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Persönlichkeit Seelische Kraft gegen die Krise

2009 steht ganz im Zeichen der Krisen: unternehmerischer wie persönlicher. Doch das ist auch eine Chance, denn Krisen härten ab und fördern die Widerstandskraft – jene wenig erforschte seelische Kraft, die im Menschen wie ein Stoßdämpfer gegen Schicksalsschläge wirkt.

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Stolpern... Quelle: Christoph Niemann

Zuerst ein Dutzend Schnecken, dann ein zartes Bœuf Bourguignon, gefolgt von Rindfleisch in Gelee, obendrein noch eine Portion Sauerkraut mit Speck und dazu einen Gewürztraminer; als Dessert ein saftiger Aprikosenkuchen. So sehen die lukullischen Tagträume eines Halbverhungerten aus, der zu 99,8 Prozent gelähmt ist und trotz künstlicher Ernährung in 20 Wochen 30 Kilo abgenommen hat. Von wegen Festessen! Der Journalist Jean-Dominique Bauby ist ungeachtet seiner Totallähmung geistig hellwach und luzide genug, um zu wissen, dass er nie wieder einen Bissen kauen wird, geschweige denn schlucken oder schmecken.

1995 erkrankte der ehemalige Chefredakteur der Pariser Frauenzeitschrift „Elle“ am höchst seltenen Locked-In-Syndrom (LIS). Seitdem kann er weder essen, sprechen noch sich bewegen. Allenfalls mit dem linken Augenlid kann er bewusst blinzeln. Dass wir dennoch von seinen imaginären Tafelfreuden wissen, liegt daran, dass Bauby seine Erfahrungen mit geradezu sublimer Willenskraft in einem Buch festgehalten hat. Wie aber verfasst man ein Buch, wenn man, so Baubys Umschreibung seines Zustands, „bei vollem Bewusstsein auf ein Quallendasein herabgemindert“ ist? Unmöglich? Nicht, solange man noch blinzeln kann.

Das „Diktat“ war schier übermenschlich mühsam: Für jeden einzelnen Buchstaben, den der Patient zu Papier bringen wollte, musste seine Logopädin das Alphabet aufsagen. Wenn sie an der richtigen Stelle angelangt war, schickte ihr Bauby ein Augenblinzeln, und sie schrieb die betreffende Letter auf. Diese Prozedur wiederholte sich über die Monate ungefähr 180.000-mal, bis der Welt einziges geblinzeltes Buch endlich vollendet war – voller Poesie, Lebensfreude und philosophischer Einsichten. Der Titel der Memoiren, die 2007 vom Amerikaner Julian Schnabel kongenial verfilmt wurden: „Schmetterling und Taucherglocke.“

Durch Krise über sich selbst hinauswachsen

Die wunderbare Kraft, die den todkranken Autor – er starb 1997 wenige Tage nach der Veröffentlichung seines Buches – im besten Wortsinn schöpferisch mit seinem Schicksal umgehen ließ, nennen die Psychologen: Resilienz. Seit Anfang der Neunzigerjahre macht der sperrig klingende Fachterminus in der Verhaltensforschung Furore. Das Wort, vom lateinischen resilio (abprallen, zurückspringen) abgeleitet, kommt aus der Physik und bezeichnet in der Materialforschung hochelastische Werkstoffe, die nach jeder Verformung ihre ursprüngliche Form wieder annehmen.

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    Die Verhaltensforscher haben den Begriff schließlich auf den Menschen übertragen: Resilient ist, wer die seelische Kraft aufbringt, sich von Stress, Krisen und Schicksalsschlägen nicht charakterlich verbiegen zu lassen, sondern das Beste aus dem Unglück zu machen, daraus zu lernen und durch die Leiderfahrung über sich selbst hinauszuwachsen. Eine Eigenschaft, die gerade in diesem schicksalhaften Jahr erforderlicher ist denn je.

    Früher hätte man einfach von Abhärtung gesprochen – „Was mich nicht umbringt, das macht mich stärker“, sagte Friedrich Nietzsche –, oder man hätte den berühmten Stehaufmännchen-Effekt zur Erklärung herangezogen. Doch die Metapher vom Stehaufmännchen verleitet allzu leicht zum Trugschluss der Unverletzlichkeit: Einmal kurz auf die Nase fallen und dann flugs wieder aufstehen. Das war’s. Nein, das kann es nicht gewesen sein – zu schön, um wahr zu sein.

