Philosoph Jürgen Werner „Dann stehen wir vor uns selber“

Der Philosoph und Managerberater Jürgen Werner erklärt, warum Langeweile eine befreiende Erfahrung ist.

Herr Werner, Langeweile wurde lange Zeit diffamiert, als Schwäche, als persönlicher Makel, als Unfähigkeit, etwas mit sich anzufangen. Erst in jüngster Zeit entdecken Wissenschaftler Langeweile als Produktivfaktor, als Einfallstor für neue Ideen. Eine längst überfällige Rehabilitierung?
Da habe ich Zweifel, denn in dieser Umwertung setzt sich im Grunde die Diffamierung der Langeweile fort – unter umgekehrtem Vorzeichen.

Was meinen Sie damit?
Sie wird instrumentalisiert, um andere Ziele zu erreichen, zum Beispiel höhere Produktivität, größere Effizienz, stärkere Leistung. Man will also Nutzen aus ihr ziehen. Und diese Instrumentalisierung tut der Langeweile überhaupt nicht gut, weil man sie so nur als Vorstufe zu etwas anderem versteht. Dabei käme es bei Langeweile-Erfahrungen doch gerade darauf an, sich in Formen des Zeiterlebens hinein zu begeben, in denen spürbar wird, was das Leben als Ganzes ausmacht: seine Zielunbestimmtheit. Nicht: Ziellosigkeit, wohlgemerkt. Dann erreichte man möglicherweise jene Langeweile, die all diese von Ihnen genannten schönen Effekte en passant mit sich führt. Aber das kann nicht die eigentliche Absicht sein.

Warum nicht?
Weil Langeweile eine Stimmung eigenen Rechts ist, eine Qualität für sich, und kein Mittel, um andere Qualitäten herzustellen. Letztlich geht es um die Befreiung von der Bedrängnis der Zeit – das ist Langeweile.

Jürgen Werner, Jahrgang 1956, berät Manager, lehrt Philosophie und Rhetorik an der Universität Witten/Herdecke und gibt von Zeit zu Zeit Exerzitien zu Themen wie der Erneuerung und Strategie von Unternehmen. Zuletzt ist sein Buch „Tagesrationen. Ein Alphabet des Lebens“ im Verlag tertium datur erschienen. Auf seiner Website  https://juergen-werner.com/notizen erscheinen täglich „Notizen“. Foto: Abe Frajndlich Quelle: PR

Aber Langeweile ist doch gerade dadurch gekennzeichnet, dass die Zeit in ihr aufdringlich wird, dass sie nicht vergehen will, weshalb wir sie vertreiben wollen.
Das gibt es, ja, und auch ich bin gegen diese Art der Langeweile keineswegs resistent. Denken wir an eine längere Zugfahrt. Man will sein iPad aus dem Rucksack holen, um zu arbeiten, und stellt fest: Ich hab’ es zu Hause liegen lassen. Verflixt! Wie bringe ich nur die nächsten fünf Stunden rum? Vermutlich hole ich ein Buch hervor und fange an zu lesen. Oder schreibe mir Stichworte auf zu einem Thema, das ich vorbereiten muss. Das ist die Langeweile, die Zeit, die wir zu vertreiben versuchen. 

In der Langeweile greifen wir zu Ersatzaktivitäten?
Ja, man kann unsere ganze Kultur so verstehen: als ein System von Langeweile-Vertreibungsstrategien. Stellen wir uns frühe, prähistorische Menschen vor, die Höhlen als ihren neuen Lebensraum entdeckt haben: Die einen gehen hinaus, um zu jagen, die anderen, die Alten, die Frauen, die Kinder, bleiben zurück. Was tun sie, wenn der Tag lang wird? Sie malen die Wände voll: die Entdeckung der Malerei. Sie erzählen sich Geschichten, die ihnen zugetragen wurden, und spinnen sie weiter: die Entdeckung der Literatur. Sie schnitzen Werkzeuge aus Holz und Knochen: die Entdeckung des Handwerks. All das entsteht aus der Langeweile ­- damit man nicht sprachlos zusammenhockt, sondern etwas zu tun hat.

Sehen Sie: Langeweile als Produktivkraft.
Schon, aber das sind immer Interpretationen im Nachhinein. Es wird der Langeweile ein Sinn, eine Bedeutung zugeschrieben, die sie aus sich selbst gar nicht hat. Wenn wir die Langeweile im guten Sinne wiedergewinnen wollen, müssen wir sie von solchen Funktionen befreien. Das ist die Anstrengung, um die es geht. Und deshalb ist ein Exerzitium als eine Form der Einübung, mit der man erstmal zu kämpfen hat, so wichtig. Denn Langeweile steht einem ja nicht einfach zur Verfügung,. Man gewinnt sie nur dann als Lebenszeit wieder, wenn man sie nicht loswerden will, wenn man sich ihr aussetzt.

Worauf kommt es dabei vor allem an?
Als erstes kommt es darauf an, dem Lassen einen höheren Wert zuzumessen als dem Tun. Weil das, was zu erreichen wäre, über das Tun am Ende nicht zu erreichen ist. Das heißt, wir stoßen in der Langeweile an die Grenzen unseres Handelns, wir geben ihr gerade durch das Nicht-Tun die Gelegenheit, sich einzustellen. Deshalb meine ich: Wir können sie nicht erzwingen, sie ist das Nicht-Intentionale schlechthin.

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