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Psychologie Warum wir doch keine Egoisten sind

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Brille Quelle: Edel Rodriguez

Der Anthropologe Joseph Henrich von der kanadischen Universität von British Columbia reiste mit seinem Team um die ganze Welt – zu Bauern in Ostafrika, Hirten in der Mongolei, Studenten in Los Angeles und Ureinwohnern in den Anden. Mit insgesamt 2100 Menschen aus 15 verschiedenen Nationen spielten die Forscher das Ultimatumspiel.

Das Ergebnis: In allen Industrieländern ebenso wie in Städten in Entwicklungsländern gab der erste Spieler im Schnitt die Hälfte des Betrages ab. Bei den Stammesvölkern hingegen waren die Resultate weniger einheitlich: Am großzügigsten war das Volk der Lamalera, Walfänger in Indonesien, die ihrem Gegenüber knapp zwei Drittel anboten. Besonders knickerig waren die Machiguenga im peruanischen Regenwald, die etwa drei Viertel der Summe einbehielten.

Allerdings: Deren Mitspieler empfanden die jeweilige Aufteilung gar nicht als ungerecht. Offenbar verhielten sich die jeweiligen Zivilisationen in Henrichs Experimenten bloß ihrem Alltag entsprechend.

Die Machiguenga beispielsweise sind ein Volk von Individualisten. Jede Familie lebt zurückgezogen, hat keine Freunde und ist bei der Ernährung auf sich gestellt. Kurzum: Sie müssen zum Überleben nicht auf die Sympathie ihrer Mitmenschen bauen – anders als die Lamalera.

Mindestens neun Mann Besatzung brauchen sie, um eines ihrer Ruder- und Segelboote während des Walfangs stabil auf dem Wasser zu halten. Auf Kooperation können sie dabei unmöglich verzichten. Genauso wie die Menschen in westlichen Metropolen.

Dort kommen im Alltag weder Angestellte noch Führungskräfte und auch keine Selbstständigen auf Dauer ohne die Gunst ihrer Mitmenschen aus. Das Lebensmotto „Nach mir die Sintflut“ taugt nur in extremen Ausnahmefällen.

Egoistische Altruisten

Nun ließe sich einwenden, dass auch das Taktieren, Paktieren und Sympathisieren letztlich eine Form von Egoismus ist – nur raffinierter. Danach würden wir uns nur deswegen uneigennützig verhalten, weil wir uns hernach kurzfristig besser fühlen und uns langfristig Vorteile erhoffen. Nächstenliebe und Altruismus wären also lediglich Mittel zum Zweck und damit pure Sozialfassade.

Zum Teil stimmt das. Eine völlig selbstlose Tat ist genauso eine Utopie wie die » » von der durch unsichtbare Hände gelenkten Gesellschaft aus Egomanen. Hinter jeder guten Tat steckt, zugegebenermaßen, stets auch eine mal mehr, mal weniger große Dosis Eigennutz.

Doch würden wir deshalb den Rostocker Lebensretter Valentin Filipenko als Egoisten bezeichnen, weil er sich nach seiner waghalsigen Aktion vielleicht kurz wie ein Held fühlte? Oder Mutter Teresa, weil die viel Anerkennung für ihre Unterstützung der Armen von Kalkutta bekam? Wohl kaum.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Denken wir vor dem Handeln bewusst an unseren eigenen Vorteil, wägen wir opportun ab – oder entscheiden wir uns vorrangig und instinktiv für die gemeinnützige Variante?

Wunsch nach sozialer Anerkennung

Nach Meinung von Hirnforschern lautet die Antwort hierauf eindeutig „Nein“. Unser Gehirn sei zur Kooperation konstruiert. Nicht unser persönlicher Vorteil sei das Hauptmotiv – vielmehr ist es unser Wunsch nach sozialer Anerkennung. Und die bekommen wir eben nicht auf einem Egotrip, sondern am ehesten, wenn wir zusammenhalten. „Wer auf Dauer sozial komplett isoliert ist, geht biologisch zugrunde“, sagt etwa der Psychiater Joachim Bauer von der Uni Freiburg (siehe Interview rechts).

Unterfüttert wird dies auch durch die jüngste Ausgabe einer internationalen Langzeitstudie, die Gert Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin gemeinsam mit zwei Kollegen aus Australien und den Niederlanden veröffentlichte. Über 25 Jahre hatte das „Sozio-ökonomische Panel“ die Zufriedenheit der Bundesbürger verfolgt.

Dabei fanden die Forscher heraus: Am glücklichsten waren nicht etwa jene Menschen, die beruflichen oder materiellen Erfolg anstrebten – sondern diejenigen, die sich gemeinnützig oder in der Familie engagierten.

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