Förderung fehlen.“ Denn zu den Hauptvoraussetzungen für Resilienz gehören nach übereinstimmendem Urteil aller Forscher unbedingt Kommunikationsfreudigkeit und ein stützendes soziales Umfeld, also stabile Familienbeziehungen und ein lebendiger Freundeskreis, mit denen gemeinsam nach Problemlösungen gesucht werden kann. Wer Lebenskrisen im Alleingang zu bewältigen versucht, ist fast immer zum Scheitern verurteilt.

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    Wie stark die Widerstandsfähigkeit eines Menschen ist, zeigt sich überdies sowieso erst im Ernstfall. Krisenbewältigung lernt man in der Krise, so wie man Fahrradfahren auf dem Rad lernt. Und man kann sich dabei sehr weh tun. „Um Resilienz zu beweisen, müssen wir erst einmal verwundet, verletzt, traumatisiert, zerrissen und zerbrochen sein“, stellt Cyrulnik fest. Nur: Wer will das schon?

    Exakt diese emotionale Achterbahnstrecke brachte jedoch der Unternehmer Joachim Schoss vor einigen Jahren nach einem schweren Unfall hinter sich. Als sein bisheriges Leben auf einen Schlag in Scherben zerbarst und er mit nur noch einem Arm und einem Bein im Rollstuhl saß, suchte der Mitbegründer des erfolgreichen Internet-Portals Scout24 im Netz nach Informationen zum Leben mit Behinderungen – und fand so gut wie nichts. Sein nächster Schritt war die Gründung der Stiftung MyHandicap, die heute unter der Schirmherrschaft des amerikanischen Ex-Präsidenten Bill Clinton auf internationalen Portalen wie myhandicap.com alle relevanten Informationen und Hilfsangebote für Behinderte anbietet. So kann aus einem Behindertenschicksal eine Behindertenhilfe erwachsen. Kreativer könnte man mit dem Unglück kaum umgehen.

    Dass ausgerechnet ein ehemaliger US-Präsident als Schirmherr von myhandicap.com fungiert, ist kein Zufall. In der amerikanischen Öffentlichkeit ist das Resilienz-Bewusstsein – nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen des 11. Septembers 2001 und der daraus folgenden Traumaforschung – deutlich stärker ausgeprägt. Während im alten Europa vorzugsweise bei Familientherapeuten-Symposien oder in evangelischen Frauenkränzchen über Resilienz diskutiert wird, betreibt die American Psychological Association (Apa) schon seit 2002 eine aktive öffentliche Aufklärungskampagne. Der vom Psychologenverband produzierte Film „The Road to Resilience“ wurde auf zahlreichen US-Fernsehkanälen ausgestrahlt. Und seit sechs Jahren gehen die Apa-Psychologen regelmäßig in Amerikas Highschools ein und aus, um den Kindern schon im Schulalter die Resilienz-Reflexe näher zu bringen.

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