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Sabbatical Eine Auszeit von der Krise

Viele träumen von einer beruflichen Auszeit, doch ist die Wirtschaftskrise die richtige Zeit für ein Sabbatical? Manche Unternehmen haben gar nichts dagegen. Für wen sich jetzt ein Sabbatical lohnt und wer lieber im Job bleiben sollte.

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Inga Gobrecht Quelle: Chris Gloag für WirtschaftsWoche

Kneipe gegen Büro? Zugegeben, ein ungewöhnlicher Tausch, den Inga Gobrecht vor einigen Monaten einging. Dennoch ist es ein bewusster. Seitdem trägt die 28-Jährige Jeans und Turnschuhe statt Hosenanzug und Pumps. Und ihre Gespräche am Arbeitsplatz drehen sich auch nicht mehr um Aktienkurse, Bilanzen oder Depots. Stattdessen diskutiert sie jetzt über Fußball, Darts und die englische Königin.

Im März verabschiedete sich Gobrecht von ihren Kollegen in der Privatkundenbetreuung der HypoVereinsbank in München. Seitdem lebt sie in London und kellnert in einem Pub. Der Grund für den Branchenwechsel: Gobrecht macht ein Sabbatical.

Eine berufliche Auszeit nehmen – ausgerechnet jetzt? Mitten in der Krise seinem Chef verkünden, dass der die nächsten sechs bis zwölf Monate auf die Mithilfe verzichten muss? Die Vorstellung erscheint derzeit mindestens opportun – wenn nicht sogar tollkühn.

Die Sonnenseiten eines Sabbatjahres

Dahinter steckt die Angst, sich durch den Interimsabschied die Karriere zu verhageln, wenn nicht gar den Job zu verlieren. Motto: Wer das Schiff in stürmischen Zeiten verlässt und womöglich seine Entbehrlichkeit dokumentiert, wird nicht mehr gebraucht, wenn die Sonne wieder scheint. 

Selbst wenn der Arbeitgeber das offiziell anders sieht, lehnen manche Arbeitnehmer ein solches Angebot lieber vorsorglich ab. Als etwa der britische Autokonzern Vauxhall im Dezember 2008 seinen 2.200 Arbeitern in einer Fabrik in der Nähe von Liverpool das Angebot machte, eine berufliche Auszeit von bis zu neun Monaten zu nehmen – bei 50-prozentigem Gehalt –, ging zwar ein Raunen durch die Belegschaft. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen: Nur 15 Mitarbeiter gingen darauf ein.

Trotzdem hat das Sabbatical aktuell auch seine Sonnenseiten. „Einige Arbeitgeber sind gerade sicher dankbar, wenn die Angestellten ihnen dadurch kurzfristig Kosten sparen helfen“, sagt Sörge Drosten, Partner der Unternehmensberatung Kienbaum.

Für viele Firmen ist ein Sabbatical von Vorteil

Einerseits nutzen Unternehmen das Sabbatical als Lockmittel für die Rekrutierung. Aus einer Studie der Marktforschung Lünendonk im März geht hervor, dass 38,5 Prozent der IT-Unternehmen dies den Mitarbeitern in spe in Aussicht stellen. Doch dient das Sabbatjahr zunehmend dazu, kurzfristige Auftragsrückgänge abzufedern, Kurzarbeit zu umgehen oder Entlassungen zu vermeiden.

So bot die zweitgrößte spanische Bank BBVA ihren Angestellten vor Kurzem an, für 30 Prozent des Gehalts zu Hause zu bleiben – in einem Rahmen von drei bis fünf Jahren. Wer akzeptierte, bekam noch eine Jobgarantie für die Rückkehr. Zudem übernimmt die Bank alle Gesundheitskosten.

