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Selbstoptimierung Ein Plädoyer für mehr Genuss – auch nach den Feiertagen

Weihnachten ist vorbei. Also ist wieder ein Jahr lang Schluss mit Muße und Genuss. Beides passt nicht zur asketischen Selbstoptimierung. Wir schwanken zwischen Extremen. Wäre ein Mittelweg nicht sinnvoller?

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Faulsein mit Stil
Abwarten, Tee trinken!Kaffee vor Arbeitsbeginn, Kaffee in der Mittagspause und Kaffee als Überstunden-Überlebenshilfe – kennt jeder. Finger weg, sagt aber Tom Hodgkinson und ruft zum Teetrinken auf. Denn den trinke man langsam und bedächtig – und möglichst gaaaanz entspannt, nicht wie Kaffee, in mächtigen Pappbechern "to go" und hektisch zwischendurch. Sein Vorbild ist die chinesische Teezeremonie, bei der Haltung, Geschirr und Stille eine Einheit eingehen. Kaffee dagegen sollte der Müßiggänger meiden, er sei ein Feind der Ruhe und des Müßiggangs. „Wir sind vom freudlosen Kaffeetrinken befallen und verseucht worden […] Wir sollten uns ihm widersetzen und uns zum Tee bekennen, dem uralten Getränk von Dichtern, Philosophen und Grüblern.“ Quelle: AP
Weg mit dem Wecker!„Der Schlaf ist ein mächtiger Verführer, daher die furchterregende Apparatur, die wir zu seiner Bekämpfung entwickelt haben. Ich meine die Weckeruhr. Großer Gott! Welches boshafte Genie hat diese beiden Feinde des Nichtstuns – Uhr und Wecken – zu einer Einheit zusammengefügt?“ Verschlafen als Sünde? Das gilt vielleicht für die Arbeitswelt aber nicht für Tom Hodgkinson. Er rät, aufzustehen, wenn wir es wollen und erst dann, wenn wir glauben, es lohne sich. Also fort mit dem Wecker und den Tag gemütlich starten. Quelle: dpa
Ein kleiner Spaziergang schadet nie!„Sei ein Flaneur der Mittagspause. Schlendere. Trödele. Lass dich treiben. Es ist ein höchst angenehmes Gefühl, anderen überlegen zu sein und selbst über sein Schicksal bestimmen zu können, wenn man einfach den Schritt verlangsamt und sich willenlos treiben lässt. Auf diese Weise zu schlendern heißt, sich zu weigern, ein Opfer der Stadt zu werden, es hilft einem vielmehr, sie zu erfassen und zu genießen.“ Zur Kunst des rechten Spazierengehens zitiert Hodgkinson Walter Benjamin. Ihm zufolge soll man die Straße, die Bäume so sehen als wäre man gerade in einem fremden Land angekommen. Quelle: dapd
Ein Drink zwischendurch fördert den Müßiggang!„Der Cocktail symbolisiert ein Wohlgefühl des Geistes, also träume all die Träume, die deinem Herzen am nächsten sind. Sie können wahr werden, und zu keiner anderen Zeit wird ihre Erfüllung so nah erscheinen. Denn dies ist die Cocktailstunde.“ Mit Cocktails, Wein oder Bier den Arbeitstag beenden, die irdischen Sorgen zur Seite legen und Geselligkeit zulassen, das rät Hodgkinson dem gewillten Müßiggänger. Den ersten Drink sollte man möglichst früh zu sich nehmen, damit der Abend schön wird. Und wem das noch nicht reicht, für den hat Hodgkinson noch einen Tipp auf Lager: "Absinth tötet dich, aber er bringt dich zum Leben." Quelle: AP
Krank sein, aber richtig!Krank sein ist nervig? Weit gefehlt! Krank sein gehört zum Leben dazu, meint Hodgkinson, und das soll bitteschön akzeptiert werden. Das beste was der Müßiggänger dann machen kann, ist die Krankheit in Ruhe aussitzen und entspannt genesen. Früher gab es tagelange Ruhe- und Liegekuren für Erkältete oder monatelange Aufenthalte in Badeorten für nervös Leidende. Hodgkinsons Tipps für eine schnell Genesung: „Wie es bei vielen anderen Aspekten des müßigen Lebens der Fall ist, ist die vernünftige Lösung für die Krankheit nicht der Versuch, sie zunichte zu machen, sondern Strategien für den Umgang mit ihr zu entwickeln.“ Quelle: dpa
Angeln - altmodisch, aber entspannend!Angeln zur Entspannung? Das ist nicht abwegig, meint Hodgkinson und weiß auch warum: "Der wahre Inhalt des Angelns, sein Kern, ist sicherlich die vollkommene Stille und Reglosigkeit. Es geht darum, ruhig und bewegungslos zu sein; und es geht ums Warten. Es geht um Sein und gleichzeitig Nichtsein. Es ist etwas für Philosophen und Poeten. Ja, es ist Philosophie und Poesie.“ Quelle: dpa
Rauchen befreit von Lastern!Das ständige „Ja“ und „Nein“ sagen zum Rauchen beschreibt Hodgkinson als ständigen Kampf und gibt einen einfachen Tipp ab, wie man sich von diesem Laster befreien kann: „Rauchen heißt Müßiggang, und es ist schwierig, stolz zu sein, wenn man arbeitet und beschäftigt ist. Wie das Angeln verwandelt das Rauchen den gewöhnlichen Menschen in etwas Heldenhafteres, Vollkommeneres; es macht einen Herrn aus einem Sklaven (…) Wie das Angeln bringt das Rauchen Tätigkeit und Untätigkeit miteinander in Einklang. Wenn man raucht, tut man nicht nichts, man raucht. Man ist gleichzeitig beschäftigt und bewegungslos.“ Quelle: dpa