    Niemand ist immun gegen das Unglück. Schwere Krankheit, ein Autounfall, der Tod des Partners oder eines Kindes, der Verlust des eigenen Arbeitsplatzes oder der Zusammenbruch eines in Jahrzehnten aufgebauten Firmenimperiums wie im Falle des schwäbischen Unternehmers Adolf Merckle können auch den Stärksten niederschmettern. Solche Schläge müssen emotional verarbeitet werden, und der Fall Merckle dokumentiert, dass dies nicht immer gelingt. „Das Leben ist eine Gratwanderung zwischen allen Formen der Verletzlichkeit“, sagt der französische Neuropsychiater Boris Cyrulnik, der seit vielen Jahren auf diesem Gebiet forscht und mehrere Bücher über Resilienz verfasst hat. Oder, wie der an der Universität Jena lehrende Soziologe Bruno Hildenbrand sagt: „Die Krise ist im menschlichen Leben nicht die Ausnahme, sondern eher der Normalfall.“ Resilientes Verhalten zeigt der Mensch also nicht trotz widriger Umstände, sondern gerade wegen dieser.

    Scherbenhaufen... Quelle: Christoph Niemann

    Und er wächst an seinen Krisen, vor allem, wenn er willens ist, aus ihnen zu lernen. Eine Lebensphase, die auch der Däne Morten Lund gerade zu gut kennt. Das Internet-Telefonieprogramm Skype machte den Mitbegründer zum Multimillionär. Jetzt, keine vier Jahre später, muss Lund beim Kopenhagener Handelsgericht private Insolvenz anmelden. Er hatte in rund 80 Firmen investiert – und dabei alle seine Millionen verzockt. „Es ist so, als ob man Superman seinen Anzug gestohlen hat. Ich fühle mich durchgeschüttelt und möchte nicht darüber reden“, gestand er der dänischen Finanzzeitung „Finans“. Um seinen Humor offenbar nicht beraubt, sagte er dennoch, dass er „mit voller Kraft zurückkommen“ werde, zuvor aber „erst mal den Anzug zur Wäscherei bringen“ wolle.

    Gerade weil der Mensch so voller Verletzlichkeiten steckt, ist das Unglück ein fester Bestandteil der menschlichen Kondition. „Die Idee des Glücks ist eine späte kulturelle Errungenschaft“, sagt Cyrulnik, „viele Jahrtausende bestand kein Zweifel daran, dass das Glück nicht auf Erden wohnte.“ Der Forscher spricht, was Unglück angeht, aus eigener Erfahrung. Als kleiner Junge verlor der Sohn eines ukrainischen Rabbiners die gesamte Familie im Konzentrationslager und wuchs elternlos auf: „Unerträgliches Leid war zu jeder Zeit in Mode, und jede Kultur hat ihm eine andere Gestalt gegeben.“ Mal war es der von allen nur denkbaren Unglücken geschlagene alttestamentarische Dulder Hiob, dann wieder der ewig felsenschleppende prototypische Büßer Sisyphos, der von Zeus an den Berg gekettete Feuerbringer Prometheus oder der gekreuzigte Jesus in den Evangelien.

    Leiden gehört einfach dazu

    Zu allen Zeiten versuchte die Philosophie aber auch, den Menschen durch Selbsterkenntnis zum souveränen Umgang mit Leid und Krisen zu erziehen. So betrachtet war zum Beispiel die antike philosophische Schule der Stoa eine einzige Suche nach Resilienzfaktoren. Inwiefern das, was die römischen Stoiker lehrten, wirklich mit Resilienz zu tun hatte, bleibt aber dahingestellt. Gewiss ging es den großen Gelassenheits-Lehrern von Epiktet über Seneca bis Marc Aurel immer um den rechten Umgang mit dem Leiden und die Suche nach dem Seelenfrieden. Aber die stoische Ethik wurde oft auch dafür kritisiert, dass sie – ähnlich wie der Buddhismus – das Gefühlsleben im Menschen um den Preis der Selbstverleugnung abtötet, dass sie nur die reine Verstandeshaltung trainiert und letztlich in Gleichgültigkeit, also Indolenz, münden kann – ein Weg, den die heutige Psychiatrie für pathologisch bedenklich hält.

    So machte sich etwa der Philosophen-Kaiser Marc Aurel bei all seiner Eisigkeit mit übertriebenem Stoizismus zum Gespött der Römer: Die Liebhaber seiner notorisch untreuen Frau Annia Galeria Faustina überhäufte der Kaiser regelmäßig mit Geschenken – angeblich als „Belohnung“ dafür, dass sie ihm „die Bürde der ehelichen Verpflichtungen“ abnahmen.

