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Psychologie Kritzeln erwünscht!

Im Uni-Höraal, beim Telefonieren oder bei Besprechungen: Viele Menschen kritzeln gerne vor sich hin. Warum sie das tun und was die einzelnen Motive bedeuten, kann man psychologisch erklären.

Was die Zeichnungen über ihre Schöpfer aussagen
Anlass: Der Zeichner hat diverse Kritzeleien eingesandt, die bei verschiedenen Anlässen entstanden sind: Abteilungsversammlungen, Schulungen oder Telefonaten. „Sobald ich ein Papier und einen Stift in die Hand bekomme, muss ich kritzeln“, sagt der Urheber. Interpretation: Die Zeichnungen sprechen für stabile Charaktereigenschaften. Alle Bilder sind ähnlich: fester Druck, geschwungene Linien und gut übers Blatt verteilt – alles ohne Text. Sie wirken wie phantasievolle und kreative Figuren. Der Kritzler ist ein leidenschaftlicher, nach Harmonie strebender Mensch. Er ist reich an Ideen, kommunikativ, erfolgsorientiert und kommt gut mit anderen klar.
Anlass: Das Foto zeigt den Ordner eines Studenten der Elektro- und Informationstechnik, den er sieben Semester lang in Vorlesungen und Seminaren dabei hatte. Zwei der gezeichneten  Tiere, nämlich der Rabe und das Yak, lehnen sich an die Nachnamen zweier Kommilitonen an. Interpretation: Während der drei Jahre hat der Student in verschiedenen Gefühlszuständen gekritzelt. Seine Tierskizzen weisen auf einen sehr selbstbewussten Menschen hin, der sich teilweise seinen Kommilitonen und Dozenten gegenüber überlegen fühlt, ohne ein Besserwisser sein zu wollen. Des Weiteren ist der Kritzler meistens sehr nüchtern und vernünftig. Das Haus vom Nikolaus, die Rechtecke und Zahlen verraten im positiven Sinne, dass er für das Studium der Elektro- und Informationstechnik ideal geeignet ist. Er hat aber auch alberne Momente, wie der Teddybär ganz oben und das eckige Kamel zeigen.
Anlass: WiWo-Redakteur Tim Rahmann verziert regelmäßig sein Handelsblatt während der Redaktionskonferenz. Interpretation: Rahmann ist ebenfalls ein sehr nüchterner Typ. Der Redakteur malt die weißen Buchstaben der Überschrift mit Strichen, Buchstaben und Sternen sehr kreativ, fast vernünftig und korrekt aus. Die große Genauigkeit fällt auch bei den geschwärzten Buchstaben auf –  besonders bei dem kleinen g. Er ist ein kluger und rationaler Mensch, der alle Themen sehr nüchtern durchdenkt. Dabei ist er nicht kalt wie eine Hundeschnauze, sondern emotional zuverlässig und ausgeglichen.
Anlass: Die Kritzel-Künstlerin bemalt ihre Schreibtischunterlage, während sie telefoniert. Interpretation: Die Unterlage zeigt Kritzeleien von mehreren Tagen. Die Zeichnerin ist ihrer Arbeit gegenüber positiv eingestellt. Das zeigt die Mischung aus Text und Bildern. Ihre Freunde schätzen sie und können alles mit ihr besprechen. Die gezeichneten Blumen sprechen für Harmonie mit Freunden.  Außerdem würde die Frau gerne mehr flirten, was das zarte Mädchen mit dem wehenden Rock verrät. Auch das Herz und die geschwungenen Linien sprechen für eine aufgeschlossene Person mit viel Herzblut.
Anlass: Während einer Fortbildung hat der Zeichner diese Kritzelei zu Papier gebracht. Interpretation: Sein Bild verrät seine kritische Teilnahme an der Fortbildung, weil manche Elemente wie Augen wirken. Diese können aber auch Selbstkritik ausdrücken. Der Kritzler ist klug, zurückhaltend und gelassen. Die Bänder und gebogenen Linien sprechen für seine Zurückhaltung. Die unterschiedliche Druckstärke weist auf Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit hin.
Anlass: Die Projektleiterin kritzelt während Konferenzen, in denen sie keinen aktiven Part hat. „Ich kann mich besser auf den Monolog konzentrieren, wenn ich kritzle“, sagt sie.   Interpretation: Die Projektleiterin zeichnet mehrfarbig, benutzt sowohl rote, blaue, türkise als auch schwarze Kugelschreiber. Sie hat alles dabei, ist gut organisiert. Teilweise erkennt man an der Farbwahl sicheres Entscheiden.  Der Text befindet sich vorwiegend oben und rechts auf dem Blatt, was für viele Kritzler typisch ist. Das eingepasste Bild zeigt einen phantasievollen und kreativen Menschen, leidenschaftlich, Harmonie suchend. Die gebogenen Linien mit fast perspektivischer Wirkung verraten, dass Streit meist von vornherein vermieden wird.
Anlass: Der Student zeichnete das Bild während einer Vorlesung auf seinem Tablet. „Bestanden habe ich das Fach trotz dieser kleinen bunten Ablenkung“, sagt der Masterstudent. Interpretation: Diese Zeichnung ist ein Beispiel dafür, dass Kritzeleien in Gemälde übergehen können. Der Heißluftballon und die Vögel weisen auf Selbständigkeit hin. Auch Realitätssinn, Ordnung und Harmonie können herausgelesen werden.

