Politik als Beruf Was die neuen Minister in der freien Wirtschaft wären

Die beiden Damen rechts sind Bundespolitikneulinge: Franziska Giffey (2. v. r.) aus Berlin und Svenja Schulz (r.) aus Nordrhein-Westfalen.

Das vierte Regierungskabinett von Kanzlerin Angela Merkel ist in Teilen verjüngt. Auf der Regierungsbank wird man künftig einige neue Gesichter sehen. Ein Headhunter hat ihre Qualifikationen geprüft.

Die vierte Regierungsmannschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel steht: Nach CDU und CSU hat auch die SPD vergangene Woche ihre Ministerkandidaten bekanntgegeben. Unter den 15 künftigen Kabinettsmitgliedern erhalten neun erstmals ein Ministeramt. Doch was qualifiziert sie für ihre neuen Posten? Und wo könnte reine Proporzerfüllung dahinterstecken? Der Frankfurter Personalberater Heiner Fischer hat sich die Lebensläufe der Neulinge angesehen.

Jens Spahn, Gesundheit

Qualifikation
„Vom politischen Werdegang her passt das Ministeramt gut zu Jens Spahn“, findet Heiner Fischer. Spahn hat Bankkaufmann gelernt, war in einer Immobilienbank tätig und studierte dann Politikwissenschaften. Allerdings ist er seit 2005 mit dem Thema Gesundheit im Bundestag betraut und sitzt im Gesundheitsausschuss. „Da ist schon eine relativ lange Erfahrung da“, urteilt Fischer. Insgesamt stellt er eine durchaus hohe Überschneidung zwischen Spahns Qualifikationen und seinem Ministeramt fest.
Führungsqualitäten
Führungserfahrung hat der 37-Jährige allerdings kaum. Als parlamentarischer Staatssekretär von Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte er in der vergangenen Legislaturperiode zwar einen wichtigen Posten, aber keine Führungsaufgabe. Fischer meint, es sei im Moment schwer einzuschätzen, ob Spahn als Ressortchef eines der größten Ministerien mit einem großen Budget zur Führungspersönlichkeit reift. „In Punkto Durchsetzungsfähigkeit muss man also sehen, wie er sich entwickelt. Er ist ja noch jung.“
Jobchancen in der freien Wirtschaft
„Für Spahn käme ein Posten in der Pharmaindustrie infrage, als Lobbyist zum Beispiel“, findet Heiner Fischer. „Ansonsten könnte er bei einem der privaten Krankenhauskonzerne oder bei einer Krankenkasse arbeiten.“

Das Kabinett im WiWo-Check
Angela Merkel Quelle: dpa
Helge Braun Quelle: dpa
Olaf Scholz Quelle: dpa
Peter Altmaier Quelle: dpa
Heiko Maas Quelle: dpa
Ursula von der Leyen Quelle: dpa
Hubertus Heil Quelle: dpa
Jens Spahn Quelle: dpa
Andreas Scheuer Quelle: dpa
Svenja Schulze Quelle: dpa
Anja Karliczek Quelle: dpa
Horst Seehofer Quelle: dpa
Katarina Barley Quelle: dpa
Franziska Giffey Quelle: dpa
Julia Klöckner Quelle: REUTERS
Gerd Müller Quelle: dpa

Julia Klöckner, Landwirtschaft

Qualifikation
„Es gefällt mir sehr gut, wie hier Ausbildung und Background mit dem Amt zusammenpassen“, lobt Headhunter Fischer. Klöckner habe aufgrund ihrer Herkunft aus einer pfälzischen Winzerfamilie einen direkten Bezug zur Landwirtschaft. „Sie hat ihre Abschlussarbeit zu einem agrarpolitischen Thema geschrieben, hat aber auch viel Berufserfahrung, z.B. als Chefredakteurin eines Fachmagazins.“

Führungsqualitäten
„Ihre Führungsqualitäten stehen außer Frage – schließlich ist Julia Klöckner seit acht Jahren CDU-Landesvorsitzende in Rheinland-Pfalz. Und trotzdem ist sie keine reine Berufspolitikerin“, hebt Fischer hervor.
Jobchancen in der freien Wirtschaft
Müsste Klöckner sich außerhalb der Politik einen Job suchen, hätte sie vermutlich keine Probleme. Sie könnte auf ihre Erfahrung als Grundschullehrerin (katholische Religion), vor allem aber als Journalistin zurückgreifen. „Ihre Stärken liegen sicherlich bei Marketing, Vertrieb und Unternehmensführung“, sagt Fischer.

Anja Karliczek, Bildung

Qualifikation
Der Personalberater ist bei der weitgehend unbekannten Münsteranerin ratlos. „Insgesamt sieht ihr Lebenslauf sehr gut aus: Sie hat etwas Gescheites gelernt, nämlich Bankkauffrau und Hotelfachfrau, und hat Erfahrung in der freien Wirtschaft. On Top hat sie ein BWL-Studium. Also erstmal sehr rund“, sagt Fischer. Das große Aber: „Was ihren neuen Posten als Ministerin angeht, fehlt mir der bisherige Bezug zur Bildungspolitik.“ Bildungspolitik sei ein extrem detailreiches Ressort mit einer Unmenge an Unterbereichen. Über die Gründe der Berufung der Kommunalpolitikerin könne man nur mutmaßen – womöglich spiele eine Rolle, dass sie weiblich und mit 46 Jahren relativ jung sei und aus Nordrhein-Westfalen stamme.
Jobchancen in der freien Wirtschaft
„Sie hat wenig praktische Erfahrung, aber eine solide Ausbildung in der Hotelbranche und hat dort auch eine Zeitlang gearbeitet. Da würde ich sie auch weiterhin sehen. Eine andere Möglichkeit wäre z.B. Verbandsarbeit im Tourismusumfeld", sagt Fischer.

Helge Braun, Kanzleramt, besondere Aufgaben

Qualifikation
„Braun ist Humanmediziner, hat promoviert - aber ein Blick in seinen Lebenslauf zeigt, dass er noch nie etwas anderes gemacht hat als Politik“, erklärt Heiner Fischer. Als Arzt habe er dennoch eine andere Lebensnähe als ein Volljurist. „Man kann nicht sagen, dass er für diese Aufgabe ungeeignet wäre“, so das Fazit des Headhunters.
Führungsqualitäten
„Als Kanzleramtsminister hat er weniger eine politisch gestaltende Position, sondern ist Chef einer Behörde. Er war dort bereits fünf Jahre Staatssekretär, kennt die Behörde in- und auswendig und hat Führungserfahrung.“ Besonderer Bonus: „Er hat ein Vertrauensverhältnis zur Kanzlerin.“
Jobchancen in der freien Wirtschaft
„Er hat immer sehr viel parallel gemacht. Wenn ich aus diesen vielen Tätigkeiten etwas herauslesen kann, dann eine Stärke in Koordination und Projektmanagement.“ Außerdem: Braun könne natürlich auch als Arzt arbeiten oder in die Pharmaindustrie gehen.

  • 1
  • 2
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%