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      Wahre Lebenskunst kann nicht darin liegen, das Leid zu verleugnen, die Schmerzgefühle zu unterdrücken. Leiden gehört einfach dazu. Die Pariser Neuropsychologen Henry Hécaen und Julian de Ajuriaguerra stellten vor einigen Jahren im Rahmen einer breit angelegten klinischen Untersuchung sogar fest, dass „die gänzliche Abwesenheit von Leiden bei einem Menschen als Indikator für einen pathologischen Zustand“ zu werten sei. Grob vereinfacht: Wer gar nie leidet, der hat sie nicht alle.

      Neuen Mut schöpfen... Quelle: Christoph Niemann

      Die Resilienz-Forscher raten denn auch zu einem weisen Mittelweg: Am besten leben wir, indem wir uns zwar vor zerstörerischen Traumata hüten, gleichzeitig aber vermeiden, uns allzu sehr vor ihnen zu schützen.

      Wie resilient ein Mensch ist, bemisst sich eben daran, wie souverän er mit der Krise emotional umgeht, ob er an der Leiderfahrung wächst und vor allem, ob er für künftige Schicksalsschläge etwas dazulernt. Der amerikanische Psychotherapeut und Bestsellerautor H.N. Wright erläutert das an einem sportlichen Beispiel: Kein Boxer lässt sich gern auszählen, wenn er zu Boden geht. Solange er nicht k.o. ist, reißt er sich – ob resilient oder nicht – zusammen und kämpft weiter. Aber der resiliente Boxer denkt, ganz à la Rocky Balboa, in den Sekunden am Boden über seine Fehler nach und wechselt beim Aufstehen sofort seine Taktik. „Der nicht resiliente Typus“, behauptet Wright, „boxt danach genau so weiter wie vorher, lässt sich noch ein paarmal bis zum endgültigen Knock-out niederschlagen und hadert am Ende als Verlierer ewig mit dem Schicksal.“

      Wie ist es aber zu erklären, dass manche Menschen resilienter sind als andere? Seit Anfang der Neunzigerjahre geht die Verhaltensforschung der Frage nach, warum die einen Zeitgenossen schon von relativ banalen Widrigkeiten aus der Bahn geworfen und traumatisiert werden, während andere Stress und Krisen scheinbar locker wegstecken und an den Belastungen sogar wachsen. Gibt es möglicherweise ein Resilienz-Gen, mit dem die einen ausgestattet sind, die anderen nicht?

      Resilienz-Bewusstsein ist in den USA ausgeprägt

      Mehr oder weniger stark ist die Resilienz schon im Menschen angelegt. „Metaphorisch gesprochen mag der Mensch ja ein Resilienz-Gen haben“, sagt Hildenbrand, „aber die beste Anlage nützt nichts, wenn die sozialen Kontakte zu ihrer Förderung fehlen.“ Denn zu den Hauptvoraussetzungen für Resilienz gehören nach übereinstimmendem Urteil aller Forscher unbedingt Kommunikationsfreudigkeit und ein stützendes soziales Umfeld, also stabile Familienbeziehungen und ein lebendiger Freundeskreis, mit denen gemeinsam nach Problemlösungen gesucht werden kann. Wer Lebenskrisen im Alleingang zu bewältigen versucht, ist fast immer zum Scheitern verurteilt.

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        Wie stark die Widerstandsfähigkeit eines Menschen ist, zeigt sich überdies sowieso erst im Ernstfall. Krisenbewältigung lernt man in der Krise, so wie man Fahrradfahren auf dem Rad lernt. Und man kann sich dabei sehr weh tun. „Um Resilienz zu beweisen, müssen wir erst einmal verwundet, verletzt, traumatisiert, zerrissen und zerbrochen sein“, stellt Cyrulnik fest. Nur: Wer will das schon?

        Exakt diese emotionale Achterbahnstrecke brachte jedoch der Unternehmer Joachim Schoss vor einigen Jahren nach einem schweren Unfall hinter sich. Als sein bisheriges Leben auf einen Schlag in Scherben zerbarst und er mit nur noch einem Arm und einem Bein im Rollstuhl saß, suchte der Mitbegründer des erfolgreichen Internet-Portals Scout24 im Netz nach Informationen zum Leben mit Behinderungen – und fand so gut wie nichts. Sein nächster Schritt war die Gründung der Stiftung MyHandicap, die heute unter der Schirmherrschaft des amerikanischen Ex-Präsidenten Bill Clinton auf internationalen Portalen wie myhandicap.com alle relevanten Informationen und Hilfsangebote für Behinderte anbietet. So kann aus einem Behindertenschicksal eine Behindertenhilfe erwachsen. Kreativer könnte man mit dem Unglück kaum umgehen.

