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Psychischer Stress Wie Sie in der Krise Ihre Kräfte aktivieren

Auch kleine Aktionen wie dieses Konzert, das das Musikerpaar Karoline Strobl und Zoltán Mácsai in Dresden auf ihrem Balkon geben, kann helfen, um sich in einer Krise aus der Schockstarre zu lösen. Quelle: dpa

Krankheiten, Epidemien, Jobverlust wirken wie Bedrohungen, auf die wir kaum Einfluss haben. Das lähmt viele Menschen, doch jeder kann versuchen Abwehrkräfte zu entwickeln. Zehn Tipps für mehr Resilienz in der Krise.

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Warum stehen manche Menschen Krisen besser durch als andere – und was lässt sich von ihnen lernen, um eine Gesellschaft auch in schwierigen Zeiten zusammenzuhalten? Mit dem Ausnahmezustand, der in Deutschland seit Ausbruch der Corona-Pandemie gilt, gewinnen diese Fragen zwar eine neue Dringlichkeit. Die Antworten darauf lassen sich aber vor allem aus einem Blick zurück gewinnen.

Nach den terroristischen Anschlägen auf das World Trade Center in New York im Jahr 2001 hat die American Psychological Association (APA) erforscht, was Menschen ausmacht, die diese Krise ohne psychische Schäden überstanden haben. Daraus entstand eine Art 10-Punkte-Plan, „The Road to Resilience“, der in den USA über Medien und Gesundheitszentren verbreitet wurde, um die psychischen Widerstandsfähigkeit in der Bevölkerung zu stärken. „Resilienz ist die menschliche Fähigkeit, sich angesichts von Tragödien, Traumata, Widrigkeiten, Schwierigkeiten und anhaltenden erheblichen Lebensstressoren anzupassen“, hielt Russ Newman damals fest, der die APA, eine der führenden Organisationen für psychologische Forschung, leitete.

Der Plan ist noch heute ein guter Leitfaden für all jene, die Resilienz aufbauen wollen, um seelischen Dauerstress zu überstehen. Ganz gleich, ob es sich um Arbeitslosigkeit, den Tod eines geliebten Menschen oder einen Terroranschlag handelt. Oder eben eine Epidemie und die damit verbundenen Unsicherheiten.

„Biologisch-medizinisch gesehen ist es kein Unterschied, ob wir Dauerstress im Job erleben und ins Burn-out schlittern – oder ob uns die Corona-Phase in die seelische Erschöpfung treibt“, betont die Biologin und Resilienz-Trainerin Carola Kleinschmidt. „Denn Stress killt die Kreativität – und ohne Kreativität gibt es keine Lösungen für neue Situationen.“ Entscheidend sei immer, die gefühlte Ohnmacht zu überwinden und wieder handeln zu können. Die Erfahrung, eben doch etwas bewirken zu können, senke den Stresspegel und hole einen aus der Abwärtsspirale von Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit heraus. „Wenn wir im Stress sind, verfallen wir entweder in Aktionismus oder in Schockstarre“, so Kleinschmidt. „Während es gut ist, vor einem Auto davonzuspringen oder sich vor einem Verbrecher zu verstecken, ist es bei lang anhaltenden Gefahrensituationen kontraproduktiv, den Ur-Reflexen zu folgen. Das sehen wir jetzt in der Corona-Krise an Panikkäufen und auch immer noch an manchen Gefahren-Leugnern.“ Um besonnen handeln zu können, müsse man den Stress senken und Resilienz entwickeln.

Fast jeder hat wichtige Fähigkeiten

Die APA definierte Resilienz als „Verhaltensweisen, Gedanken und Handlungen, die jeder Mensch lernen und entwickeln kann.“ Die entscheidenden Faktoren für sind die Pflege von Beziehungen, ein lebensbejahendes Weltbild, Zukunftsorientierung, konkrete persönliche Ziele sowie Vertrauen ins sich selbst.

