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Psychologie Warum wir doch keine Egoisten sind

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Illustration eines Handschlags Quelle: Edel Rodriguez

Warum tut er sich das an?

„Es kann zur Sucht werden, wenn man einmal erlebt hat, wie effektiv man nachhaltige Hilfe leisten kann“, sagt Borsche.

Zugegeben, der Arzt ist ein Extremfall. Genauso wie der Spender, der die Bonner Stadtverwaltung in diesem Jahr mit 50 Millionen Euro aus seinem Privatvermögen beglückte – aber partout anonym bleiben will. Oder der unbekannte Hamburger, der der Bürgerstiftung vor einigen Monaten 15 Millionen Euro für soziale Projekte vermachte.

Allerdings sind es auch immer die Extreme, die am meisten auffallen und Klischees prägen. So wie beispielsweise umgekehrt allzu raffgierige Boni-Banker oder bestechliche Fifa-Manager. Von den vielen kleinen selbstlosen Taten, mit denen sich die Menschen tagtäglich beglücken, nimmt jedoch kaum einer Notiz. Am Ende behalten wir nur das Negative im Kopf, die Skandale in den Nachrichten, die Geschichten vom Hochmut und anschließenden freien Fall.

Aber stimmt dieser Eindruck?

Nein, würden wohl die Meinungsforscher von Forsa sagen. Auch sie wollten vor einigen Monaten in einer repräsentativen Studie wissen, wie es hierzulande um die Solidarität bestellt ist. Die Frage dazu lautete: „Wären Sie bereit, angesichts der immensen Staatsverschuldung höhere Steuern zu zahlen?“

Weniger Platz für Egoismus

Üblicherweise antwortet Volkes Stimme an dieser Stelle entschlossen mit einem klaren „Nein!“. Noch mehr Steuern zahlen? Wer will das schon! Doch diesmal kam es anders.

Rund 43 Prozent der Deutschen mit einem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen zwischen 3000 und 4000 Euro waren sehr wohl bereit, dem Staat mehr von ihrem Geld abzugeben. Selbst ein Drittel der Bürger, die monatlich weniger als 3000 Euro netto verdienten, würde sich persönlich an der Sanierung des Fiskus beteiligen. Offenbar hat in dem Land, in dem der Begriff „Ellbogengesellschaft“ einst zum Wort des Jahres gewählt wurde, ein dramatischer Gesinnungswandel stattgefunden.

Allein bei der Deutschen Krebshilfe haben sich mittlerweile über drei Millionen Menschen dazu bereit erklärt, ihr Knochenmark einem Leukämiekranken zu spenden. Jeder dritte Deutsche engagiert sich in der Nachbarschaftshilfe, jeder Fünfte ehrenamtlich in Vereinen, jeder Zehnte im Sozialsektor.

„Das Zeitalter der Ichlinge geht zu Ende“, resümierte erst kürzlich der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski.

Anlass seiner Prognose: Die von ihm geleitete BAT Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg hatte 2000 repräsentativ ausgewählte Personen ab 14 Jahren mit verschiedenen Aussagen konfrontiert, darunter: „Für Egoismus ist in unserer Gesellschaft immer weniger Platz, wir müssen mehr zusammenhalten.“ 88 Prozent der Bundesbürger stimmten der These unmittelbar zu.

Instinktive Handlung

Bei zwischenmenschlichen Interaktionen spielen Fairness und Reputation eine weitaus gewichtigere Rolle als bisher angenommen. Schon länger betonen Spieltheoretiker, dass wir uns instinktiv selbstlos verhalten, sobald wir uns vor den negativen Folgen eines Ego-Trips fürchten. Und je stärker die Gemeinschaft, je transparenter das System, desto häufiger ist das der Fall.

Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie bekommen einen Zehn-Euro-Schein geschenkt – jedoch unter einer Bedingung: Sie müssen das Geld mit jemandem teilen. Wie viel Sie abgeben, bleibt Ihnen überlassen. Der Haken: Falls Ihr Gegenüber das Angebot ablehnt, bekommen Sie beide nichts.

Hinter dem vermeintlich trivialen Test verbirgt sich eines der berühmtesten Experimente der Wirtschaftspsychologie: das sogenannte Ultimatumspiel. Zwar wurde es bereits 1978 vom deutschen Ökonomen Werner Güth vom Max-Planck-Institut in Jena erfunden. Doch es erfuhr vor einigen Jahren eine Renaissance – durch eine der weltweit umfangreichsten Egoismus-Studien aller Zeiten.

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