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Riesige Arbeitskräftelücke Mehr arbeiten gegen den demografischen Wandel

Die Erwerbsquote und die Jahresarbeitszeit sollten erhöht werden, fordert die Kommission "Zukunft der Arbeitswelt". Sie unterschätzt dabei die Wirkung des Wertewandels und die wachsende Marktmacht der Arbeitnehmer.

Welche Länder überaltern
Platz 8: Schweden Quelle: dapd
Platz 7: Portugal Quelle: REUTERS
Senioren beim Nordic-Walking Quelle: dpa
Griechenland Quelle: dpa
Platz 10: Finnland Quelle: dapd
Platz 5: Bulgarien Quelle: Reuters
Platz 4: Italien Quelle: dapd

Das Problem ist bekannt: Die Deutschen bekommen zu wenige Kinder, sie werden weniger und älter. Und wenn sie nicht mehr und länger arbeiten, drohen vermutlich Wohlstandseinbußen. Die prominent besetzte Expertenkommission der Robert-Bosch-Stiftung hat in ihrer heute an Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen übergebenen Studie "Die Zukunft der Arbeitswelt" eine Reform der Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik angemahnt, die den künftigen Mangel an Arbeitskräften in Deutschland verhindern soll. Ohne drastische Maßnahmen werde die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte bis 2030 um zwölf Prozent sinken. Die Zahl der 15- bis 67-Jährigen wird sich - bei gleichbleibender Geburtenrate und Einwanderung - bis 2030 um 5,5 Millionen Menschen verringern. Ohne die Erhöhung des Renteneintrittsalters würde sich die Zahl potentieller Arbeitskräfte noch um eine weitere Million verringern.

Das Rezept der vor allem aus Ökonomen zusammengesetzten Kommission ist, auf einen kurzen Nenner gebracht, einfach: Ein größerer Teil der weniger Werdenden muss arbeiten, und zwar mehr als heute. Wie könnte es auch anders sein, wenn eine abnehmende Bevölkerung nicht weniger produzieren soll. Vor allem die Erwerbsquote und die durchschnittliche Jahresarbeitszeit der Erwerbstätigen müssten also steigen, fordern die Autoren. Sie haben die Effekte verschiedener Instrumente auf den Arbeitsmarkt und die Beitragsstabilität in den sozialen Sicherungssystemen berechnet. Ihre Szenarien zeigen, so behaupten sie, dass Politik, Sozialpartner und Unternehmen in einer gemeinsamen Anstrengung die sinkende Zahl von Arbeitskräften in einer alternden und schrumpfenden Gesellschaft bis zum Jahr 2030 durchaus noch ausgleichen können.

So nutzen Mittelständler ihre Stärken im Wettbewerb um Fachkräfte

"Unsere Berechnungen haben ergeben, dass der demografische Wandel kein unabwendbares Schicksal für den Arbeitsmarkt ist", behauptet Hans-Peter Klös, Sprecher der Kommission und Leiter des Wissenschaftsbereichs Bildungspolitik und Arbeitsmarktpolitik des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). "Doch wir dürfen nicht nur über die Zahl der Köpfe auf dem Arbeitsmarkt sprechen. Noch effektiver ist es, die Arbeitszeit von Teilzeitkräften zu erhöhen, zum Beispiel von Frauen oder älteren Menschen." Darüber hinaus empfiehlt die Kommission, gezielt in die Qualifikation von Menschen zu investieren, die besonders von Arbeitslosigkeit bedroht sind, und die Produktivität des einzelnen Arbeitnehmers durch lebenslanges Lernen zu erhöhen.

Die meisten der Empfehlungen in der Studie hat man so oder so ähnlich schon andernorts gehört - und sie sind sinnvoll: Die Betreuungsinfrastruktur für Kleinkinder soll verbessert werden, anstelle des Ehegattensplittings wird ein Kindersplitting empfohlen und ein Mehr an familienunterstützende Dienstleistungen könnte Anreize zu Steigerung der Geburtenrate setzen. Auch der Dauerbrenner "Punktesystem für qualifizierte Einwanderung" findet sich im Forderungskatalog von Klös und Kollegen. Die Experten empfehlen außerdem Reformen der sozialen Sicherungssysteme. Sie raten unter anderem dazu, in der gesetzlichen Pflege- und Krankenversicherung eine solidarische Bürgerprämie einzuführen und die Lebensarbeitszeit zu verlängern, über die bereits beschlossene Rente ab 67 hinaus. Es müsse vor allem "bessere Nutzungsmöglichkeiten bei der Teilrente, zusätzliche Gestaltungsmöglichkeiten bei den Rentenabschlägen sowie eine einfachere Handhabung bei Langzeitkonten" geben. Das alles ist vernünftig.

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