Philosophie des Schlagers Die Seelenklempnerin der Nation

Warum konnte ausgerechnet eine Schlagersängerin zum allseits umjubelten Star aufsteigen? Ihr Erfolg lässt sich auf einen großen Therapiebedarf der Gesellschaft zurückführen.

Helene Fischer Quelle: dpa

Schlager üben eine therapeutische Funktion aus. Sie bringen seelische Probleme zur Sprache und bieten auch Lösungen an. Dabei sprechen sie direkt Gefühle an. So haben sie Zugang zu unserem Inneren. Auf einen großen Therapiebedarf der heutigen Gesellschaft lässt es sich zurückführen, dass ausgerechnet eine Schlagersängerin der Star der Stunde ist.

Helene Fischer tritt gleichsam als Seelenklempnerin der Nation auf. Im Song „Fehlerfrei“ heißt es: „Verplant und verpeilt, daneben gestylt, so komm ich mir manchmal vor. Unverhofft und gehemmt, das Zeitgefühl klemmt, mit mir selbst nicht ganz d’accord. Ich will mich beweisen und droh’ zu entgleisen, mit Vollgas gegen die Wand. Katastrophal.“

Das ist genau die heutige Seelenlage vieler Deutscher. Viele haben Angst, einen Fehler zu machen. Sie sind gehemmt, haben ständig das Gefühl, eine falsche Entscheidung, eine falsche Wahl getroffen zu haben. Sie befinden sich in einem Dauerzwist mit sich selbst.

Heute führt man einen Krieg mit sich selbst. Man beutet sich selbst aus, bis man zusammenbricht. Man optimiert sich zu Tode. Viele sind durch widersprüchliche Erwartungen und Ansprüche überfordert. Sie hassen sich selbst für ihre eigene Unzulänglichkeit.

Hochgeschunkelt: Das Fischer-Imperium in Fakten

In ihren Songs bietet Helene Fischer Therapieformeln an

Dabei will niemand den anderen Schwäche zeigen. Die Depression ist deshalb immer noch tabuisiert, weil sie als Schwäche wahrgenommen wird. Auch die Angst, Fehler zu machen, ist allgegenwärtig. All diese seelischen Probleme spricht der Song „Fehlerfrei“ an. In ihren Songs bietet Helene Fischer auch Therapieformeln an. Tröstend wirkt, wenn Helene Fischer singt: „Keiner ist fehlerfrei. Sei’s doch wie es sei! Lasst uns versprechen, auf Biegen und Brechen, wir feiern die Schwächen!“

In dem Song „So kann das Leben sein“ wird aus „Vollgas gegen die Wand“ „Vollgas in den Himmel“. Therapiert! Ihre Songs wirken offenbar Wunder wie Antidepressiva: „Alles, was ich will, ist da, große Freiheit pur, ganz nah. Nein, wir wollen hier nicht weg, alles ist perfekt“, so heißt es in „Atemlos“. Beschwörung als Therapie? „Atemlos“ als Stimulans in der Müdigkeitsgesellschaft?

Schlager eignen sich nicht für eine wirkliche Therapie

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Für eine wirkliche Therapie sind aber Schlager nicht geeignet. Sie wirken anästhesierend. Sie betäuben die Seele. Sie stabilisieren das System, das sich immer schneller drehende Hamsterrad, indem sie es unterhalten. Darin besteht die doppelte Bedeutung der Unterhaltung. Healing is Killing.

Wir machen weiter so, wir setzen das Vorherrschende fort unter dem schönen Schein der Alternativlosigkeit, bis wir zusammenbrechen. Helene Fischer erinnert an den Hype um Julia Engelmann. Julia Engelmann spricht auch die Generation Mutlos an und fordert sie auf, wieder zu träumen, sich wieder der Leidenschaft hinzugeben, die Angst abzulegen, wieder zu riskieren, Fehler zu machen.

„Lass uns möglichst viele Fehler machen“, so heißt es in ihrem Gedicht. Es gibt eine fast wörtliche Übereinstimmung zwischen Fischer und Engelmann. „Lass uns nachts lange wach bleiben, aufs höchste Hausdach der Stadt steigen, lachend und vom Takt frei die allertollsten Lieder singen.“

In „Atemlos“ singt Helene Fischer: „Komm, wir steigen auf das höchste Dach dieser Welt.“ Diese Euphorie wirkt aber nicht lange. Die Beschwörung des Glücks und der Freiheit allein therapiert weder unsere Seele noch unsere Gesellschaft.

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