In den USA wiederum gehen einige Anwaltskanzleien derzeit einen noch exotischeren Weg: Sie stellen High Potentials ein, zahlen ihnen das Jahresgehalt von 60.000 US-Dollar auf einen Schlag aus und schicken sie gleich wieder nach Hause – zum bezahlten Nichtstun. Der Grund für diese großzügige Geste ist jedoch nicht etwa Verschwendungswahn oder geistige Umnachtung, sondern pure Erfahrung: Top-Talente unter den Junganwälten sind derart rar und hart umkämpft, dass die Kanzleien sie so früh wie möglich an sich binden – und sie lieber bezahlen, bis die Konjunktur wieder anzieht und es für sie was zu tun gibt.

HypoVereinsbank-Zentrale in in Quelle: dpa

Auch hierzulande ist die Sehnsucht nach einer Auszeit auf Arbeitnehmerseite durchaus vorhanden. 38 Prozent aller Deutschen würden sich laut einer Forsa-Umfrage gerne für einige Zeit aus dem Job ausklinken. Bei Managern ist der Wunsch sogar noch größer: 69 Prozent der Führungskräfte träumen davon, eine Auszeit zu nehmen, fand die Personalberatung Heidrick & Struggles im April heraus.

Die Motive dafür können unterschiedlich sein: Der eine will endlich seine lang ersehnte Weltreise machen, der andere eine neue Sprache lernen oder sich beruflich spezialisieren und weiterbilden.

Dennoch klafft zwischen Wunsch und Wirklichkeit eine Riesenlücke: Nur etwa vier Prozent aller Arbeitnehmer gehen tatsächlich den Schritt ins Sabbatjahr – der Rest träumt weiter.

Auslandserfahrungen nachholen

Inga Gobrecht aber nicht. Direkt nach dem Abitur hatte sie im Jahr 2000 eine Ausbildung zur Bankkauffrau bei der Vereins- und Westbank in Göttingen absolviert und dort anschließend Privatkunden betreut, 2005 zog sie in die bayrische Landeshauptstadt und wechselte zur HypoVereinsbank. Im vergangenen Jahr absolvierte sie ein internes Förderprogramm für zukünftige Führungskräfte – dessen Name „Jump“ signalisiert, dass dies normalerweise die Startrampe in den Karriere-Orbit ist.

Bevor sie abhebt, entschied sich Inga Gobrecht allerdings für eine kurze Unterbrechung: „Ich bin nach dem Abitur direkt ins Arbeitsleben eingetaucht, ohne Auslandserfahrung zu sammeln“, sagt sie. Das wolle sie nachholen, Krise hin oder her.

In der Krise Mitarbeiter an sich binden

Ende des vergangenen Jahres berichtete sie ihren Vorgesetzten von dem Plan. Die waren überrascht, stimmten aber zu – und gestanden, ebenfalls schon von einer solchen Auszeit geträumt zu haben.

„Kluge Arbeitgeber binden gute Mitarbeiter auch in der Krise an sich“, sagt Elizabeth Pagano, die US-Firmen in Sachen Sabbatical berät. Bevor die Talente abwandern oder aus Kostengründen gefeuert werden, sei die Auszeit eine attraktive Alternative.

Es gibt Unternehmen, die den Rat bereits umsetzen. Als das New Yorker Families and Work Institute im vergangenen Jahr 1.100 US-Unternehmen befragte, kam heraus: Jede fünfte Firma mit weniger als 100 Mitarbeitern gestattete eine Auszeit von mindestens sechs Monaten. Bei Unternehmen mit über 1000 Mitarbeitern war es sogar jedes dritte.

Auch in Deutschland führen viele Unternehmen Arbeitszeitkonten, die den Mitarbeitern ein Sabbatical ermöglichen. Wer sich dafür entscheidet, geht mit hoher Wahrscheinlichkeit ins Ausland. Studien zufolge würde ein Drittel während der Auszeit eine Weiterbildung machen, zwei Drittel hingegen reisen.

Lufthansa-Flugzeug beim Start: Quelle: dpa

Dass ein solcher Auslandsaufenthalt der Persönlichkeit dient, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Dass er auch kreativer macht, ist aber neu: Den Schluss legt eine aktuelle Untersuchung der beiden Psychologen William Maddux von der französischen Business School Insead und Adam Galinsky von der amerikanischen Kellogg School of Management nahe.