Psychologieprofessor Alfred Gebert ist entsetzt. Der Student lässt seine Aufzeichnungen im Hörsaal liegen, doch anstatt seitenlanger Mitschriften entdeckt der Dozent nur wildes Gekritzel.

Häufig ärgerte sich der Hochschullehrer über die vermeintlich unaufmerksamen Künstler, die lieber Linien, Kreise oder Phantasiegestalten zu Papier brachten, statt seiner Vorlesung zu lauschen. Zu unrecht, wie er später feststellte. Denn Gebert schrieb immer wieder Tests. Das Ergebnis: Die Kritzler schnitten besser ab als die anderen Studenten. „Das hat mich überrascht“, sagt der Wirtschaftspsychologe von der Fachhochschule des Bundes Münster.

Wer kritzelt, ist also nicht zwangsläufig unaufmerksam. Nein, im Gegenteil. Zu diesem Ergebnis kam auch die britische Psychologin Jackie Andrade von der Universität Plymouth im Jahr 2009. Bei ihrem Versuch kam heraus, dass Kritzler 29 Prozent mehr Informationen bei einem überraschenden Gedächtnistest behalten konnten als Nicht-Kritzler.

Die Teilnehmer hörten eine monotone Telefonnachricht ab, in der es um eine Party ging. Der Anrufer erzählte, wer schon zugesagt hatte und wer nicht zur Feier kommen würde. Die Aufzeichnung dauerte zweieinhalb Minuten. Die eine Hälfte der 40 Teilnehmer sollte Kritzeln, während sie der Partyplanung lauschte. Die anderen 20 sollten einfach nur zuhören. Das Ergebnis ist bekannt. Als mögliche Erklärungen führt die Psychologin mehrere Möglichkeiten an. Zum einen könnte Kritzeln einfach nur die geistige Erregung auf dem optimalen Level stabilisieren und damit die Menschen aufmerksam machen. Zum anderen könnte Kritzeln die Konzentration begünstigen, in dem es die Zuhörer davon abhält, in Tagträumen zu versinken.

Überschüssige Energie abbauen

Auch Psychologe Gebert von der Fachhochschule des Bundes in Münster glaubt, dass Zuhören alleine die Menschen oftmals unterfordere. Durch das Kritzeln würde die überschüssige Energie abgeführt. In den vergangenen 20 Jahren hat Gebert die Kritzelkunst seiner Studenten untersucht. Er sammelte regelmäßig die Zeichnungen im Hörsaal ein und ließ die Studenten Fragebögen zu ihrer Selbsteinschätzung ausfüllen. Dank der herumstehenden Namensschilder konnte er mehr als 500 Zeichnungen mit den Fragebögen vergleichen, Regelmäßigkeiten feststellen und Bedeutungen verschiedener Motive entschlüsseln.

Das sagen ihre Kritzeleien über Sie aus

Doch nicht alles, was während eines Vortrags, eines Telefonats oder einer Vorlesung gezeichnet wird ist eine Kritzelei. Der Kunstpsychologe Georg Franzen aus Celle definiert Kritzeleien, wie folgt: „Kritzelzeichnungen werden ohne Bedeutungsabsicht und ohne technische Fertigkeiten gefertigt. Sie entstehen, während der Verfasser einer anderen Tätigkeit nachgeht. Sie sind nur teilbewusst.“ Häufig sind die Kritzler selbst überrascht, was da aus ihrer Feder geflossen ist.

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