Psychologie der Vorurteile Wo Fleiß gefragt ist, steigt der Frauenanteil

Frauen sind in der Wissenschaft offenbar vor allem da unterrepräsentiert, wo man Karrieren mit Begabung begründet – statt mit harter Arbeit. Das zeigt eine Studie unter amerikanischen Wissenschaftlern.

In der Biologie, glauben amerikanische Biologen, ist eher Fleiß als Genialität für Karrieren entscheidend. Der Frauenanteil ist in diesem Fach höher als beispielsweise in der Philosophie, wo es nach Ansicht der Philosophen eher auf Talent ankomme. Quelle: dpa/dpaweb

Leistung ist in allen Berufsfeldern und ganz besonders in der Wissenschaft der einzig akzeptable Grund dafür, dass der eine mehr Erfolg hat als die andere. Aber was macht Leistung aus? Kommt es mehr auf angeborene Begabungen an, die dem einen in die Wiege gelegt werden und dem anderen nicht? Oder auf Fleiß und die Mühen, die der eine auf sich nimmt und der andere meidet?

Abgesehen davon, dass die reine Leistungsgesellschaft ohnehin ein unerreichtes Ideal ist, unterschiedet sich die Gewichtung von Talent und Fleiß in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen erheblich. Und das hat offenbar großen Einfluss auf den Frauenanteil. So lautet zumindest das Fazit einer neuen Studie von Psychologen um Sarah-Jane Leslie von der Princeton Universität, die in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht ist.

Leslie befragte 1820 Männer und Frauen, die in verschiedenen Funktionen an Universitäten tätig waren - Professoren und Dozenten, Doktoranden und  Diplomanden aus 30 unterschiedlichen Fächern. Die Teilnehmer sollten verschiedene Fragen beantworten. Vor allem war die Frage wichtig, ob ihrer Ansicht nach Spitzenleistungen in ihrem Gebiet vor allem auf angeborenem Talent oder auf harter Arbeit beruhten. 

Je höher die Befragten den Faktor Talent bewerteten, desto niedriger war der Anteil weiblicher Doktoranden in dem entsprechenden Fach. Oder anders formuliert: Je mehr die befragten Wissenschaftler davon ausgingen, dass Erfolg in ihrem Bereich vor allem auf Fleiß und Beharrlichkeit zurückzuführen war, desto mehr Frauen waren in diesem Bereich vertreten. Dieser Zusammenhang zeigt sich ausnahmslos in jedem der 30 Fachgebiete. 

Die besten Universitäten der Welt
Rang 10: Universität von Kalifornien in Berkeley und University of Chicago Quelle: Creative Commons/Falcorian
Rang 9: ETH Zürich Quelle: REUTERS
Imperial College London Quelle: Imperial College London
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Rang 6: Harvard Universität Quelle: Reuters
Rang 5: Massachusetts Institute of Technology Quelle: Creative Commons/Thermos
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Rang 3: Stanford Universität"Die Luft der Freiheit weht". Dieser deutsche Spruch des Humanisten Ulrich von Hutten ziert das Siegel der 1891 gegründeten "Leland Stanford Junior University", wie sie mit vollem Namen heißt. Mit einem Stiftungsvermögen von über 17 Milliarden Dollar ist sie eine der reichsten Unis der Welt. Zwischen Mountain View und Menlo Park gelegen, ist Stanford die Silicon Valley-Uni. Quelle: REUTERS
Rang 2: California Institute of Technology Quelle: Creative Commons/Dhilung
Rang 1: Universität von Oxford Quelle: Creative Commons/Bill Tyne

Physik oder Philosophie zum Beispiel sind eindeutig männerdominiert. Und die meisten befragten Physiker und Philosophen glauben, dass das Talent der wichtigste Grund für Erfolg in ihrem Fach sei. Die Psychologie oder Biologie hingegen bewerteten die Befragten vor allem als Disziplinen für Fleißige. Und hier ist der Anteil von Frauen wesentlich höher – nicht nur bei den Befragten, sondern an den meisten Universitäten.

 Ob diese Mehrheitsmeinungen zutreffend sind, ob also Physiker tatsächlich generell weniger fleißig, aber genialer als Biologen sind,  interessierte die Psychologen wohlgemerkt in diesem Zusammenhang gar nicht.  Aus der Studie ist also auch nicht zu folgern, dass Frauen in der Wissenschaft generell fleißiger und Männer generell talentierter sind. Festgestellt haben Leslie und Kollegen nur, dass offenbar ein Zusammenhang besteht zwischen der vorherrschenden Attitüde in einem Fachbereich und dessen Frauenanteil.

Leslie interessiert sich als Psychologin für Generalisierungen und Denkweisen in bestimmten Milieus und sozialen Gruppen. Und für die Folgen, die diese Prägungen für einzelne Menschen und Gruppen haben. Denn diese bilden oft bewusst oder unbewusst das Fundament für Vorurteile und Diskriminierungen.  

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Gruppenspezifische Generalisierungen wie die in der Studie aufgedeckte könnten nicht nur dazu führen, Frauen Genialität – und Männern den Fleiß – unbewusst abzusprechen und sie schließlich bewusst bei Karriereentscheidungen zu diskriminieren. Sie verbreiten sich möglicherweise auch  zu den Frauen und Männern selbst, die sich dann irgendwann selbst für weniger talentiert oder fleißig halten. Die hält Frauen (und Männer?) womöglich davon ab, gewisse Berufszweige überhaupt in Erwägung zu ziehen. Psychologen bezeichnen diese gedankliche Bremse als „stereotype threat“.

Leslie rät daher: Wenn man den Anteil der Frauen in Fachbereichen steigern wolle, solle man vor allem die Bedeutung von Talent herunterspielen und den Wert harter Arbeit betonen.

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