Die Adventszeit und Weihnachten sind wie der nächtliche Fressanfall bei einer Nulldiät. Das ganze Jahr über gab es gluten-, zucker- und fettfreie Lebensmittel aus dem veganen Biosupermarkt. Das Fitnessarmband sorgte bei Bewegungsmangel fürs schlechte Gewissen. Und dann, ab dem 1. Dezember, ist Schluss mit Askese: Genuss ist das Schlagwort der besinnlichen Adventszeit.

Im Dezember nehmen wir uns Zeit: Zeit für uns selbst, Zeit um mit den Kindern Plätzchen zu backen und mit der Oma durch die Stadt zu bummeln. Wir nehmen uns Zeit für Musik und die Zeit, um dem Bettler am Bahnhof ein paar Münzen zu geben. Außerdem pfeifen wir auf die Ernährungsratgeber und -berater - ist je schließlich Weihnachten - und gönnen uns auch noch ein zweites Gänsebein und noch ein Plätzchen zum Glühwein. Oder zwei.

Spätestens Januar schlägt der Neujahrsvorsatz zu

Eigentlich eine prima Sache, sagt Psychologin Ilona Bürgel: „Die Adventszeit ist ein Ventil. Vier Wochen lang darf man über die Stränge schlagen, ganz viel essen und das auch genießen, ohne an die Konsequenzen zu denken. So ein Ventil ist ganz wichtig, weil wir uns Sinnesfreuden eigentlich das ganze Jahr über verbieten.“

Denn am 27. Dezember, spätestens am 1. Januar, ist Schluss mit lustig. Dann kommen die Neujahrsvorsätze: mehr Sport, weniger und gesünder essen, weniger Alkohol.

Diese guten Vorsätze hatten die Deutschen für 2016

Unternehmen, die vier Wochen vorher mit Genussmomenten und Gänsekeule geworben haben, bieten nun Pülverchen und Trainingsgeräte, um den Feiertagsspeck wieder loszuwerden.

Auch wer nicht zugelegt hat, achtet wieder darauf, möglichst fit und erfolgreich zu sein. Blockflöte spielend auf dem Sofa sitzen und Kekse mümmeln passt nicht in unsere Zeit. Schließlich dreht die Welt sich immer schneller und wer nicht mithält, ist raus.

Die Wirtschaftselite macht es vor: Steve-Jobs-Nachfolger Tim Cook steht nach eigenen Angaben jeden Morgen um 3:45 Uhr auf, checkt seine Mails und trainiert im Fitnessstudio, bevor er als einer der ersten bei Apple auf der Matte steht. Und AOL-Chef Tim Armstrong hält das Leben für zu aufregend um zu schlafen. Er steht zwischen fünf und viertel nach fünf auf, macht Frühsport und testet dann neu entwickelte Produkte, bevor er seine E-Mails abarbeitet.

Selbst im privaten Umfeld hört man häufig, dass manche sich regelrecht dazu zwingen müssen, einmal nichts zu tun. Montags sitzen Menschen im Achtsamkeits-Seminar, um dort genau das zu tun, was sie sich sonntags verbieten. Sie tun nichts, außer ihren Atem zu spüren und achten auf all die Kleinigkeiten um sie herum.

Allerdings ertragen wir Muße-Stunden außerhalb eines geleiteten Seminares auch offenbar nicht mehr gut. In einer Reihe von Experimenten haben US-Forscher herausgefunden, dass viele Personen es schrecklich finden, mit sich selbst alleine zu sein. Einige verabreichen sich sogar lieber Elektroschocks, als ohne weitere Beschäftigung ihren Gedanken nachzuhängen, berichteten die Wissenschaftler im Fachmagazin „Science“.

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