Fast alle Menschen verfügen über einige dieser Fähigkeiten – und können diese in der Krise aktivieren. Wie dies gelingt? Dazu hat die APA in ihrer „Road to Resilience“ folgende Empfehlungen festgehalten.

Zehn Tipps für mehr Resilienz in der Krise

Auch Carola Kleinschmidt nutzt die Forschung der APA in ihren Trainings mit Führungskräften oder Beschäftigten, die vor der Kurzarbeit oder gar Entlassungen stehen. Dabei leitet sie aus der „Road to Resilience“ ab, wie sich bestimmte Typen ihre Stärken in der Krise zunutze machen können.

Auf dem Weg zur Neuorientierung

„Zurzeit“, sagt Kleinschmidt. „sehen wir hier in Deutschland zwei Typen, die sich besonders stark herausbilden: Die Netzwerker, die ihre Kontakte pflegen und ihr Wissen mehr denn je über soziale Medien teilen, und die Optimisten, die die Krise als Chance verstehen und sie als Anstoß zur Veränderung nehmen.“ Beiden rät sie, nun weiterhin auf ihre Stärken zu setzen: „Teilen Sie Wissen und Knowhow, das den Menschen durch die Krise hilft“, empfiehlt die Trainerin etwa den Netzwerkern. „Schalten Sie sich in aktuelle Diskussionen ein! Reaktivieren Sie Netzwerke online und telefonisch, die vielleicht eine Zeit lang brach lagen!“ Und Menschen, die ohnehin optimistisch sind oder an einer positiveren Einstellung arbeiten möchten, rät Kleinschmidt, sich bestimmte Erfolge in Erinnerung zu rufen und daraus Kraft für die aktuelle Krise zu schöpfen.

Soziales Engagement kann nach Ansicht von Kleinschmidt ebenso helfen, von der Ohnmacht in die Handlungsfähigkeit zu kommen, wie weitere Schritte für die persönliche Karriere für die Zeit nach Corona zu planen. Und auch Unternehmen können ihre Strategie Schritt für Schritt neu ausrichten. Menschen, die etwas tun, statt in Schockstarre zu verharren, zählt Kleinschmidt zum Typus der Aktionsorientierten: Das sind diejenigen, die für ältere Nachbarn die Einkäufe erledigen oder auch nur abends auf dem Balkon Kassiererinnen und Krankenpflegern Applaus spenden. Aus dem Vertrauen in sich und andere schöpfen diese Menschen Kraft.

Und mitunter entstehen so ganz neue Geschäftsmodelle: Diese Erfahrung etwa hat Carola Lehmann, Leiterin des WILA Bildungszentrums Bonn, gemacht. „Wenn viele der gewohnten Tätigkeiten wegfallen – wie bei uns zurzeit die Präsenzseminare – und man erst einmal mehr Zeit hat, werden plötzlich auch ungeahnte Energien frei“, sagt sie. „Wir bauen jetzt mit einem enormen Schub unsere Webinare aus und experimentieren dabei mit viel Freude auch mit bislang ungewohnter Technik und unterschiedlichen Formaten – und dabei sind auch schon völlig neue Themenfelder und neue Kunden und Kooperationen entstanden.“

So düster die Situation manchen derzeit auch erscheinen mag. Es kommen bessere Phasen. Auch das zeigt der Blick zurück. Und der Blick in die Länder, die die Coronakrise bereits bewältigt haben: Das Marktforschungsinstitut Concept M Research + Consulting hat in China, Italien, Deutschland und den USA untersucht, welche emotionalen Auswirkungen die Pandemie auf die Bevölkerung hat. Tiefeninterviews in Peking, Rom, Berlin, Köln und New York bestätigen, dass wir Menschen weltweit dieselben fünf Phasen durchlaufen: Inkubation, Panik, Depression, Neubesinnung – und Normalisierung. Alle jene, vom Textilunternehmer Wolfgang Grupp bis zur kleinen Krefelder Köser Boutique, die nun statt herkömmlicher Kleidung Masken nähen und teilweise sogar spenden, zeigen: Deutschland ist auf dem Weg von der Depression zur Neubesinnung.

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