WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Selbstversuch in der Share Economy Das Leben als moderner Tauschhändler

Seite 3/3

Bei Sharing Economy fehlt es an der kritischen Masse

Und der ist klein. Nur Lisa meldet sich an. In ihrem Profil schreibt sie kurz und knackig: „Ich bin offen für alles.“ Dahinter ein Zwinker-Smiley. Es fühlt sich ein bisschen an wie ein Blind Date. Irgendwie ist es das auch – nur dass meine Freundin dabei ist. „Ich wollte mal ausprobieren, wie das so funktioniert“, sagt Lisa. Kochen könne sie eh nicht, da ist es umso schöner, bekocht zu werden. Und mit drei Euro ist mein Angebot zudem günstiger als jedes Restaurant.

Joinmymeal ist zugleich ein typisches Beispiel, woran es der Sharing Economy an vielen Ecken noch fehlt: an der kritischen Masse. Um bei anderen essen zu gehen, habe ich mir einen Mail-Alarm eingerichtet, der mir mitteilt, wann ich bei jemandem mit essen könnte. In zweieinhalb Monaten kam nur eine Nachricht an.

Die Carsharing-Angebote im Überblick

Unbeantwortete Anfragen

Ähnlich schwierig ist es noch mit Plattformen wie WhyOwnIt, Leihdirwas.de oder frents.de, auf denen Gegenstände jeder Art getauscht werden. Die meisten meiner Anfragen für Bohrmaschinen oder Fahrräder bleiben schlicht unbeantwortet. Die anderen werden abgelehnt – ganz egal, ob diese in Ratingen oder Berlin gestellt wurden. Auch der Versuch, über eine Berliner Facebook-Gruppe einen Hund für ein paar Stunden spazieren zu führen, scheitert schon am mangelnden Vertrauen.

Selbst eine gelungene Anbahnung bedeutet nicht zwingend Erfolg: Wenige Stunden vor der vereinbarten Ausleihe der Bohrmaschine, schreibt mir der Besitzer, sie sei gerade kaputt gegangen. Als ich wenig später seinen Kärcher ausleihen will, erhalte ich gar keine Nachricht mehr.

Prognostiziertes Wachstum in der Shared Mobility

Zu teuer

Andere Gerätschaften wiederum sind für eine Tagesmiete so teuer, dass sie für mich nicht infrage kommen. Ein wackliges Billig-Stativ für meine Kamera soll 15 Euro am Tag kosten. Das Produkt hat einen Neuwert von 40 Euro. Ein gutes Geschäft für den Verleiher, ein schlechtes für den Mieter. Im gemeinschaftlichen Tausch fallen unter Umständen Profite an, die Gewerbetreibende neidisch machen.

Davon kann bei meinem Auto-Angebot nicht die Rede sein: Zwecks Markteinstieg verlange ich nur 15 Euro pro Tag, Benzin nicht inbegriffen. Viel mehr als den Verschleiß deckt das nicht. Zwar ist der Wagen für die Zeit der Vermietung über eine private Autoversicherung von Autonetzer versichert, aber nicht für unfreiwillige Verlängerungen, wie es jetzt bei mir der Fall ist.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Stau

Ich probiere es erneut auf dem Handy. Mailbox. Leicht panisch mache mich zum vereinbarten Treffpunkt auf. Plötzlich höre ich die Stimme von Rita Reichard von der Verbraucherzentrale jetzt immer deutlicher in meinem Kopf: „Wenn jemand mit dem Auto wegfährt, kommt dafür auch keine Versicherung auf.“

Die Straßenbahnfahrt kommt mir mindestens doppelt so lang vor, wie gewöhnlich. Als ich schließlich in die Straße des Treffpunkts komme, fährt mir mein Auto entgegen. Am Steuer sitzt Johann. „Tut mir echt leid, dass es so lange gedauert hat. Wir standen im Stau“, sagt er, als er mir die Schlüssel übergibt.

Auf den ersten Blick sind keine Dellen oder Kratzer als Erinnerung an das Experiment zu erkennen. Und trotz eineinhalb Stunden Verspätung und seines ausbleibenden Anrufs – ich möchte seiner Entschuldigung glauben. Denn Vertrauen ist die Währung der Share Economy. Meinen A3 teile ich nie wieder. Über den Rest können wir reden.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%