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Pokémon Go Wir sind eine Gesellschaft der großen Kinder

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Erwachsensein ist anstrengend

Und sie tun das ja nicht nur, indem sie Pokémons jagen. Die Verkindlichung ist auch ein politisches Phänomen. Es spricht, wie der Philosoph Peter Sloterdijk im aktuellen "Handelsblatt" schreibt,  „einiges dafür, dass demnächst Parteienforscher mit Kinderpsychologen einen gemeinsamen Studiengang gründen.“

Der Zeitdiagnostiker mit dem Hang zu metaphorisch ausgedrechselten Sätzen sieht den Erfolg von Populisten, Berlusconi und Sarkozy als Ergebnis der „Neigung von Wählermassen in Demokratien, sich in die Bedürfnisse von unernsten Politikern einzufühlen, die zu ihrer Selbstverwirklichung ein Riesenspielzeug wie eine Nation brauchen.“

Kindheit – das bedeutet die Sicherheit, zu wissen, was gut und was böse ist. Nämlich das, was Mutter und Vater gut heißen oder verbieten. Kind sein heißt nicht mündig sein. Erwachsenwerden, also der Erwerb von Mündigkeit, ist der Verlust dieser Sicherheit. Das ist ein Prozess, der im Gegensatz zur körperlichen Reifung den freien Willen des Individuums voraussetzt. Erwachsenwerden ist kein Selbstläufer, sondern harte, schmerzhafte Arbeit. Die Weltliteratur ist voller Zeugnisse davon: Parzival, Wilhelm Meister, Demian – die müssen alle leiden an sich und der Welt, bis sie erwachsene Menschen sind.

Man kann die Aufklärung und die neuere Geschichte Europas als einen kollektiven Prozess des Erwachsenwerdens verstehen. „Aufklärung“, so Kant in seinem wohl berühmtesten  Satz, „ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Selbstverschuldet. Ja, aber die politischen Rahmenbedingungen spielen dabei eine gewaltige Nebenrolle.

Wer von Mündigkeit und Aufklärung spricht, rührt damit stets auch an Fragen der Macht. Kinder und unmündige Menschen lassen sich leichter beherrschen als aufgeklärte, erwachsene Menschen. Wer herrschen will, hat ein Interesse daran, seine Beherrschten offen – oder noch raffinierter: verdeckt – zu Kindern zu erklären. In den monarchischen Staaten der Vergangenheit sprach man nicht zufällig von „Landeskindern“, die einem „Landesvater“, in der Regel eben dem Monarchen, fürsorglich anvertraut waren.

Mit solchen Reden ist heute, 223 Jahre nachdem die aufmüpfigen französischen Landeskinder ihren Vater, den König, geköpft haben, keine Macht mehr zu legitimieren. Das heißt aber nicht, dass der Kantsche Mut, "sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“, seither nicht mehr notwendig wäre. Kindliche Gemüter sind auch in postmodernen Gesellschaften leicht zu beherrschen.

Und daher sind die infantilen Unmündigen, wie Sloterdijk feststellt, der Hauptadressat der postdemokratischen Praxis der „asymmetrischen Demobilisierung“: Der Regierende, der nicht will, dass sich der wahlberechtigte Bürger über Alternativen zu seiner Regierungspraxis allzu viele Gedanken macht, wird sich über dessen Kindliches Desinteresse nicht beschweren.

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