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Philosoph Wilhelm Schmidt „Das hat mit Schenken nicht mehr viel zu tun – das ist Kalkulation“

An Weihnachten herrscht ein materieller Wettbewerb. Quelle: imago images

Der Countdown läuft. In wenigen Stunden startet das Weihnachtsfest – und die lang ersehnte Bescherung. Doch warum schenken wir überhaupt? Das weiß der Philosoph Wilhelm Schmidt.

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WirtschaftsWoche: Warum gibt es Weihnachtsgeschenke?
Wilhelm Schmid: Weil es Beziehungen zwischen den Menschen gibt. Wenn ein Mensch keine Geschenke bekommen würde – keine materiellen und auch keine Liebe und Freundschaft – kann er nicht leben. Geschenke sind einfach zum Leben zwingend notwendig. Zwar kann es diese auch an jedem beliebigen anderen Tag geben, aber es hat sich die Tradition an Weihnachten entwickelt. So wie auch Weihnachten selbst ja einen Gedanken aufnimmt, der viel älter als das Christentum ist.

Welchen denn?
Weihnachten ist entstanden, weil kurz vorher die Sonnenwende stattfindet. Schon vor 2500 Jahren wurde das groß gefeiert. Das Christentum hat die Tradition übernommen. 

Der Philosoph Wilhelm Schmid hat sich mit dem Thema Weihnachtsgeschenke beschäftigt. Quelle: Wilhelm Schmid

Wie hat sich die Bedeutung der Geschenke entwickelt?
Schenken ist dazu da, Beziehungen zu begründen oder zu bestärken. Heute wird daraus jedoch häufig ein materieller Wettbewerb gemacht. Das hat mit Schenken nicht mehr viel zu tun – das ist Kalkulation. Einer schenkt dem anderen eine Uhr, der recherchiert den Preis und fühlt sich genötigt, etwas Gleichwertiges zurück zu geben. Der Sinn des Schenkens ist heute oft nur, dem anderen zu zeigen, wer mehr Geld hat.

Ist ein gutes Geschenk denn vom Preis abhängig?
Nein. Es soll dem Beschenkten Freude machen. Weil das aber schwierig ist, entscheiden sich viele für ein materiell wertvolles Geschenk, um darüber ihre Wertschätzung auszudrücken. Zwar funktioniert es in manchen Fällen, die Beziehung zu kaufen – aber es ist eine ganz gefährliche Basis. Die Beziehung zerbricht direkt, wenn kein materielles Geschenk mehr herüberwächst. Außerdem sollten Nötigungsgeschenke vermieden werden. Den Eltern oder Großeltern einen Hund zu schenken, obwohl sie keinen haben wollen, ist der größte Fehler, den man machen kann.

Wie groß sind denn die Erwartungen der Beschenkten?
Die Erwartungen sind heute viel zu hoch – höher geht es gar nicht mehr. Menschen erwarten, dass das Leben immer gelingt und sie permanent glücklich sind. So ist es auch bei den Geschenken. Corona hat uns erst gezeigt, dass die Vorstellung völliger Unsinn ist. Auch an Weihnachten ist das Leben nicht perfekt.

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Wie sollte man denn dann mit Geschenken umgehen?
Materielle Geschenke austauschen ist uns zwar wichtig, aber genauso wichtig ist es, einfach zusammenzusitzen und sich über Kleinigkeiten zu freuen. Gutes Essen, gutes Trinken – den Abend zusammen zu verbringen. Das ist ein viel größeres Geschenk. Geschenke wird es geben, solange es Menschheit gibt.

Mehr zum Thema: Wer nicht immer Schals, Bücher oder Elektrogeräte für seine Liebsten unter den Weihnachtsbaum legen möchte, könnte auch eine Spende verschenken. Wie das geht und was es bringt.

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