        Dass ausgerechnet ein ehemaliger US-Präsident als Schirmherr von myhandicap.com fungiert, ist kein Zufall. In der amerikanischen Öffentlichkeit ist das Resilienz-Bewusstsein – nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen des 11. Septembers 2001 und der daraus folgenden Traumaforschung – deutlich stärker ausgeprägt. Während im alten Europa vorzugsweise bei Familientherapeuten-Symposien oder in evangelischen Frauenkränzchen über Resilienz diskutiert wird, betreibt die American Psychological Association (Apa) schon seit 2002 eine aktive öffentliche Aufklärungskampagne. Der vom Psychologenverband produzierte Film „The Road to Resilience“ wurde auf zahlreichen US-Fernsehkanälen ausgestrahlt. Und seit sechs Jahren gehen die Apa-Psychologen regelmäßig in Amerikas Highschools ein und aus, um den Kindern schon im Schulalter die Resilienz-Reflexe näher zu bringen.

        Gestärkt aus der Krise hervorgehen Quelle: Christoph Niemann

        Da steht dann etwa der Apa-Psychologe Ron Palomares vor einer Schulklasse und erklärt den Elfjährigen: „Resilienz ist wie ein Muskel, der von Natur aus schwach oder stark sein kann. Aber je mehr wir den Muskel trainieren, desto stärker wird er.“ Derweil legt sein Verbandskollege, der Psychologe Russ Newman, nach: „Resilienz ist keine übernatürliche Gabe. Sie beruht größtenteils auf Verhaltensmustern, die man sich antrainieren kann.“

        Fürs Resilienz-Coaching der Erwachsenen wiederum sorgen in den USA längst hoch spezialisierte Institutionen wie etwa das vom Psychologen, Ex-Fallschirmjäger und Pentagonberater Al Siebert gegründete Resiliency Center in Portland, Oregon (resiliencycenter.com). Auch der Psychologe und Stressforscher Salvatore Maddi von der Universität von Kalifornien in Irvine, bekannt geworden durch eine Langzeit-Resilienz-Studie an 400 entlassenen Mitarbeitern der Bell-Telefongesellschaft in Chicago, hat inzwischen sein eigenes Resilienz-Zentrum, das Hardiness Institute (hardinessinstitute.com), eröffnet. Beide Institute leben gut vom Coaching für Manager, Organisationen, Studenten und Privatleute.

        In Deutschland beschreitet vielleicht noch der Management-Coach Boris Grundl einen ähnlichen Weg. Zumindest hat auch er seine Schicksalslektion in frühen Lebensjahren gelernt. Mit nur 25 Jahren brach er sich bei einem gewagten Klippensprung ins Wasser während eines Mexiko-Urlaubs die Wirbelsäule. Seither ist er querschnittsgelähmt.

        Selbstaufbau ist anstrengender, als auf fremde Hilfe zu warten

        Doch anstatt sich in die Opferrolle zu flüchten, beschloss er, sein Leben trotz des Handicaps in die Hand zu nehmen: Als erster Rollstuhl-Student machte er sein Diplom an der Kölner Sporthochschule, legte sodann eine Blitzkarriere als Marketing- und Vertriebsdirektor in einem europäischen Großkonzern hin und ist heute gefragter Managementtrainer, Buchautor sowie Chef seiner eigenen Grundl Leadership Akademie. Wo die Wissenschaftler über die didaktischen Wirkungen von Krisen und Katastrophen im Leben akademisch fein ziseliert dozieren, drückt es Coach Grundl unverblümt aus: „Der Mensch“, zitiert er den Xavier-Naidoo-Song, „lernt nur, wenn er Scheiße frisst.“

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          Gewiss, resilient zu werden, erfordert einen Kraftakt: Nach dem Unglück auch noch tapfer den Scherbenhaufen aufzulesen und das Beste aus der neuen Situation zu machen ist anstrengender, als auf fremde Hilfe zu warten. Aber die Mühe zahlt sich aus: Selber leben verschafft viel mehr Genugtuung als gelebt zu werden.

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