In der Studie unterzogen sich 205 Studenten einem Kreativitätstest. Sie bekamen eine Kerze, Streichhölzer und einen kleinen Pappkarton mit Reißzwecken. Ihre Aufgabe: Sie sollten die Kerze an einer Korkplatte befestigen und anzünden – allerdings ohne Wachs auf den Boden tropfen zu lassen.

Fazit: 60 Prozent der Studenten, die bereits einige Zeit im Ausland verbracht hatten, meisterten die Herausforderung. Von jenen, die bisher nur in der Heimat geblieben waren, schafften den Test nur 42 Prozent. (Die Lösung besteht übrigens darin, die Reißzwecke aus dem Karton zu nehmen, die Kerze dort hineinzustellen und den Karton mit der Reißzwecken an der Korkplatte zu befestigen.)

Die Auszeit sinnvoll nutzen

Die Psychologen schlussfolgerten daraus, dass die Studenten im Ausland neuen Eindrücken ausgesetzt waren, die ihre Querdenkerfähigkeiten verbesserten.

Doch wie lange sollte eine solche Auszeit derzeit dauern? „Sechs bis zwölf Monate sind in Ordnung“, sagt Stefan Koop, Geschäftsführender Gesellschafter der Delta Management Consultants, „weniger bringt nichts und mehr bringt einen zu sehr raus.“

Wesentlich wichtiger sei aber, die Zeit abseits des Arbeitsplatzes sinnvoll zu nutzen – etwa, indem man Projekte angeht, die einen nicht nur persönlich, sondern auch fachlich weiterbringen. Zum Beispiel ein MBA absolvieren oder ein soziales Projekt managen. „Das sind Dinge, die später beeindrucken“, findet Koop.

Das alles gilt aber nur für einfache Angestellte oder Berufsanfänger. Führungskräften raten Experten dringend davon ab, ein Sabbatical zu nehmen. Gerade jetzt würden die Macher und Manager im Maschinenraum gebraucht und nicht irgendwo anders.

Ralf Hilscher

Höchstens ein verdienter Mitarbeiter dürfe sich eine Auszeit gönnen. Jemand, der bereits jahrelang geschuftet und Erfolge erzielt hat. Jemand wie Ralf Hilscher.

17 Jahre arbeitet der Personalreferent nun schon bei der Allianz. Eine lange Zeit. Vielleicht eine zu lange. Um den Kopf wieder freizubekommen, bat er seinen Chef um eine fünfmonatige Auszeit. Und der hatte Verständnis: Hilscher habe viel für das Unternehmen gegeben, jetzt sei es an der Zeit, etwas zurückzubekommen.

Immerhin: Hilscher hatte bereits Überstunden gehamstert, Weihnachts- und Urlaubsgeld in Freizeit umgewandelt und seinen gesamten Jahresurlaub aufgespart. Effekt: Er bekam während des Sabbaticals auch weiterhin sein Gehalt.

Was man beim Sabbatical beachten sollte

Die Zeit nutzte er, um durch Asien zu reisen – unter anderem nach Indonesien, Malaysia und Singapur. Von den Eindrücken profitiere er nach seiner Rückkehr inzwischen auch im Alltag: Im Job sei er viel gelassener und sensibler als vorher, sagt er.

Ganz gleich, wie man die Zeit nutzt – der Arbeitgeber sollte wissen, was er von der Auszeit des Mitarbeiters hat. Experten raten dazu, dem Vorgesetzten schriftlich vorzulegen, was man während der Zeit tun will und was man sich davon verspricht. Das zeigt zum einen, dass man sich den Schritt gründlich überlegt und vorbereitet hat. Zum anderen ist man so gezwungen, Kosten und Nutzen für den Arbeitgeber zu bilanzieren.

Und nur wenn die Bilanz positiv ausfällt, lohnt sich der Interimsabschied derzeit für beide Seiten.

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